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Themenschwerpunkt:

Stadtentwicklung

  • 02.10.2017
  • von Henri Kramer

Krampnitz: Potsdams Utopia

von Henri Kramer

Wie gemalt. Das neue Krampnitz – hier der schon geplante Eingangsbereich – soll grün, klimaneutral und doch urban werden. Autos spielen im Verkehrskonzept nur eine untergeordnete Rolle. Repro: Andreas Klaer

Im neu entstehenden Stadtteil Krampnitz will die Stadt Fehler der Vergangenheit vermeiden. Die PNN geben einen Überblick zu den Plänen.

Krampnitz - 3500 Wohnungen, bis zu 20 Prozent davon mit Sozialbindung, dazu 20 000 Quadratmeter Gewerbeflächen, drei Kitas, eine Grundschule, eine weiterführende Schule, ein Jugendtreff und viele öffentliche Grünflächen: Die seit Jahren brach liegende Kaserne Krampnitz soll in etwa 15 Jahren ein Vorzeige-Stadtteil für mehr als 7000 Menschen sein. Bei der am Mittwoch beginnenden Expo Real, der größten Immobilienmesse Europas, will Potsdam nun für das Großprojekt werben, bei Investoren, Architekten und Stadtplanern. Für die Expo Real hat der kommunale Entwicklungsträger Krampnitz (ETK) Projektbeschreibungen für das Viertel aufgelegt, die den PNN vorliegen. Darin finden sich viele Details – die einen Eindruck geben, wie Krampnitz als urbanes und dennoch durchgrüntes Neubauquartier einmal funktionieren soll. Die PNN geben einen Überblick.

VIELE NEUBAUTEN

Eigentlich hatte die Stadt nur rund 4000 Menschen in Krampnitz ansiedeln wollen und dafür 2012 sogenannte Angerdörfer mit Einfamilienhäusern entworfen. Angesichts des Drucks auf den Wohnungsmarkt müsse man aber mehr Wohnraum schaffen, sagte ETK-Chef Bert Nicke auf PNN-Nachfrage. Daher wird nun neu geplant – für 7000 Menschen. Dabei sollen möglichst 20 Prozent der Wohnungen mit Wohnungsbauförderung und somit mit Mietpreis- und Belegungsbindungen errichtet werden, heißt es auch in den Expo-Real-Unterlagen. Die Ausweitung der entsprechenden Förderkulisse für Krampnitz strebe man in Abstimmung mit dem Landesministerium für Infrastruktur an, bestätigte eine Stadtsprecherin. Es seien aber noch keine Gespräche erfolgt, teilte ein Ministeriumssprecher auf Anfrage mit. Gleichwohl wäre so ein hoher Anteil an Sozialwohnungen für Nicke ein „tolles Signal“ für die Durchmischung des künftigen Stadtteils: „Das wird kein Luxuswohnquartier.“

Fest steht bereits, wie der bisher größte Investor vor Ort, die Deutsche Wohnen AG aus Berlin, seine Neubauten anlegen will. Demnach sollen zehn Prozent der Wohnungen bis zu 45 Quadratmeter groß sein, weitere zehn Prozent kommen dagegen auf Werte zwischen 90 und 120 Quadratmetern. Wie die Wohnungsneubauten im Rest von Krampnitz von noch zu findenden Investoren angelegt werden, soll bei einem schon begonnenen Städtebau-Wettbewerb bis kommenden März überlegt werden. Insgesamt geht es laut ETK um 200 000 Quadratmeter potentielle Wohnfläche.

LEBEN IN DENKMÄLERN

Prägend für das künftige Viertel sollen zahlreiche denkmalgeschützte Kasernenbauten mit markanten Klinkerfassaden sein, die zu Wohnzwecken umgebaut und saniert werden. So sind ein markantes Mannschafts- und ein weiteres Offiziersgebäude für Geschosswohnungen und Lofts vorgesehen, auch Pflegeeinrichtungen sind aus Sicht des ETK in diesen Bauten denkbar. Dafür ist ab Mitte 2018 eine Investorensuche geplant.

Fest steht schon: Saniert durch die Deutsche Wohnen AG werden die sogenannten Klinkerhöfe – das sind dreigeschossige Wirtschaftsgebäude und Mannschaftsunterkünfte, in denen vielfältige Wohnformen und Dienstleistungen integriert werden sollen. Auch darin seien Pflegeheime denkbar, heißt es beim ETK.

In den Planungen eine wichtige Rolle spielt auch das Bergviertel. Plattenbauten in dem Gebiet werden noch dieses Jahr abgerissen. Stattdessen sollen Doppel- und Mehrfamilienhäuser gebaut werden. Darüber hinaus befinden sich in dem Bereich noch rund 60 denkmalgeschützte Häuser, die saniert oder je nach Zustand – viele sind marode – abgerissen und ersetzt werden sollen. „Wir versuchen aber so viele wie möglich zu retten“, sagte ETK-Chef Nicke. Damit das Viertel eine einheitliche Prägung erhält, soll im kommenden Jahr ein weiterer Architekturwettbewerb ausgelobt werden – um Typenhäuser zu bestimmen, die vor Ort überhaupt errichtet werden können. Diese Gebäude sollen dann potentiellen Kunden angeboten werden, erklärte Nicke. Zu den möglichen Preisen machte er noch keine Angaben. Im relativ nahen Bornstedter Feld waren zuletzt Grundstückspreise von 550 Euro pro Quadratmeter Bauland erreicht worden.

KITAS, SCHULEN, FREIZEITSPASS

Beim Einzug der ersten Bewohner soll Krampnitz schon möglichst viel bieten. Daher müsse auch die erste Kita bereits 2020 fertiggestellt sein, heißt es in Anforderungen für den besagten Planungswettbewerb. Insgesamt würden drei Kitas mit je 120 Plätzen benötigt, vorgesehen sind je 3000 Quadratmeter. Ebenso frühzeitig verfügbar soll „an zentraler Stelle“ eine dreizügige Grundschule mit Hort und Sporthalle für 500 Schüler sein. Dafür sind 6000 Quadratmeter angedacht. Diese mehrstöckige Schule soll auch als Stadtteilzentrum dienen und abends von Anwohnern genutzt werden können, so der ETK. Als weiterführende Schule ist ein dreizügiges Gymnasium für 560 Schüler in die Planungen aufgenommen worden – samt Sporthalle und großzügiger Sportanlagen. „Die Sportflächen der Schulen sollen auch für den Vereins- und Freizeitsport genutzt werden können“, betont der ETK ausdrücklich. Daher müsse auch auf Lärmschutzauflagen geachtet werden. Auch ein Skatepark samt Halfpipe ist vorgesehen – sowie ein Jugendtreff.

Es sei auch für Erwachsene ein „Netzwerk aus Begegnungsräumen“ zu schaffen, so die Aufforderung an die Planer. Und möglichst naturnah sollen die künftigen Bewohner leben können, wirbt der ETK für Krampnitz: „Aufgrund des langjährigen Brachliegens des Geländes ist ein beträchtlicher Baum- und Gehölzbestand herangewachsen, der als einzigartiger Vorteil für den zukünftigen urbanen Raum genutzt werden kann.“ Erhalten werden soll so der Horstbaum eines Rotmilans, geplant ist ein Übergang zur benachbarten Döberitzer Heide. Zudem befindet sich der Fahrländer See in der Nähe, dort ist ein kleiner Hafen geplant.

VORRANG FÜR SPAZIERGÄNGER

Beim Verkehr setzt man vor allem auf die vom Potsdamer Verkehrsbetrieb schon entworfene Tramtrasse vom Jungfernsee über Neu Fahrland nach Krampnitz. Die Straßenbahnlinie, die laut ETK sogar noch bis Fahrland verlaufen könnte, soll wie berichtet mindestens 50 Millionen Euro kosten und frühestens ab 2025 fahren können – weil unter anderem ein aufwendiges Planfeststellungsverfahren notwendig ist. Bis zur Inbetriebnahme sollen Busse entlang der geplanten Tramtrasse verkehren, so die ETK-Planer.

Insgesamt sei der Verkehrsraum in Krampnitz aus Sicht von Fußgängern zu gestalten, das Hauptaugenmerk soll nicht auf dem Autoverkehr liegen, so der ETK weiter. Es soll maximal Tempo 30 gelten. Als Alternative zum Auto sollen die Planer bei dem besagtem Städtebauwettbewerb ein „engmaschiges Rad- und Fußwegenetz“ entwerfen. Ebenso sind Carsharing-Angebote sowie Ladesäulen für Elektroautos vorgesehen. Und weiter: „Im Sinne eines auch im Hinblick auf Mobilität zukunftsorientierten Stadtquartiers sollen intelligente Parkplatzlösungen mit möglichst geringen Flächenbedarfen gefunden werden“. Vorgeschlagen werden „zentralisierte, gebündelte Parkstationen“. Für die Tram-Wendeschleife ist ein Park-and-Ride-Areal mit 100 Stellplätzen geplant. Auf eine Temporeduzierung müssen sich laut den Unterlagen auch die Nutzer der Bundesstraße 2 einstellen, die an Krampnitz vorbeiläuft: Ein „ungebremstes Durchfahren“ des neuen Quartiers müsse unterbunden werden.

ARBEITSPLÄTZE IN DER NÄHE

Damit Autoverkehr gar nicht erst entsteht, wollen die Planer mindestens 20 000 Quadratmeter für „nicht störendes Gewerbe“ sowie wohnverträgliche Dienstleistungen reservieren – um so auch Arbeitsplätze im Quartier bieten zu können. Neu aufgebaut wird ein ehemaliges Pförtnergebäude, dort sollen Einzelhändler und Dienstleister einziehen. Hierfür soll ab Herbst 2018 ein Investor gefunden werden. Durch die parallele Entwicklung des Campus Jungfernsee entstünden in geringer Entfernung weitere Arbeitsplätze mit Schwerpunkt Informationstechnik, wirbt der ETK.

EIN KLIMANEUTRALES VIERTEL

Das Ziel eines klimaneutralen Quartiers, welches ohne den Einsatz von fossilen Energieträgern auskommt, wird ausdrücklich weiterverfolgt. Man sei mit den Stadtwerken dazu im Gespräch, sagte ETK-Chef Nicke. Unter anderem müssten Fördermittel akquiriert werden, „sonst wird es schwer“. In dem Viertel soll Solar- und Geothermie verwendet werden – auch an den Wohnbauten, die zusätzlich auf den Dächern begrünt werden sollen. Eine Energiezentrale wird in einem ehemaligen Heizhaus im Nordosten von Krampnitz entstehen.

KRAMPNITZ WIRD NOCH GRÖSSER

Bemerkenswert: Das alles soll noch in den nächsten 15 Jahren passieren. Doch schon jetzt sollen die Planer in ihrer Gesamtkonzeption genügend Raum für eine zweite Ausbaustufe vorsehen, wie es in den Unterlagen zum städtebaulichen Wettbewerb heißt. Und weiter: „Im Sinne eines ressourcenschonenden Städtebaus, aber auch angesichts eines lebendigen Stadtquartiers und tragfähiger gewerblicher Strukturen, erscheint es sinnvoll, die Einwohnerdichte und damit auch die bauliche Dichte des Entwicklungsbereiches perspektivisch zu erhöhen.“ Genaue Zahlen stehen dazu allerdings noch nicht fest. Dagegen sind die Kosten für die erste Krampnitz-Stufe schon klar: Mit einem Minus von fünf Millionen Euro rechnet das Rathaus. Der Betrag setzt sich zusammen aus Einnahmen durch Grundstücksverkäufe und Ausgaben für etwa die Erschließung. Am Ende steht: Ein Stadtteil.

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