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  • 13.09.2017
  • von Henri Kramer

PNN-Serie: Potsdam vor der Bundestagswahl: Direktkandidatin Annalena Baerbock: Politik der kleinen Schritte

von Henri Kramer

„Man muss Partei ergreifen.“ Das sagt Annalena Baerbock, Klimasprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag. In Potsdam führt sie einen Verein, der Flüchtlingen hilft. F.: Andreas Klaer

Ihre Gesichter sind auf Wahlplakaten in ganz Potsdam zu sehen. Doch wer sind die Menschen, die den Wahlkreis vertreten wollen? Die PNN stellen sie vor. Heute: Annalena Baerbock (Grüne).

Ihre Gesichter gehören derzeit zum Stadtbild: Die Direktkandidaten, die von ihren Parteien in Potsdam ins Rennen um ein Bundestagmandat geschickt worden sind, haben meist viele Plakate hängen lassen. Das ergibt für den Wähler ein Bild – aber nicht mehr. Wer sind die Menschen, die den Potsdamer Wahlkreis 61 im Bundestag vertreten wollen? Welche Ziele haben sie? Wie kamen sie in die Politik? Was bewegt sie? Um ins Gespräch zu kommen, haben wir die Bewerberinnen und Bewerber von CDU, SPD, Linke, AfD, Bündnis 90/Die Grünen und der Freien Wähler eingeladen – an einen bewegten Ort: Die PNN-Redakteurinnen und Redakteure gehen mit den Kandidaten auf eine Fahrt mit Tram oder Bus quer durch die Landeshauptstadt. Was sie dabei erfahren, lesen Sie hier.

Heute: Mit Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) in der Tram 92 von der Kirschallee bis zur Marie-Juchacz-Straße – und wieder zurück.

Annalena Baerbock spricht gerade über Grundlagen ihrer politischen Arbeit im Bundestag, getreu ihrem Leitspruch: „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht dieser Welt verändern.“ Zugleich wird es in der Tatra-Bahn, die Richtung Innenstadt fährt, immer voller. An diesem Dienstagmittag sind viele ältere Frauen unterwegs. Das merkt auch Baerbock – und unterbricht ihr Interview, bietet ihren Sitzplatz einer älteren Frau an, die gerade zugestiegen ist. „Wir können im Stehen weitersprechen“, sagt sie. Kurz darauf hilft Baerbock einer weiteren Seniorin, ein Geh-Wägelchen herauszuhieven. Die Dame schimpft: Solche Bahnen, nicht barrierefrei, sollten gar nicht mehr fahren. Die Politikerin stimmt zu. Erkannt wird die 36-Jährige aber nicht.

Die Szene steht für vieles, was Annalena Baerbock in diesem für die Grünen schwierigen Wahlkampf erlebt. Als Spitzenkandidatin der Brandenburger Grünen ist sie das Gesicht ihrer Partei in der Mark. Das bedeutet Wahlkampfauftritte in Potsdam, aber eben auch in Templin oder in Cottbus. „Man muss sich zerteilen.“ Viele Menschen würden grüne Politiker gar nicht kennen, stellt sie fest.

„Da reicht kein zusammengeschnittenes YouTube-Video.“

Dabei schätzt sie gerade den direkten Austausch, versucht, sich dafür Zeit zu nehmen. Denn natürlich gebe es Vorbehalte gegen Abgeordnete, auch weil viele Spitzenpolitiker kaum in kleinen Runden mit Bürgern zu erleben seien. Diese direkte Ansprache, was verändert werden soll, müsse wieder mehr gepflegt werden. „Da reicht kein zusammengeschnittenes YouTube-Video.“

Politik hat Baerbock schon interessiert, als sie noch ein Kind war und in einem Dorf südlich von Hannover wohnte. Damals schon nahmen ihre Eltern sie mit zu Demonstrationen gegen Atomkraft. Doch eigentlich wollte Annalena Baerbock zunächst Reporterin werden, über die Krisen der Welt berichten. Doch mit einem Praktikum im Europarat in Straßburg änderte sich dieser Wunsch. Denn mit dem Praktikum hatte sie auch die Möglichkeit, als damals 23-Jährige am 1. Mai 2004 um Mitternacht auf der Oderbrücke zwischen Frankfurt an der Oder und dem polnischen Slubice die Osterweiterung der EU feiern zu können. An diesen historischen Tag denkt sie noch heute manches Mal zurück. „Das hat mir Tränen in die Augen getrieben.“ In dem Moment sei ihr klar geworden: Man kann etwas verändern, wenn man für etwas streitet. „Man muss Partei ergreifen“, sagt die studierte Politologin und Völkerrechtlerin.

Seit 2013 sitzt Baerbock im Bundestag

Als politische Heimat suchte sich Baerbock die Grünen, arbeitete sich schnell nach oben, war ab 2009 für vier Jahre Landesvorsitzende der Brandenburger Grünen, zog 2013 in den Bundestag ein, ist inzwischen die klimapolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Für Potsdam und den Berliner Speckgürtel habe sie aus der Opposition heraus versucht, die Zugverbindungen zu stärken, gerade auch auf der Linie 1 in Richtung Berlin – eine Strecke mit vielen sanierungsbedürftigen Brücken. „Diese Verbindung ist massiv gefährdet“, sagt Baerbock.

Solche Themen haben im Wahlkampf bisher keine große Rolle gespielt, eher ging es etwa um das Thema Flüchtlinge. Ihre Haltung ist klar: Hier muss geholfen werden. Dafür hat Baerbock zusammen mit einigen Mitstreitern den Verein „Hand in Hand“ gegründet, um etwa Flüchtlinge bei Ämtergängen zu begleiten oder bei der Wohnungssuche zu unterstützen. Zudem könne sie ihr Wissen um neue Gesetze auf Bundesebene auch im Sinne der Geflüchteten nutzen: „Und so sieht man auch selbst, wo es in der Gesetzgebung noch hakt.“ So würden gerade Frauen darunter leiden, dass der Familiennachzug für Flüchtlinge ausgesetzt sei. Gerade auf die Arbeit mit Geflüchteten kommt sie während der Tatra-Fahrt mehrfach zu sprechen. Auch eines der Bücher, deren Lektüre sie am meisten bewegt hat, handelt von dem Thema. „Tausend strahlende Sonnen“ von Khaled Hosseini, ein Roman über das dramatische Schicksal von Frauen in Afghanistan. „Das hat mich sehr bewegt.“

Mit Anfeindungen versucht sie offensiv umzugehen

Ihr Engagement erzeugt aber auch Widerspruch, in sozialen Netzwerken habe sie bereits Hassbotschaften erhalten. Mit Anfeindungen versuche sie offensiv umzugehen, erzählt Baerbock: „Wenn man die Leute direkt fragt: ’Was haben Sie gegen mich persönlich?’, dann wird die Stimmung schnell besser.“ Scheinbare Gewissheiten seien in Gefahr geraten, von der EU bis zum Antirassismus. „Gegen das Denken ’Zurück ins nationale Kämmerlein’ muss man Farbe bekennen.“

Und so ist sie in diesen Wahlkampfzeiten täglich unterwegs, auch an Wochenenden. Für ihre beiden Töchter muss derzeit ein Nachmittag die Woche reichen. Das schmerzt manches Mal, gibt Baerbock zu, zumal die ältere Tochter gerade eingeschult wurde. „Aber es muss eben auch möglich sein, dass Frauen mit Kindern in der Politik arbeiten und die Probleme, etwa mit der Kita-Qualität, auch kennen.“ Im Bundestag tat sie sich mit jungen Müttern aus anderen Fraktionen zusammen, um zumindest kleine Verbesserungen durchzusetzen. „Es gab nicht einmal einen Wickeltisch.“ Und so ist sie wieder bei ihrem Motto: Kleine Dinge tun, damit sich etwas ändert.

Das Wahlprogramm: Wofür Annalena Baerbock steht

Als Nächstes erscheint am Freitag die Folge mit Norbert Müller von den Linken sowie am 18. September mit SPD-Kandidatin Manja Schüle. CDU-Kandidatin Saskia Ludwig hat nicht zugesagt, den PNN für dieses Format zur Verfügung zu stehen.

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