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  • 12.08.2017
  • von Sabine Schicketanz

„Die Allüre hatte Friedrich der Große ja schon“

von Sabine Schicketanz

Wolfgang Joop mit einem der Welpen seiner Hündin Leni. Foto: privat / Edwin Lemberg

Potsdam, immer wieder Potsdam: Wolfgang Joop siedelt sein neues Label "Looks" im Krongut Bornstedt an. Ab Montag geht dort die Arbeit los. Von "Wunderkind" hat sich der 72-Jährige derweil getrennt, gibt er im PNN-Interview bekannt.

Herr Joop, alle Ihre Wege führen bald nach Bornstedt, den Ort Ihrer Kindheit. Dort werden Sie künftig wohnen und arbeiten?

Ja, so ist es. Wissen Sie, neulich, ich kam aus dem Fitnessclub in der Breiten Straße, bin ich mit dem Fahrrad meine ganz alte Gegend abgefahren. Die Feuerbachstraße, wo die Klavierlehrerin meiner Mutter und meiner Tante Ulla ihre Wohnung hatte, den Paradiesgarten mit seinem Wasserfall und dem Pavillon – es war für mich wie im Märchen, wenn es nach vielen Irrungen und Wirrungen doch ein Happy End gibt. Plötzlich war da dieser Gedanke, der hat mich wirklich geflasht: Jetzt bist Du wieder da, jetzt endlich – nicht mehr Vorstadt, sondern genau dort, wo alles begann.

In Bornstedt, Ihrem Elternhaus.

Ja. Wir haben angefangen, das Haus, das meine Mutter bewohnt hat, das ich 1995 gebaut habe – in Abwesenheit, ich war fast nur in New York – zu renovieren und zu modernisieren. Es hatte sich durch den Hamburger Innenarchitekten ein bisschen Sylt eingeschlichen, handgemalte Streifentapete, viel Gelb und Blau. Aber eigentlich war es ja früher nur ein großer Kuhstall. Ich habe die Stützpfeiler befreit von der dorischen Gipssäule, das alte Eisen darunter wiederentdeckt, Terrazzo am Boden verlegt und den Sandstein eliminiert. Es sieht jetzt nach uns aus, nach unserem Geschmack, für den mein Lebenspartner Edwin Lemberg und ich ja auch bekannt geworden sind. Im September, Oktober werden wir einziehen können.

Und gegenüber, in ehemaligen Wasch- und Backhaus des historischen Kronguts Bornstedt, werden Sie arbeiten?

Ja. Dort zieht mein neues Label „Looks“ ein. Nach 14 Jahren habe ich mein Unternehmen „Wunderkind“ freigegeben. Mein ehemaliger Geschäftspartner und seit drei Jahren schon Geschäftsführer Peter Kappler wird es ohne mich weiterführen.

Sie machen mit „Looks“ etwas Neues?

Nach der Sendung „Germanys Next Top Model“ ist es eine Tatsache, dass mich eine wesentlich jüngere Fangemeinde anspricht – die ich immer im Herzen hatte, für die es aber bisher nicht erschwinglich war, die „Wunderkind“-Kollektion zu kaufen. Ich war immer für die Beginner, die jungen Leute, nicht für die Arrivierten.

„Wunderkind“ haben Sie schon abgegeben?

Ja. Ich hatte zuletzt in Mailand bei den Schauen gemerkt, dass ich dieses System nicht mehr bedienen möchte: Das System, zweimal im Jahr eine große Schau zu machen, die viele Hunderttausende Euro kostet, ein endloses Casting; im März anzufangen, für die nächste Sommerkollektion Stoffe zu bestellen, Drucke zu zeichnen – da bin ich mehrmals thematisch vom Wege abgekommen. „Looks“ gibt mir eine völlig neue Chance, mich in kürzeren Kollektionen auszudrücken. Sie werden online vertrieben und über Departmentstores wie Breuninger, das KaDeWe ist auch im Gespräch, um eventuell im Herbst auch einzusteigen. Das Label „Looks“ mache ich jetzt so, wie man ein Magazin macht: Wir stellen uns ein Thema, illustrieren dieses auch mit Accessoires, fotografieren es, stellen es online. Es gibt Storys, Videos, Interviews, Fotostrecken. Stylisten und Autoren werden vorgestellt. Ich arbeite wie ein Chefredakteur.

Alles funktioniert nur noch online?

Ja, wir benutzen dafür Social Media, die ganzen neuen Möglichkeiten, die eben von Kunden und Fans benutzt werden. Heute ist ein Blogger interessanter als ein Printmagazin, das ein halbes Jahr braucht, um mit Stylisten und Fotografen die Mode zu reinterpretieren. Li Edelkoort, die große Trendforscherin, hat es vorhergesagt: Das Selfie ist unser neues Format, es ist eine Selbstbespiegelung, Selbstbetrachtung und Selbstoptimierung, die an das Brustbild der vorherigen Jahrhunderte erinnert.

Welche Rolle spielt da Mode?

Mode wird immer wichtiger als Selbstinszenierung. Als Möglichkeit, dazuzugehören oder sich individuell anders darzustellen. Und das immer schneller via Internet. Keiner muss mehr draußen vor der Modenschau warten, sich unter die Zuschauer drängen, und man muss auch nicht Geld damit verschwenden, ein Set aufzubauen, das hinterher abgerissen wird. Ich finde das alles nicht mehr zeitgemäß.

Was geschieht mit den Mitarbeitern von „Wunderkind“?

„Wunderkind“ läuft weiter und bleibt in Berlin, und die mir wichtigsten 14 Mitarbeiter ziehen jetzt zu „Looks“ ins Krongut ein. Dort machen wir alles, die Musterung, die Planung, die Entwürfe, die Erstmodelle – das, was wir für „Wunderkind“ in der Villa Rumpff und später im Hotel Bogota in Berlin gemacht haben …

… dem jetzigen Sitz von „Wunderkind“ …

Ja, aber vom ersten Moment an habe ich mich dort nicht wohlgefühlt. Ich habe mir zwar eine Wohnung in Berlin genommen, am Bode-Museum, aber nicht eine Nacht darin übernachtet.

Wirklich?

Ja, es war zu nah an Potsdam, ich wollte abends zurück. Die drei Restaurants in Berlin kenne ich schon – und dann bin ich ja auch am Wochenende nie ins Berghain gegangen. Sondern nach Hause.

Nach Potsdam.

Ja, ich habe dieses Nach-Hause-Gefühl langsam entwickelt. Ich glaube, jetzt erst wird es realisierbar sein. Denn ich war einer, der sich nirgends zu hause gefühlt hat. Und Potsdam wird ja jetzt doch eine kleine Weltstadt. Die Allüre, aufgeklärt und avantgardistisch zu sein, hatte Friedrich der Große ja schon.

Wie beeinflusst Potsdam Ihre Mode, Ihren Stil?

Dieser Stil von „Looks“, – romantic daywear nennen wir das – ist etwas, was wirklich modern ist, weil es uns den Spiegel so hinhält, als hätten wir nicht so viele Absichten. Es ist lounge, es ist unzynisch, es ist sehr bohème, und das werden wir weiter machen. Es ist wie Potsdam: ein bisschen hochnäsig und ein bisschen bescheiden.

In Potsdam wird viel gestritten, wie die Stadt sich entwickeln soll.

Also ganz ehrlich: Ich habe mir sehr, sehr gewünscht, dass das Stadtschloss und das Barberini gebaut werden. Doch ich finde, es fehlt ein bisschen Patina. Es sieht neu aus, was ja kein Wunder ist, Patina kannst Du leider nicht bestellen. Das macht die Zeit.

Und die Fachhochschule, soll sie stehen bleiben?

Wenn das Gebäude woanders stehen würde, würde ich es toll finden. Es ist total Zeitgeschmack, dieser Moment der Modernität, der Radikalität auch, nach neuen Formen suchen zu wollen. Wir haben seitdem ja nur die Postmodernität, was eben bedeutet Postmodern, also: danach. Ich finde allzu viel Romantisierung, allzu viel Betonbarock und Fassaden nicht passend. Wichtig ist aber vor allem, dass dort Leben ist, dass es keine Bürohäuser werden. Ein Zentrum, wo man abends und nachts hingehen kann.

Haben Sie bei Ihrer Wiederentdeckung der Stadt auch einen besonderen Ort wiederentdeckt?

Ja. Wenn ich auf der Orangerie von Sanssouci bin, wenn ich da oben stehe, denke ich, ich gucke von oben über die Welt – und empfinde das unglaubliche Privileg, dass mir dieser Anblick erhalten geblieben ist seit meiner Kindheit. Ich begreife jetzt erst wirklich, dass ich zuhause bin.

Das Interview führte Sabine Schicketanz


Nachtrag für Potsdamer Hundeliebhaber:Das Foto zeigt Wolfgang Joop mit einem der zehn schwarzen Welpen, die seine Hündin Leni vor zwölf Wochen auf die Welt gebracht hat. Vier der Hunde, drei Mädchen und ein Junge, sind noch abzugeben – „an Menschen mit viel Zeit und Liebe“ und gegen einen symbolischen Euro und mit Besuchsrecht für ihn und seinen Lebenspartner Edwin Lemberg, wie Joop sagt. Die Mutter ist ein Rhodesian Ridgeback, der Vater Riesenschnauzer Caruso, deutscher Champion – gezeugt wurde der Nachwuchs im Neuen Garten. Interessenten schreiben eine E-Mail an m.lunkwitz@lembergpr.com.


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