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  • 09.08.2017
  • von Sandra Calvez

Kinder und Jgendliche in Potsdam: Weniger häusliche Gewalt gegen Kinder

von Sandra Calvez

Die Zahl der Inobhutnahmen in Potsdam steigt dagegen stark an. Foto: Patrick Pleul/dpa

Die Zahl der Inobhutnahmen im Stadtgebiet steigt dagegen stark an. Beide Notdienste der Stadt sind mit der Betreuungsarbeit ausgelastet.

Potsdam - Die Zahl der Straftaten gegen Kinder im Kontext häuslicher Gewalt hat in Potsdam in den letzten Jahren abgenommen. Waren es 2010 laut Polizeilicher Kriminalstatistik noch 55 Fälle, wurden 2016 nur noch 27 Fälle von häuslicher Gewalt gegen Kinder bekannt. Das ergab die Antwort der rot-roten Landesregierung auf eine kleine Anfrage der beiden CDU-Abgeordneten Kristy Augustin und Steeven Bretz. Bei Jugendlichen blieb die Zahl der Fälle relativ stabil.

Zwar muss man in diesem Bereich immer auch von einer Dunkelziffer ausgehen, da nicht alle Fälle gemeldet und damit statistisch erfasst werden. Aber der Trend sei trotzdem eindeutig, vor allem da die Bevölkerung in der Stadt in diesen Jahren stetig wuchs. In Potsdam ist der Trend damit entgegengesetzt zur Entwicklung im Land: Brandenburgweit hat die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt gegen Kinder im selben Zeitraum massiv zugenommen. Von 216 Fällen im Jahr 2010 stieg die Zahl bis 2016 auf 373 an. Bei Jugendlichen hat sich die Zahl sogar verdoppelt, von 119 Fällen in 2010 auf 243 im Jahr 2016.

Immer mehr Kinder und Jugendliche in Potsdam in Obhut genommen

Stark gestiegen ist in Potsdam allerdings die Zahl der so genannten Inobhutnahmen. Dabei geht es um jene Kinder und Jugendlichen, die entweder auf eigene Initiative oder durch das Jugendamt vorläufig außerhalb ihrer Familie untergebracht werden, um sie zu schützen. Bei Kindern unter 14 Jahren sind die Zahlen recht stabil. Bei Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren dagegen hat sich die Zahl laut Statistikamt Berlin-Brandenburg von 66 im Jahr 2012 auf 156 im Jahr 2016 mehr als verdoppelt. Von den Kindern wurden 101 auf eigenen Wunsch in Obhut genommen.

Diese Steigerung, so vermutet die Landesregierung, könne auf die in den letzten beiden Jahren neu angekommenen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zurückgeführt werden. Sie kommen ohne ihre Familie nach Deutschland, weil sie diese entweder auf der Flucht verloren haben, sie nicht mehr lebt oder aber die Jugendlichen alleine aufgebrochen sind, weil nicht genug Geld für die Flucht der ganzen Familie da war. 25 der Jugendlichen sind derzeit im Potsdamer Clearinghaus untergebracht, einer spezialisierten Aufnahmestelle des Jugendhilfeverbandes (JHV). Sie bleiben bis zu drei Monate dort, bis eine andere Unterbringung für sie gefunden wird.

Fluchtpunkt und Kinderkrisen-Einrichtung voll ausgelastet

Zur Aufnahme von Kindern in akuten Notsituationen gibt es in Potsdam zwei Kriseneinrichtungen, den Fluchtpunkt und die Kinderkrisen-Einrichtung. Von einer Abnahme der Fälle merkt Frauke Frehse-Sevran nichts. Sie ist Einrichtungsleiterin des GFB-Jugendhilfeverbundes Potsdam, der den Fluchtpunkt betreibt. „Der Fluchtpunkt ist fast immer voll“, so Frehse-Sevran. Zehn Plätze gibt es, aufgenommen werden Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 18 Jahren.

Auch Dominik Leicht, Regionalleiter der Gemeinnützigen Gesellschaft für Soziale Hilfen in Berlin/Brandenburg (SHBB) und Träger der Kinderkrisen-Einrichtung in Groß Glienicke, kann keine sinkenden Fallzahlen beobachten. Auch er berichtet, dass die acht Plätze für Kinder bis zum Alter von acht Jahren in seinem Notdienst fast pausenlos ausgelastet seien.

Häusliche Gewalt nur einer von vielen Gründen für die Aufnahme in Noteinrichtungen

Häusliche Gewalt ist allerdings nur einer von vielen Gründen, warum Kinder und Jugendliche in die Noteinrichtungen kommen. Überforderung der Eltern, der Ausfall eines Elternteiles, Verwahrlosung, Missbrauch, Alkohol oder Drogen, die Hintergründe sind sehr vielfältig und manchmal kombiniert. Zum Teil bitten Jugendliche selbst um die Aufnahme, sonst wendet sich das Jugendamt an die Notdienste. Das Jugendamt erhält pro Jahr mehrere hundert Hinweise auf mögliche Kindeswohlgefährdung durch Lehrer, Erzieher, Nachbarn oder die Polizei. Denen geht es nach. Wird eine Gefährdung festgestellt, gibt es eine Reihe von möglichen Maßnahmen oder Angeboten. In Notfällen können die Kinder übergangsweise in den genannten Einrichtungen aufgenommen werden.

Zunächst einmal werde das Kind oder der Jugendliche dort sicher untergebracht. „Wir kümmern uns um die Betreuung, nehmen die Kinder heraus aus der problematischen Situation, stellen aber gleichzeitig den Kontakt zur Familie sicher“, berichtet Dominik Leicht. Bis zu drei Monate können die Kinder oder Jugendlichen in den Einrichtungen bleiben.

In dieser Zeit, so erzählt Frauke Frehse-Sevran, versuche sie gemeinsam mit den Familien Aufträge zu formulieren. „Da besprechen wir, ob es die Möglichkeit gibt, dass sie wieder nach Hause können, vielleicht mit Begleitung.“ Andernfalls könnten sie in einer Pflegefamilie oder in der stationären Jugendhilfe, etwa in einer Wohngruppe, unterkommen.

Um Prozesse wie diesen festzulegen, hat die Stadt im Jahr 2015 ein „Rahmenkonzept Kinderschutz“ aufgestellt. Darin werden unter anderem die Aufgaben unterschiedlichster Akteure definiert. Es geht jedoch nicht nur um die Prozeduren in Problemfällen: Ziel ist es auch, „das Wohl der Potsdamer Kinder und Jugendlichen präventiv und wirksam zu schützen“.

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