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  • 22.07.2017
  • von Marco Zschieck

Nahverkehr im Potsdamer Norden: Potsdams Bus-Stop

von Marco Zschieck

Dicht. Wegen Bauarbeiten zur Verlängerung der Tramstrecke in den Norden ist die Nedlitzer Straße gesperrt. Foto: Sebastian Gabsch

Die Kritik am neuen Fahrplankonzept für den Potsdamer Norden wächst - denn es sollen Buslinien gekappt werden. Doch der Verkehrsbetrieb bleibt bislang stur.

Potsdam - Im Potsdamer Norden macht sich Unmut breit: Die Pläne des Potsdamer Verkehrsbetriebs (ViP), die Buslinien aus den nördlichen Ortsteilen an der künftigen Endhaltestelle der Tram am Campus Jungfernsee zu kappen, stoßen auf Widerstand. Außerdem wird bemängelt, zugunsten der Linie 96 zum Campus Jungfernsee werde das Angebot auf anderen Strecken verschlechtert. Kritik kommt auch von Fahrgastverbänden.

Der Verkehrsbetrieb hatte jüngst seine Pläne für die Anbindung des Nordens bei einer Infoveranstaltung in der Fachhochschule in der Kiepenheuerallee vorgestellt. Demnach sollen ab dem 12. Dezember die Buslinien 609 aus Kartzow und Fahrland und 638 aus Groß Glienicke an der neuen Endhaltestelle der Tramlinie 96 am Campus Jungfernsee enden. Derzeit fahren sie durch bis Am Schragen beziehungsweise zum Potsdamer Hauptbahnhof.

Warum werden die Einwohner von Satzkorn, Fahrland, Neu Fahrland, Krampnitz und Groß Glienicke ihrer schnellen Verbindung zur Innenstadt beraubt?

Bei einigen bisherigen Nutzern kommt die Aussicht, ab Dezember am Stadtrand vom Bus in die Tram wechseln zu müssen, allerdings gar nicht gut an. Eine Groß Glienickerin kündigte an, künftig wohl zumindest im Winter auf das Auto umzusteigen. Und auch in Neu Fahrland, das bisher mit beiden Buslinien angebunden wird, hält sich die Begeisterung über die geplanten Veränderungen im öffentlichen Nahverkehr in Grenzen, sagte Ortsvorsteherin Carmen Klockow. Künftig verliere man nicht nur Zeit beim Umsteigen, kritisierte ein PNN-Leser, sondern auch noch dadurch, dass die Linienführung der Tram ein Umweg im Vergleich zur geradlinigen Route der Busse über die Nedlitzer Straße sei.

Der Neu Fahrländer Jürgen Appel wandte sich in einem Brief, der den PNN vorliegt, an die Geschäftsführung des Verkehrsbetriebs. Es sei schön, dass in Zukunft die Studenten vom Campus Fachhochschule im Fünfminutentakt in die Innenstadt fahren können. „Aber warum werden die Einwohner von Satzkorn, Fahrland, Neu Fahrland, Krampnitz und Groß Glienicke nun ihrer schnellen Verbindung zur Innenstadt beraubt?“, fragt Appel. Da es in Neu Fahrland keine Einkaufsmöglichkeit gebe, nutzen viele Rentner den 638er-Bus von Neu Fahrland zu den Roten Kasernen, um einzukaufen, so seine Beobachtung. „In Zukunft sollen sie dann mit ihrem Rolli oder Trolley am Campus Jungfernsee noch einmal umsteigen.“

Fahrgastverband Pro Bahn übt ebenfalls Kritik und warnt vor Verkehrskollaps

Deutliche Kritik kommt auch vom Fahrgastverband Pro Bahn: Im Norden Potsdams drohe künftig ein Kollaps. Die Kappung der Linie 638 sei eine deutliche Angebotsverschlechterung. Von Berlin-Spandau kommend verkehre sie bislang tagsüber alle 20 Minuten weiter in Richtung Potsdam Innenstadt und Hauptbahnhof. Heute stelle sie auf dem stark frequentierten Streckenabschnitt zwischen Am Schragen, Innenstadt und Hauptbahnhof eine willkommene Ergänzung der Straßenbahn dar, hieß es. „Wer von Spandau kommt, muss am Stadtrand in Potsdam umsteigen – gute Nachbarschaft mit Berlin sieht anders aus“, sagte der stellvertretende Vorsitzende von Pro Bahn Berlin-Brandenburg, Julian Krischan.

Eine differenzierte Kritik kommt auch von der Interessengemeinschaft Eisenbahn, Nahverkehr und Fahrgastbelange (Igeb). Es sei zwar verständlich, dass der Verkehrsbetrieb parallele Angebote aus wirtschaftlichen Gründen vermeiden wolle, sagte der Igeb-Vorsitzende Jens Wieseke den PNN. Außerdem seien weniger Fahrten von Dieselbussen durch die Innenstadt auch aus umweltpolitischen Gründen zu begrüßen. Dennoch sei es unschön, dass unter dem Strich längere Fahrtzeiten für Fahrgäste im Norden entstehen. Besonders die Unterbrechung der Linie 638 sei ein Minuspunkt, da sie bisher auch Potsdam Hauptbahnhof mit dem Fernbahnhof in Berlin-Spandau verbinde, so Wieseke. Wenigstens in der Hauptverkehrszeit sollte der Bus durchfahren.

Der ViP sagt, das Konzept sei fertig und werde nicht mehr verändert

Beim Verkehrsbetrieb räumt man ein, dass sich die Fahrtzeit für die bisherigen Nutzer der Linie 638 verlängert. Allerdings seien die Abfahrtszeiten so kalkuliert, dass Anschlüsse zu den Zügen am Hauptbahnhof auch mit der Tram erhalten bleiben, so ViP-Sprecher Stefan Klotz. Außerdem fahre man mit der Tram künftig auf einem eigenen Gleisbett am Stau in der Nedlitzer Straße vorbei. Trotz der Kritik wird sich an den ViP-Plänen wohl nicht mehr viel ändern. „Das vorgestellte Konzept ist bezüglich der Linienführungen fertig“, sagte Klotz. Es gehe jetzt nur noch um Feinabstimmungen.

Tatsächlich steckt der ViP auch in einer Klemme. Die Verlängerung der Tram zum Campus Jungfernsee war ein Versprechen der Stadt für die Ansiedlung von SAP. Außerdem hatte die Stadt vor Jahren schon für den ersten Ausbauabschnitt zur Viereckremise Fördermittel kassiert, die an den Weiterbau gekoppelt waren. Nun wird die 1,2 Kilometer lange Trasse für 7,5 Millionen Euro gebaut – doch die Zahl der potenziellen Nutzer ist am Nordrand des Bornstedter Feldes äußerst überschaubar. Sie sollen also künftig mit den Bussen herangeschafft werden. Gleichzeitig ist der ViP auch nicht üppig mit Fahrzeugen ausgestattet – besonders moderne Straßenbahnen fehlen. Sind also im Norden mehr Bahnen unterwegs, fehlen sie woanders. So soll künftig jede zweite Tram der Linie 92 nicht mehr zum Kirchsteigfeld, sondern nur noch bis Bisamkiez fahren.

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