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  • 19.07.2017
  • von Henri Kramer

Nach Besetzung der Fachhochschule Potsdam: FH-Abriss lässt sich nicht beschleunigen

von Henri Kramer

Jetzt mit Zaun. Die Fachhochschule ist für die Öffentlichkeit geschlossen, ein Wachschutz soll die erneute Besetzung verhindern. F.: A. Klaer

Das Gebäude der Fachhochschule in Potsdam ist jetzt mit einem Bauzaun gesichert. Abrissgegner fordern Einsicht in Akten über die Belastung des DDR-Gebäudes mit Schadstoffen.

Potsdam/Innenstadt - Die Fachhochschule (FH) wird immer stärker gegen eine erneute Besetzung gesichert: Seit Dienstag ist das Gebäude nun mit einen Metall-Bauzaun eingefriedet. Für sämtliche öffentliche Nutzungen ist der Bau bereits seit der geräumten Besetzung am vergangenen Donnerstag geschlossen. So wird das Haus nun wohl einige Monate aussehen. Denn für einen schnelleren Abriss – bisher ist der November vorgesehen – gibt es laut Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) kaum einen Spielraum, wie er den PNN am Dienstag sagte. Unter anderem müssten Ausschreibungsfristen gewahrt werden.

Er sagte auch: „Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir die FH schon 2012 abgerissen – denn ich habe so eine Diskussion kommen sehen.“ Dem stand allerdings der Umzug der FH zu ihrem neuen Campus in der Fachhochschule entgegen, der sich mehrfach verzögerte, weil die vom Land errichteten Ausweichgebäude erst später fertig wurden, als die Stadt gefordert hatte. Die PNN geben einen Überblick zur FH-Debatte.

Wie argumentieren die Abrissgegner?

Sie wollen verhindern, dass aus ihrer Sicht „funktionierende und für die Öffentlichkeit relevante Gebäude“ wie die FH abgerissen werden – so hat es jetzt zum Beispiel der gewählte Allgemeine Studierendenausschuss der FH erklärt. Die Sorge sei, dass die Neubauten in der Mitte vor allem die Verdrängung von Menschen mit spärlichem Einkommen zur Folge hätten.

Das linke Bündnis „Stadtmitte für alle“ fordert denn auch den Erhalt und die Weiterentwicklung des Gebäudes „mit vielfältigen Funktionen für die Stadt Potsdam und das Land Brandenburg“. Eine aktuelle Abfrage im Internet habe einen großen Bedarf von 8500 Quadratmetern für den 15 000 Quadratmeter großen FH-Bau ergeben, vor allem für Ausstellungen, Seminarräume und Sportflächen. Es gehe um ein „Haus für die Stadtgesellschaft“ und einen Bau, „in dem Wissenschaft, Forschung und Innovation in Potsdam und Brandenburg eine angemessene Sichtbarkeit erhalten könnten“, hieß es von dem Bündnis. Kritiker hatten die Pläne als zu vage moniert. Das Bündnis hat angekündigt, mit Hilfe von Stiftungen und der Bochumer GLS-Bank für sozial-ökologische Geldanlagen der Stadt im Sommer ein Kaufangebot für die FH zu unterbreiten.

Was würde die Stadt der FH-Erhalt kosten?

Das würde teuer. Allein auf 33 Millionen Euro hat die Stadtverwaltung bereits vor einem Jahr die nötigen Kosten für eine Sanierung des Gebäudes geschätzt. Als Grundlage für diese Prognose diente die Sanierung der Stadt- und Landesbibliothek, wie die FH ein mit Schadstoffen belasteter DDR-Bau. Dazu ging die Stadt von weiteren Einnahmeverlusten in Millionenhöhe aus, wenn die Stadt das FH-Areal nicht wie geplant für zwei Wohn- und Geschäftskarrees verkaufen kann. Hinzu geht das Rathaus für die FH von voraussichtlichen Betriebskosten von mehr als einer halben Million Euro pro Jahr aus.

Dagegen rechnet das Stadtmitte-Bündnis mit geringeren Kosten – die von der Stadt angenommenen 2000 Euro pro Quadratmeter würden einer Kernsanierung oder einem kompletten Neuaufbau im gehobenen Preissegment entsprechen, erklärte auf Anfrage Bündnissprecher Holger Zschoge, der mit alternativen Finanzierungsmodellen das Babelsberger Projekthaus aufgebaut hat. Stattdessen will das Bündnis eine Art Sanierung light. Aktuell lasse man sich von Architekten beraten und aus dem Verbund des Freiburger Mietshäusersyndikats. In diesem bundesweiten Zusammenschluss, der Häuser dem Immobilienmarkt entziehen will, gebe es umfangreiche Kompetenzen bei der Sanierung von großen Bauobjekten zu verträglichen Kosten, so Zschoge. Details zur Finanzierung sollen noch bekannt gegeben werden. Zschoge sprach allerdings auch von einem „erheblichen Sanierungsaufwand“.

Es gäbe in diesem theoretischen Fall aber auch ein weiteres Risiko: Im Rathaus wird nicht ausgeschlossen, dass das Land bereits gezahlte Fördermittel in Millionenhöhe zurückfordern könnte. Knapp 58,3 Millionen Euro Fördermittel sind in das Sanierungsgebiet Potsdamer Mitte geflossen. Sollte sich das vorrangige Sanierungsziel, also die mehrfach von den Stadtverordneten beschlossene Rückkehr zu den historischen Stadtstrukturen, wegen der FH nicht verwirklichen lassen, könnte das Land Geld zurückverlangen, weil mit dem Erhalt gegen den Förderzweck verstoßen wird. Der Abriss selbst wird vom Land mit 4,5 Millionen Euro gefördert. Abriss-Befürworter argumentieren zudem, dass mit einem Erhalt der FH der Bau von hunderten Wohnungen, ein großer Teil davon Sozial- und Studentenwohnungen, sowie kleinteiligem Handel und Gastronomie verhindert würde. Das Haus selbst ist 40 Jahre alt und wurde in den 1970-er Jahren als Institut für Lehrerbildung nach Entwürfen eines Planerkollektivs unter dem Architekten Sepp Weber errichtet – der übrigens auch für das Mercure-Hotel verantwortlich ist.

Welche Schadstoffe befinden sich im Bau?

Ob beim geplanten Abriss, bei einem Umbau oder einer Sanierung – bei jedem Szenario müssen sich Planer mit den gesundheitsgefährdenden Schadstoffen auseinandersetzen, die in dem Gebäude lauern. Laut dem kommunalen Sanierungsträger, der gerade den Abriss vorbereitet, geht es unter anderem um krebserregendes Asbest, das sich etwa unter dem Dach oder als Brandschutz hinter Heizkörpern befindet. Ebenso befänden sich in dem Bau giftige Schwermetalle wie Quecksilber in Leuchten, aber auch Arsen in den Fassadenplatten der Außenwände, teilte eine Sprecherin des Sanierungsträgers auf PNN-Anfrage mit. In den Lärmschutzplatten an den Decken und Wänden seien künstliche Mineralfasern verwendet worden, die auch als krebserregend gelten.

Auf den Umgang mit den Giftstoffen bereitet sich der Sanierungsträger bereits vor. So müssten Arbeiter die Asbest- und Mineralfaser–Teile mit einer speziellen Schutzausrüstung – Handschuhe, Mundschutz und Einweganzüge – zurückbauen. Für zum Beispiel teerhaltige Klebematerialien würden Schleusen eingerichtet, so dass keine Schadstoffe nach außen dringen sollen. Auf den Betrieb als FH hatten die Giftstoffe keine Wirkung, hieß es. „Die Belastung entsteht erst, wenn Bauteile geöffnet oder beschädigt sind“, sagte die Sprecherin. Dann könnten zum Beispiel Stoffe freigesetzt werden, die die Lungenbläschen schädigen und krebserregend wirken können. Vor allem bei einer Sanierung müssten diese Stoffe allesamt ausgetauscht werden – was schon die Sanierung der Landesbibliothek teuer gemacht hatte. Die Schadstoffe, über die schon vor Jahren berichtet wurde, alarmieren insofern auch die Abriss-Gegner. Zschoge sagte, man verlange so schnell wie möglich Akteneinsicht.

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