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  • 17.07.2017
  • von Marco Zschieck

Modellprojekt in Potsdam: Zeppelinstraße: Bessere Luft und weniger Lärm

von Marco Zschieck

Anwohner berichten, dass nach der Verengung der Zeppelinstraße bereits erste Erfolge spürbar geworden sind. Foto: S. Gabsch

Im Streit um die Verengung der Zeppelinstraße sehen Befürworter erste Erfolge – und weiteren Nachbesserungsbedarf.

Potsdam-West - Nach der heftigen Kritik an der versuchsweisen Einengung der Zeppelinstraße unter anderem von Wirtschaftsvertretern melden sich nun auch Befürworter zu Wort: Es gebe seit Beginn des Tests weniger Lärm und mehr Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer in Potsdam-West, so Anwohner.

Zuletzt beklagten Fuhrunternehmer und Lieferanten, die durch die Einengung verursachten Rückstaus kosteten sie Zeit und Geld. In der jetzigen Form sei das Umbauprojekt „nicht zielführend“, hatte der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) kritisiert. Der dauernde Stop-and-go-Verkehr erhöhe die Emissionswerte sogar.

Weniger Stickstoff, mehr Ruhe an der Zeppelinstraße

Doch nun zeichnet sich ab, dass der Versuch tatsächlich positive Folgen haben könnte. So lag die durchschnittliche Belastung mit dem gesundheitsschädlichen Stickstoffdioxid in der Zeppelinstraße seit Beginn der Einengung bei 35,2 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Im Juli 2016 waren es im Durchschnitt noch 43 Mikrogramm gewesen. Zulässig sind 40 Mikrogramm, allerdings im Jahresdurchschnitt. Die Kritik, der Versuch verschlechtere die Luftqualität, läuft also ins Leere – jedenfalls in Potsdam-West.

Nach nun fast zwei Wochen melden sich auch Anwohner zu Wort, die dem neuen Zuschnitt der vormals vierspurigen Einfallstraße etwas Positives abgewinnen können: Täglich durchschnittlich 27 000 Autos auf der Zeppelinstraße bedeuten für Anwohner extreme Luftverschmutzung, Lärm und Stress, so Eva Wieczorek, die auch bei den Potsdamer Grünen aktiv ist. Seit Beginn des Modellversuchs sei es zunächst einmal ruhiger geworden, weil kaum noch Autos auf dem gepflasterten Streifen zwischen den Straßenbahnschienen unterwegs seien.

Verkehrsfluss verbessert - dafür mehr Autos auf der Kastanienallee?

Auch Andreas Schlüter von der SPD in Potsdam-West fordert, dem Maßnahmenpaket eine wirkliche Chance zu geben. In der Diskussion solle das Ziel, die Gesundheit der Anwohner zu schützen, im Vordergrund stehen. Die neue Linksabbiegerspur lasse den Verkehr besser fließen. Er beobachte allerdings auch zunehmenden Verkehr in der Kastanienallee, der Forst- und in der Geschwister-Scholl-Straße. Der Versuch solle ergebnisoffen ausgewertet werden.

Ein anderer Anwohner berichtete, dass der neue Fahrradstreifen auf der früheren Fahrbahn stadtauswärts nicht nur für Fahrradfahrer ein Gewinn sei. Auch als Fußgänger fühle er sich nun deutlich wohler. Vorher sei es auf dem schmalen Bürgersteig häufig zu brenzligen Situationen zwischen Radlern und Fußgängern gekommen. Allerdings wünsche er sich einen dichteren Takt der Tram in Potsdam-West. Das würde auch mehr Autofahrer aus dem Viertel motivieren, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen.

Ökologischer Verkehrsclub (VCD) fordert bessere Alternativen für Pendler

Der ökologische Verkehrsclub VCD forderte unterdessen, an dem Versuch festzuhalten. „Angesichts der hohen Schadstoffwerte, der Stauproblematik, die es auch schon vor dem Umbau gab, und der katastrophalen Bedingungen für den Radverkehr, die vor dem Modellversuch auf der Zeppelinstraße herrschten, kann es kein Zurück mehr geben“, so Marc Nellen, Vorsitzender des VCD in Brandenburg. Bei der hitzigen Diskussion werde das Wichtigste vergessen: Nicht der Modellversuch sei das Problem, sondern die gesundheitsgefährdende Luftbelastung.

Allerdings forderte der VCD auch, dass die Alternativen insbesondere für Pendler verbessert werden müssten. Schnupperangebote und Jobtickets sollten Pendlern den Umstieg auf Bus und Bahn erleichtern. Potsdamer Unternehmen könnten ihre einpendelnden Mitarbeiter mit Jobrädern und Mitfahrbörsen unterstützen, so ein Vorschlag.

Piktogramme für Radfahrer und Mittelinsel sollen noch kommen

Auslöser der Diskussion ist der Anfang Juli gestartete sechsmonatige Versuch der Stadt, die Zahl der Autos in der Zeppelinstraße durch eine Verringerung der Fahrspuren zu reduzieren. So soll die Belastung mit gesundheitsschädlichem Stickstoffdioxid gesenkt werden, die seit Jahren die zulässigen Grenzwerte überschreitet. Seitdem gibt es für Autos nur noch eine Geradeausspur pro Richtung und eine abwechselnde Linksabbiegerspur.

Über die Einengung wurde seit dem Frühjahr 2015 diskutiert – seinerzeit amtierte noch der streitbare Baubeigeordnete Matthias Klipp (Grüne). Die Stadtverwaltung wollte die Einengung ursprünglich ohne Votum der Stadtverordneten durchführen. Doch die Rathausmehrheit setzte durch, dass es zunächst ein Testphase und eine anschließende Evaluation gibt.

Ganz fertig ist die Versuchsanordnung indes noch nicht. So fehlen beispielsweise nach wie vor geplante Mittelinseln, die Fußgängern das Überqueren der stark befahrenen Straße erleichtern sollen. Piktogramme sollen den Fahrradweg stadtauswärts kennzeichnen. Sie konnten wegen des vielen Regens noch nicht aufgebracht werden. Die Restarbeiten sollen in dieser Woche erledigt werden, so Stadtsprecher Jan Brunzlow.

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