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  • 17.07.2017
  • von Helena Davenport

Sie wollten das Töten beenden

von Helena Davenport

Im Widerstand. Kurt Schulz wurde im KZ gefoltert, bevor er 1939 von der Wehrmacht als Funker ausgebildet wurde. Er schickte Hunderte von Nachrichten an die Sowjetunion. Foto: Wilfried Schulz

In Bornstedt wurde am Samstag zweier Männer gedacht, die sich gegen Adolf Hitler auflehnten

Niemals bequem, stattdessen streitbar und mutig – so beschrieb Rednerin Susanne Drenhaus-Lemgo am Samstagnachmittag den Agrarwissenschaftler Herrmann Priebe, der während der Nazi-Zeit in Potsdam Widerstand leistete. Seiner und Kurt Schulz, der als Mitglied der Roten Kapelle Informationen des NS-Regimes weitergab, wurde in der Dorfkirche Bornstedt gedacht. Anlass gab der bevorstehende Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. Die Gedenkveranstaltung in Bornstedt findet seit 1984 jährlich statt.

1907 wurde Herrmann Priebe als Sohn eines Theologen in Grunewald geboren. Auf eine landwirtschaftliche Lehre und ein Studium zum Diplom-Landwirt in Königsberg folgte 1936 die Promotion und dann später, 1943, die Habilitation. Nach seiner Tätigkeit im Reichsministerium wurde er aber zunächst zum Direktor der Versuchs- und Forschungsanstalt für Landarbeit Potsdam-Bornim, dem heutigen Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie, ernannt. Kurze Zeit später, 1939, nach dem Überfall auf Polen, schloss er sich der Widerstandsgruppe um Friedrich Hielscher an und bot dieser an seinem Arbeitsplatz in Bornim geschützten Raum für Austausch und Koordination. Mithilfe von Hermann Priebe konnte sich die Gruppe auch mit anderen Widerstandsgruppen vernetzen.

Am 20. Juli 1944 hatte sich Priebe in Berlin für die Gruppe bereitgehalten. Kurze Zeit später wurde er von der Gestapo festgenommen – wegen seiner Verbindung zu den Verschwörern musste er die folgenden Monate im Gefängnis in der Lehrter Straße verbringen. Anschließend wurde er zur Bewährung ins Regiment 9 an die Ostfront kommandiert und geriet in die Schlacht von 1944/45. Dies hätte einem Todesurteil geglichen – wäre da nicht der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker gewesen, der das Infanterie-Regiment 9 leitete. Weizsäcker kannte die Widerständler des 20. Juli, denen Priebe zuvor geholfen hatte, sie waren schließlich alle in seinem Regiment gewesen. Als Weizsäcker den Befehl erhielt, Priebe nach Berlin zurückzuschicken, zerriss er diesen, und rettete dem Wissenschaftler somit wahrscheinlich sein Leben. Letzterer kam in russische Gefangenschaft, überlebte diese aber und konnte 1948 zurückkehren.

Nach seiner Genesung arbeitete Priebe zunächst als Privatdozent, dann als ordentlicher Professor für Agrarwissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Seit den 50er-Jahren beriet er als wissenschaftlicher Berater die Bundesregierung und von 1972 bis 1993 war er Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Landwirte und Berater der Europäischen Kommission. Richard von Weizsäcker überreichte ihm 1987 das Große Bundesverdienstkreuz. Zehn Jahre später starb Hermann Priebe im Alter von 90 Jahren.

Den Widerstandskämpfer Kurt Schulz stellte am Samstag dessen Sohn Wilfried vor. Kurt Schulz wurde am 22. April 1915 als Sohn eines Zigarrenmachers in Schwiebus geboren. Nach einer Lehre zum Dekorateur machte er ein halbes Jahr Arbeitsdienst in Crossen an der Oder und wurde Mitglied der Evangelischen Bekenntnisgemeinde in Schwiebus, für die er ab 1937 die Postarbeit übernahm. Als er auf dem Altar in der Friedrichskirche anstelle des Kruzifixes ein Porträt Hitlers vorfand, tauschte er es zurück und wurde daraufhin denunziert. Im Konzentrationslager Sonnenburg musste er grauenhafte Folterungen über sich ergehen lassen. 1939 wurde er entlassen. Sechs Tage später wurde er von der Wehrmacht eingezogen und von nun an als Funker ausgebildet.

1941 wurde er nach Berlin berufen. Als Kraftfahrer bei der Reichspost erhielt er den Auftrag, Lagemeldungen von Wehrmacht und Luftwaffe zusammenzutragen. Hier kam es zu einem ersten Kontakt zum Widerstandskämpfer Walter Husemann, der Schulz um Hilfe bat: Es sollten Informationen zur aktuelle Kriegslage ins Ausland versendet werden. Wenig später erhielt er Funkaufträge von sowjetischer Seite. Schulz funkte unter anderem Meldungen von der Journalistin und Widerstandskämpferin Ilse Stöbe, die im Auswärtigen Amt arbeitete. Im Testlauf lautete sein erster Spruch: „Tausend Grüße an alle Freunde.“ Bis zu seiner Verhaftung setzte er rund 300 Meldungen ab – meist von einem Boot aus, das er auf dem Müggelsee fuhr.

Die Gestapo nannte die Funker Pianisten, aus mehreren ergab sich ein Orchester – so entstand der Name „Rote Kapelle“. 1941 startete die Staatspolizei eine Suchaktion nach ihren Mitgliedern, in Folge der rund 160 Personen verhaftet wurden. Auch Kurt Schulz kam ins Gefängnis, wurde aber sehr schnell wieder auf freien Fuß gesetzt. Man hatte parallel eine Person mit ähnlichem Namen, Kurt Schulze, aus demselben Grund verhaftet – Kurt Schulze wurde in Charlottenburg zum Tode verurteilt und am 22. Dezember 1942 in Plötzensee enthauptet. Auch heute noch kursieren Darstellungen, die behaupten, es sei Schulz gewesen.

Nach seiner Entlassung erfuhr Schulz zum ersten Mal von der Münchner Studentengruppe „Weiße Rose“. Durch seine Mithilfe konnte 1945 ein Flugblatt der Gruppe von Deutschland nach England gelangen, wo es tausendfach gedruckt wurde, um es anschließend bei Bombenangriffen über Deutschland abzuwerfen. 1955 wurde Kurt Schulz Pastor in den Gemeinden Herzfelde, Neukirchen und Falkenberg. Am 11. November 1984 verstarb er infolge einer Erkrankung. Im Abschluss seiner Rede sagte Wilfried Schulz, sein Vater habe einen Beitrag dazu leisten wollen, das Töten so schnell wie möglich zu beenden.

Am Donnerstag um 18 Uhr findet unter dem Titel „Wir müssen Hitler umbringen!“ in der Löwenvilla, Gregor-Mendel-Straße 26, eine Veranstaltung in Erinnerung an das Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 statt

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