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  • 12.07.2017
  • von Steffi Pyanoe

Molière im Bioraum

von Steffi Pyanoe

Dogma und Doktor. Orgon (l., Roy Knocke) will sich von seinem gelehrten und aufgeklärten Schwager (Robin Richter) nichts sagen lassen. „Alles liegt in Gotteshand“, sagt Orgon. „Es geht nur um Ämter, Reichtum und Steuervorteile“, erwidert Cléante während der Aufführung von „Tartuffe“ in der Kleistschule. Foto: Sebastian Gabsch

Die Theatergruppe der Kleistschule spielt „Tartuffe“ – ein Stück, das gut zum Wahlkampf passt, sagen die Schüler

Im Büßerhemd, mit entblößter Brust und Kreuz in der erhobenen Hand stolpert „Tarfuffe“ zwischen den Zuschauerreihen hindurch auf die Bühne. Reumütig, ein Sünder vor dem Herrn, sinkt er theatralisch zu Boden. Um gleich wieder aufzuspringen, als er feststellt, dass er allein ist, keiner der Hausbewohner ist anwesend, den er mit seiner Show beeindrucken kann. Er steht plötzlich gerade, greift sich eine Birne und beißt genussvoll hinein.

Christian Marschler, Schüler der Kleistschule, spielt Tartuffe als doppelzüngigen Heuchler, der sich bewusst in die Familie von Orgon einschleicht und sie zuletzt fast komplett ruinieren wird. Am vergangenen Montag führte die Theatergruppe „Kleists Erben“ das Stück von Moliere zum ersten Mal auf, am morgigen Donnerstag findet eine weitere Aufführung statt – dann im Innenhof des barocken Gebäudeensembles. Die Premiere musste wegen Regen zum überwiegenden Teil im nüchternen Biologieraum stattfinden. Eine Aula gibt es nicht in der Kleistschule. Auch die regelmäßigen Lesungen, zu denen die Schule jeweils namhafte Autoren einlädt, müssen in überfüllten Unterrichtsräumen stattfinden oder per Videokamera übertragen werden.

Die Theatergruppe machte am Montag das Beste aus der verfahrenen Situation. „Wir spielen die italienische Variante“, sagte Theatergruppenleiter Andreas Lüder. Dabei wird auf ein Bühnenbild verzichtet, ebenso auf das Auf- und Abgehen der Schauspieler. „Alle sitzen auf der Bühne und wer dran ist, steht auf“, sagte Lüder.

Ganz so spartanisch mutete das Spiel dann aber doch nicht an, selbstverständlich bewegten sich die Schauspieler im Bühnenraum und agierten miteinander. Alles beginnt mit einer tumultigen Szene, in der die aufgewühlten Familienmitglieder sich gegen ihr Oberhaupt Orgon wenden. Orgon, stoisch bis trotzig gespielt von Roy Knocke, hat einen dahergelaufenen Wanderprediger ins Haus aufgenommen und ist diesem Tartuffe mit seinen Vorstellungen von Frömmigkeit und Verzicht und Abstinenz vollkommen verfallen. So sehr, dass er sich von Frau und Tochter nichts mehr sagen lässt und nur noch den neuen Gast umeifert. „Ich habe alles Weltliche abgeschüttelt“, sagt Orgon. Und zur Tochter, die ihren Liebsten heiraten will: „Liebe ist ein Gefühl auf Zeit. Für die Ehe gänzlich ungeeignet.“ Besser seien Gottesfurcht, Strenge, Zucht und Moral. Und warum nicht gleich seine Tochter Herrn Tartuffe versprechen? Der allerdings so gar nicht nach seinen eigenen Maßstäben handelt, sondern Mutter und Tochter nachstellt.

Und so rebelliert die Familie, vor allem die Frauen und allen voran die Zofe mit losem Mundwerk (Anett Packeiser), während Schwager Cléante, der alles zwar klar sieht, nur sehr langsam aus der Reserve kommt. Von Erfolg gekrönt ist das nicht. Tartuffe hat sich längst in die Seele seines Opfers Orgon gefressen, immer mehr wird Tartuffe zum eigentlichen Hausherrn. Die Katastrophe kommt, als die Familie ihr Haus an ihn zu verlieren droht.

„Wir haben uns gedacht, das Stück passt gut in den Wahlkampf, der jetzt beginnt“, sagt Theaterleiter und Regisseur Lüder, der als freier Regisseur gerne mit jungen Erwachsenen arbeitet. „Jetzt treten die Heuchler wieder hervor, präsentieren sich gerne als Gutmenschen und wollen doch nur ihre eigenen Pfründe retten.“ So wie Tartuffe. Moliere zeigte hier unangenehme Wahrheiten auf, weshalb die erste und zweite Fassung des Stücks prompt von der Zensur verboten wurden. Erst die dritte durfte aufgeführt werden und blieb erhalten.

„Kleists Erben“ war diese Variante, in der Tartuffe zuletzt als gesuchter Krimineller überführt wird und sich nach dem Schock über den Eindringling alles in Wohlgefallen zusammenfindet, allerdings auch nicht recht. „Das Ende erschien uns zu plump“, sagt Lüder. Und so schrieben die Schüler ihr eigenes – offenes – Ende, bei dem der Betrüger zwar verhaftet wird, der korrupten Staatsmacht aber doch wieder entkommt.

Natürlich finden sich in dem Stück auch Bezüge zu religiösem Fanatismus und Missbrauchsfällen, so Lüder, aber die Schüler habe vor allem die politische Dimension interessiert. Jedes Jahr führt die Theatergruppe bei wechselnder Besetzung ein Stück auf. Viele der Darsteller zwischen Anfang 20 und Anfang 30 haben noch nie Theater gespielt. „Ich sage immer, macht mit, seid einfach mutig“, sagt der Regisseur.

„Tartuffe“ am morgigen Donnerstag um 18 Uhr im Innenhof der Kleistschule, Friedrich-Ebert-Straße 17, der Eintritt ist frei

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