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  • 11.07.2017
  • von Holger Catenhusen

Vom Nutztier der Ausbeuterklasse

von Holger Catenhusen

Kirche im Niemandsland. Die denkmalgeschützte Heilandskirche im Schlosspark Sacrow verschwand nach 1961 hinter der Mauer und verfiel. Foto: Ausstellung Sacrow

Die Ausstellung „Gärtner führen keine Kriege“ erfährt eine Neuauflage im Schloss Sacrow. Am Samstag wird sie eröffnet

Wenn es nicht so ein bitterer Ernst gewesen wäre, der für Millionen Deutsche die Unfreiheit bedeutete und nicht wenigen von ihnen gar das Leben kostete, dann könnte man eigentlich nur lachen. Sich amüsieren über die Art der Propaganda, mit der im sozialistischen Staat auf deutschem Boden einst für das Grenzregime von Mauer und Stacheldraht „geworben“ wurde: „Wir haben den Militaristen Bonns und Westberlins die Zwangsjacke angezogen, aus dieser Zwangsjacke lassen wir sie nicht mehr heraus. Wir schlagen sie mit unserer Einmütigkeit, mit neuen ökonomischen Taten.“ Diese Zeilen entstammen einem Propagandablatt, das die Agitationskommission der Nationalen Front in der DDR in den Umlauf brachte – vermutlich kurz nach dem Mauerbau 1961. Der Titel dieser realitätsmeidenden Schrift: „Getroffene Hunde heulen!“

Eine Zwangsjacke angezogen bekamen durch den Mauerbau 1961 hingegen die am Ufer der Havel gelegenen Gärten der Potsdamer und Berliner Kulturlandschaft. Ob Babelsberg, der Neue Garten, Sacrow oder Glienicke – die Parks wurden durch das DDR-Grenzregime stark geschunden. Mauern, Zäune und Hundelaufwege gingen nun quer durch so manche Gartenanlage. Die Gesamtwirkung der Kulturlandschaft wurde dadurch stark beschnitten.

Über diese Folgen für die Parks in der Region informierte im vergangenen Jahr die Ausstellung „Gärtner führen keine Kriege“ im Schloss Sacrow. Doch wer damals nicht den Weg fand in das recht abseits gelegene Sacrow, um an dieser Geschichtsstunde über sinnlose Landschaftszertrümmerung teilzuhaben, dem bietet sich in diesem Jahr nochmals die Chance dazu. Die vom Verein ars sacrow organisierte Schau wird ab kommendem Samstag, dem 15. Juli, bis zum 10. September erneut zu sehen sein – immer freitags bis montags von 11 bis 18 Uhr im Schloss Sacrow. Der Eintritt kostet acht Euro, ermäßigt fünf Euro.

Auch Besucher, die sich im vergangenen Jahr die Ausstellung bereits angesehen haben, können hier noch Neues entdecken. Denn die Schau wurde um einen Raum erweitert. Darin wird die Geschichte des Schlosses Sacrow von 1945 bis 1961 präsentiert – eine Periode, die in der ursprünglichen Ausstellung nicht näher beleuchtet wurde. Nach dem Ende des Krieges bis zum Jahre 1953 waren in dem Haus Opfer des Nationalsozialismus, etwa Überlebende aus NS-Konzentrationslagern, zur mehrwöchigen Erholung untergebracht. Danach diente das Schloss bis 1961 als temporärer Erholungs- und Arbeitsort für Schriftsteller und Drehbuchautoren. Auch die junge Schriftstellerin Brigitte Reimann hielt sich hier auf. Sie habe „in ihrem Tagebuch diese Zeit sehr ausführlich beschrieben“, sagt Ausstellungskurator Jens Arndt. Man werde in der am Samstag startenden Schau auch an Reimann erinnern.

Den Anstoß für die Neuauflage und Erweiterung der Ausstellung hätten neben den positiven Einträgen im Gästebuch vor allem zwei Nachkommen der einstigen Heimleiterin Erna Herrmann gegeben. Herrmann führte nach dem Krieg das im Schloss Sacrow untergebrachte Erholungsheim. Zwei Kinder von Erna Herrmann, „die heute Mitte 70 sind“, hätten sich, so Arndt, im vergangenen Jahr zum Ende der Ausstellung gemeldet und von historischen Fotos aus jener Zeit berichtet. Kurator Arndt traf sich daraufhin mit ihnen. „Die brachten eben dieses wunderbare Konvolut an Fotos und ihre eigenen Erinnerungen mit“, erzählt Arndt. Daraus wurde schließlich die Idee für den neuen Ausstellungsraum geboren.

Die multimediale Schau wird, ebenso wie im letzten Jahr, nicht nur von den grenzregimebedingten Zerstörungen in Sacrow, sondern auch von den Verwüstungen durch Mauer und Stacheldraht in den anderen Parks berichten. „Im Mittelpunkt stehen die spannenden und berührenden Erlebnisse der Gärtner während der Zeit der Zerstörung durch die Grenze im Kalten Krieg und der Heilung nach dem Mauerfall“, heißt es auf der Website der Ausstellung. Für Sacrow wird unter anderem an die Zeit erinnert, als im Schlosspark der Zoll seine Spürhunde ausbildete. „Überall im Park verteilt“, so Arndt, seien damals Aufbauten des Zolls gewesen, an denen die Hunde für ihre Einsätze ausgebildet wurden: Transportbänder wie auf Flughäfen, Autos und Abfertigungsanlagen. Wenige Monate vor dem Mauerfall reichte ein Genosse seine Abschlussarbeit mit dem Thema „Hundeausbildung in Sacrow“ ein. Darin heißt es: „Der Hund entwickelte sich vom Nutztier der herrschenden Ausbeuterklasse zum Dienst- und Gebrauchshund der bewaffneten Kräfte des sozialistischen Staates.“ Welch Fantasie!

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