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  • 19.06.2017
  • von Marco Zschieck

Waldhaus in den Ravensbergen Potsdam: Ferien vom Krieg in der Ostukraine

von Marco Zschieck

Auf dem Gelände des Potsdamer Waldhauses finden Kinder aus den Kriegsgebieten in der Ostukraine einen friedlichen Ort zur Erholung. Foto: Sebastian Gabsch

20 Kinder aus dem Kriegsgebiet in der Ostukraine erholen sich derzeit in Potsdam, einige von ihnen haben Familienmitglieder verloren. Hier sollen sie vor allem Abstand zum Krieg gewinnen.

Potsdam - Hinter dem schwarzen Instrument verschwindet der Körper des Mädchens fast. Mascha rückt auf dem Stuhl noch einmal zurecht. Dann atmet die Siebenjährige tief durch und beginnt die schwarzen und weißen Tasten des Klaviers zu drücken. Sie spielt konzentriert und doch wirkt es, als sei es für sie nicht ungewöhnlich. Von wem das Stück denn sei, das sie gerade gespielt hat, wird sie gefragt. „Mozart“, sagt sie. Dann spielt sie noch mal.

Mascha ist eines von 20 Kindern aus dem Osten der Ukraine, die derzeit in Potsdam eine zweiwöchige Ferienfreizeit verbringen. Untergekommen sind sie im Waldhaus in den Ravensbergen. Mitten im Wald ist es ruhig – abgesehen von den Schreien eines Pfaus, der auf dem Gelände zu Hause ist, und den Kinderstimmen. Auf dem Gelände können die Kinder ungestört spielen oder den umliegenden Wald erkunden.

Vom Krieg in der Ukraine in die Ravensberge

Für die meisten der acht bis 14 Jahre alten Kinder ist allein die Tatsache, sich längere Zeit draußen aufhalten zu können, etwas Besonderes. Denn sie kommen aus der Stadt Awdijiwka. Die liegt unmittelbar an der Frontlinie und wird von der ukrainischen Armee kontrolliert. Auf der anderen Seite der Front stehen die Truppen der von Russland mit Waffen und Soldaten unterstützen sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Mitte Mai schlug eine Granate im Hof eines Einfamilienhauses ein und tötete vier Menschen, zwei vier und sieben Jahre alte Mädchen wurden zu Waisen. In Awdijiwka werden Kinder seit drei Jahren mitten im Krieg groß.

Unter den Mädchen und Jungen, die nach Potsdam gekommen sind, sind keine, die durch den Krieg verletzt wurden – jedenfalls nicht körperlich. Mehrere haben jedoch in den letzten drei Jahren Familienangehörige verloren. Auf der Ferienfahrt sollen sie vor allem Abstand von dem Krieg gewinnen, der seit drei Jahren ihren Alltag bestimmt. Täglich steht in Potsdam etwas auf dem Programm – ein Ausflug oder ein Workshop.

„Es ist ein Anfang“, sagt Marina Bondas. Die 36-Jährige hat das Projekt maßgeblich ermöglicht. Sie ist in Kiew geboren, lebt seit 25 Jahren in Deutschland und ist Violinistin beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Wenn die Kinder sich für Musik interessieren, freue sie das natürlich. Schließlich trage das Projekt den Namen „Musik rettet“. „So haben wir mal angefangen“, sagt Bondas. Aber zunächst einmal sei es wichtig, dass die Kinder überhaupt Interessen und soziale Bindungen entwickeln können. „Wir fangen hier klein an“, sagt Marina Bondas.

Besondere Betreung im Potsdamer Waldhaus

Die Heimatregion der Kinder war auch schon vor dem Krieg nicht gerade ein kulturelles Zentrum. Awdijiwka ist als Siedlung für die Arbeiter einer der größten Kokereien Europas gewachsen. Die Existenz der 35.000 Einwohner hängt von der Fabrik ab, die Koks für die Stahlwerke der Region herstellt. Wegen der Jobs sind viele in der Stadt geblieben – trotz der Gefahr. Diese Umgebung hat noch keines der Kinder verlassen – bisher.

Mittags sitzen alle Kinder gemeinsam am Tisch auf der Veranda. Es gibt Nudeln mit Tomatensoße. Eine Mitarbeiterin des Waldhauses kommt dazu und spricht kurz mit Bondas. Es gebe Probleme mit dem Wasserboiler. Man könne erst am Abend wieder duschen. Bondas lächelt. Die Kinder seien es gewöhnt, dass Sachen monatelang nicht repariert werden. „Bis zum Abend zu warten, ist also kein Problem.“

Ein paar der Kinder spielen derweil mit einem Tischfußballspiel. Zwei Jungen fragen, ob sie zum Tiergehege gehen dürfen. Der Waschbär hat es ihnen angetan. „Viele der Kinder haben eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne“, erzählt Bondas. Die meisten kämen ohnehin aus problematischen Verhältnissen, lebten in Pflegefamilien oder im Kinderheim. „Der Krieg kommt dann noch oben drauf.“ Damit die Kinder überhaupt eine Chance im Leben haben, müsse man etwas tun. „Wenn sie etwas entdecken, für das sie sich begeistern, ist schon viel gewonnen.“ Aber manchmal müsse man sie einfach nur mal in den Arm nehmen.

In den Workshops gehe es nicht darum, ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen. Die Kinder sollen sich ausprobieren. Zum Beispiel haben einige mit dem Berliner Lyriker Ilia Ryvkin einen Rap über ihren Alltag geschrieben. Es gab Workshops zur Porträtmalerei oder zum Trickfilmzeichnen. Und auf dem Falkenhof, der sich ebenfalls in den Ravensbergen befindet, kamen sie Greifvögeln ganz nahe.

Auftritt beim Open-Air-Fest des Breitband e.V. 

Geholfen hat auch der in der Waldstadt beheimatete Breitband e.V. In den Räumen des Jugendclubs fanden Musikworkshops statt. Das blieb nicht folgenlos: Am heutigen Samstag werden die ukrainischen Kinder beim Open-Air-Fest des Vereins in der Saarmunder Straße 66 auf der Bühne stehen. Um 13 Uhr soll es losgehen.

Dann wird auch die achtjährige Ksenia dabei sein. Im Waldhaus zeigt sie schon mal, was sie kann und singt mit kräftiger Stimme ein ukrainisches Kinderlied. Mascha und die zehnjährige Marina stimmen beim Refrain mit ein. Letztere hat anschließend noch eine wichtige Frage: „Gibt es hier W-Lan?“

Dass einige Kinder nun zwei Wochen an einem friedlicheren Ort verbringen können, haben sie neben dem Engagement von Ehrenamtlern – die fünf mitreisenden Betreuer arbeiten ohne Bezahlung – auch Sponsoren zu verdanken. Etwa 20.000 Euro wurden dem Verein von Privatpersonen und Firmen gespendet. Auch Brandenburgs SPD-Generalsekretärin Klara Geywitz machte sich beim Auswärtigen Amt für eine Förderung stark.

Potsdamer Sommercamp erneut auf dem Programm

Hinter dem Projekt steht der Berliner Verein Ukraine-Hilfe, in dem sich auch der Potsdamer Vadim Davidenko engagiert. Der preisgekrönte Cocktail-Artist hat Sponsoren gefunden, die beispielsweise für die Getränke der Gruppe aufkamen. Am Donnerstag stand auch ein Besuch im Filmpark an, der die Kinder eingeladen hatte. In den Tagen zuvor hatten sie schon Berlin besucht. Und am Wochenende steht eine Dampferfahrt auf dem Programm.

Das Potsdamer Sommercamp ist keine Eintagsfliege. Im Sommer 2016 gab es bereits ein Sommercamp mit 13 Kindern in Klein Leppin (Prignitz). Dort entwickelten sich offenbar auch Freundschaften zu deutschen Familien: Fünf der ukrainischen Kinder verbringen in diesem Jahr die Sommerferien bei Gasteltern. Und im August sollen noch 20 weitere Kinder an einem zweiten Sommercamp im Inselparadies in Petzow teilnehmen.

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