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Themenschwerpunkt:

Wohnen in Potsdam

  • 29.05.2017
  • von Henri Kramer

Neue Gewoba-Chefin Kerstin Kirsch im Interview : „Potsdam soll lebenswert sein, egal wo man wohnt“

von Henri Kramer

Nachbarschaften schaffen. Kerstin Kirsch führt seit Januar die Pro-Potsdam-Tochter Gewoba. Foto: Sebastian Gabsch

Kerstin Kirsch ist die neue Gewoba-Chefin. Sie arbeitet für gute Nachbarschaften, hat Ideen für den Schlaatz – und für eine Wohnungstauschbörse.

Frau Kirsch, seit etwas mehr als 100 Tagen leiten Sie mit Jörn-Michael Westphal und Bert Nicke die Gewoba, die städtische Wohnungsgesellschaft unter dem Dach der Pro Potsdam. Und Sie sind auch selbst Potsdamerin, bekommen das rasante Wachstum der Stadt hautnah mit. Macht Ihnen das Wachstum manchmal Sorgen?

Nein. Schon als ich noch in Berlin gearbeitet habe, hatte ich immer Potsdam mit im Blick – als hochinteressante Stadt, die auch als Wissenschaftsstandort und aufgrund ihrer Nähe zu Berlin äußerst attraktiv ist und viele Menschen anzieht. Da ist Wachstum die konsequente Folge – und das ist auch gut und richtig.

Welche Folgen hat das für die Gewoba?

Unser Wohnungsbestand wächst. Die Pro Potsdam baut allein 2500 Wohnungen bis 2027 neu, davon 1000 geförderte Wohnungen. In den wachsenden Stadtteilen haben wir den klaren Auftrag, uns um das Zusammenleben der dort schon lange wohnenden und der neu dazuziehenden Mietern zu kümmern. Uns als Wohnungsunternehmen ist es besonders wichtig, dass die Wohnquartiere eine gute Lebensqualität bieten.

Was können Sie denn als Wohnungsgesellschaft für Nachbarschaften tun?

Als kommunales Unternehmen verstehen wir es als unsere Aufgabe, unseren Beitrag für den sozialen Zusammenhalt in den Wohnquartieren zu leisten. Über unsere Spenden und Sponsoringprogramme unterstützen wir dazu engagierte Initiativen und Vereine. Mit der Landeshauptstadt sind wir im Gespräch darüber, wie sich über ein koordiniertes Quartiersmanagement noch bestehende Lücken schließen lassen – dazu kooperieren wir etwa auch mit dem aus unseren Reihen gegründeten Verein Soziale Stadt.

Welche Defizite meinen Sie konkret?

Immer dann, wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen, kann es zu Spannungen kommen. Schon die Interessen der unterschiedlichen Generationen in einem Haus können sehr verschieden sein. Wenn wir es aber schaffen, dass die gegenseitige Hilfe im Vordergrund steht, dann entstehen stabile Nachbarschaften. Im Bornstedter Feld haben wir beispielsweise ein Mehrgenerationenhaus, das „Konvoi“-Projekt, durch einen passgenauen Neubau unterstützt. Das aktive Zusammenleben hier sorgt für einen großen Mehrwert für die Bewohner. Für Probleme können aber auch Sprachbarrieren oder die unterschiedliche Herkunft sorgen. Dann helfen Sozialarbeiter oder andere Partner dabei, dass sich Nachbarn kennenlernen, Gemeinsamkeiten entdecken, Verständnis füreinander entwickeln und so Leben in echter Gemeinschaft entsteht.

Die Gewoba betreut auch die Gartenstadt Drewitz, früher ein Problemviertel …

Inzwischen ist die Gartenstadt Drewitz zu einem weit über die Grenzen von Potsdam hinaus bewunderten Projekt geworden. Auch die Sanierungsarbeiten der Gewoba sind schon weit: Die sogenannte Rolle an der Konrad-Wolf-Allee ist zu rund 50 Prozent fertig. Hier gab es vor der Sanierung nur Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen. Nun können wir deutlich mehr Grundrisse anbieten: Atelierwohnungen, die eine Mischung aus Arbeiten und Leben ermöglichen oder auch große Wohnungen für Familien sind jetzt zu haben. Dazu kommt eine Ladenzeile mit Platz für kleine Geschäfte und ein Ärztehaus. Das alles wird für eine weitere Belebung vor Ort sorgen.

Zuletzt gab es aber Kritik, der neue Park in Drewitz werde nicht genügend gepflegt.

Der Park ist sicherlich ein Highlight in Drewitz – und für die Umgestaltung hin zur Gartenstadt enorm wichtig. Für die Pflege des Parks ist das Grünflächenamt der Stadt zuständig. Alle Beteiligten befinden sich zu dieser Frage in intensivem Kontakt, ein Termin vor Ort ist geplant. Klar ist: Wenn es nicht gelingt, den Park nachhaltig zu pflegen, wird das Gesamtkonzept der Gartenstadt darunter leiden.

Auch für den Schlaatz, der als Problemviertel gilt, hat der Arbeitskreis Stadtspuren, in dem auch die Gewoba sitzt, zuletzt ein Entwicklungskonzept angekündigt. Kommt die nächste Gartenstadt?

Die Idee der Gartenstadt wollen wir nicht einfach duplizieren. Schließlich ist jeder Stadtteil anders. Daher ist für den Herbst ein Verfahren geplant, bei dem wir gemeinsam Visionen für den Schlaatz entwickeln wollen. Das Ziel ist klar: Egal, wo man in Potsdam wohnt, es soll lebenswert sein und Zukunftschancen bieten.

Sie selbst leben unweit vom Bornstedter Feld – einem Stadtteil, dem auch fehlende soziale Infrastruktur nachgesagt wird. Wie empfinden Sie das persönlich?

Früher lag das Bornstedter Feld gefühlt am Ende der Stadt – heute ist es näher an die Innenstadt gerückt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich in neuen Wohngebieten die Infrastruktur erst entwickeln muss – aber sie kommt. So ist das auch hier. Demnächst werden im Neubau in der Georg-Hermann-Allee neue Ladenflächen und auch Flächen für soziale Angebote entstehen. Überdies gibt es im Bornstedter Feld den Volkspark als grüne Lunge des Viertels, der gerade im Sommer enorm beliebt ist.

… der aber auch kleiner wird und weiteren Wohnungen weicht!

Dennoch bleiben die wesentlichen Funktionen innerhalb des Parks erhalten, sie ziehen sozusagen nur um. Das gilt zum Beispiel für den Kinderzirkus Montelino oder die Partygärten. Gerade die Partygärten hätte der Volkspark wegen Lärmschutzbestimmungen ohnehin verlagern müssen. Darüber hinaus profitiert das Bornstedter Feld ohnehin von einem grünen Umfeld– nehmen Sie den Pfingstberg oder den neuen Uferweg am Jungfernsee.

Zu den Aufgaben der Gewoba gehört es auch, das wohnungspolitische Konzept der Stadt umzusetzen – etwa eine Wohnungstauschbörse zu etablieren, damit Senioren mit großen Wohnungen mit Familien tauschen können, die mehr Platz brauchen.

In einer Arbeitsgruppe zu diesem Thema sind wir unter anderem mit dem Seniorenbeirat, Vertretern der Landeshauptstadt, dem Mieterverein und weiteren Beteiligten mitten in dieser hitzigen Debatte. Denn es steht natürlich niemandem zu, zu bestimmen: Diese Wohnung ist zu groß. Der Bedarf für eine derartige Wohnungstauschbörse ist da und die Diskussion konstruktiv. So sind wir nun auf das Modell „Wohnen für Hilfe“ gestoßen. Dabei nehmen Senioren in ihren Wohnungen Studenten auf, die im Gegenzug im Alltag helfen. Ein solches Modell bietet älteren Menschen und auch Studenten viele Vorteile – und kann dafür sorgen, dass weniger Wohnraumbedarf entsteht.

Anfangs erwähnten Sie viele neue Mieter: Wie wollen Sie den Service der Gewoba für ihre Kunden verbessern?

Wir sind bereits telefonisch 24 Stunden am Tag erreichbar, sieben Tage die Woche. Allerdings wollen wir die digitalen Möglichkeiten, mit uns in Kontakt zu treten, in den kommenden Jahren deutlich erweitern. Zudem sollen Mieter noch zügiger Antwort auf Fragen erhalten. Aktuell arbeiten wir an einer neuen Kundenbefragung, um von unseren Mietern zu erfahren, wo es klemmt und was gebraucht wird. Gerade auch in Neubauvierteln wollen wir wissen, wie unsere Mieter das Leben vor Ort empfinden – damit sich auch hier lebendige und lebenswerte Nachbarschaften etablieren.


Die Fragen stellte Henri Kramer

ZUR PERSON: Kerstin Kirsch, seit Januar Chefin der Gewoba-Wohnungsgesellschaft, wurde 1967 in Meiningen (Thüringen) geboren. Die studierte Fachwirtin der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft ist seit mehr als 20 Jahren als Führungskraft in verschiedenen Bereichen der Wohnungswirtschaft tätig. Zuletzt war sie Geschäftsführerin der Gewobag MB Mieterberatungsgesellschaft mbH in Berlin. Kerstin Kirsch ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit 2009 lebt sie in Potsdam.

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