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  • 28.04.2017
  • von Steffi Pyanoe

Zwischen Kunst und Kindergarten

von Steffi Pyanoe

Was abgeben vom Glück. Friederike Sehmsdorf feiert im Mai das zehnjährige Bestehen ihrer Galerie Kunstkontor am Jungfernsee. Sie organisiert zudem Benefizveranstaltungen für die Oberlinstiftung und sammelt Spenden für einen Kindergarten in Tansania.Foto: Klaus Fahlbusch

Die Potsdamer Galeristin Friederike Sehmsdorf engagiert sich für soziale Projekte – in Potsdam und in Afrika

Geschichten über Afrika hat Friederike Sehmsdorf schon als Kind gehört, vor allem von der Großmutter Marion. Die Großeltern lebten in den 1930er-Jahren als Missionare in Tansania. Nach der kriegsbedingten Rückkehr 1939 in die Heimat schrieb Marion Sehmsdorf ihre Erinnerungen an Afrika für mehrere Bücher auf. Die Familie, sagt die Potsdamer Galeristin Friederike Sehmsdorf, wurde zu allen Zeiten mit Geschichten über Tansania versorgt. „Der Mythos Afrika war immer präsent.“ Er hat sich auch über die in der DDR eingesperrte Generation gerettet. Friederike Sehmsdorfs Eltern gründeten, als das Reisen wieder möglich war, Anfang der 1990er-Jahre in Tansania einen privaten Kindergarten. Künftig wird sich verstärkt Friederike Sehmsdorf um das Projekt in Tansania kümmern. „Ich muss jetzt Swahili lernen“, sagt sie bei einem Gespräch in ihrer Galerie Kunstkontor.

Im Mai wird das zehnjährige Bestehen der Galerie gefeiert, anschließend fährt Sehmsdorf mit ihrem Vater für zehn Tage nach Tansania – für eine Art Amtsübergabe. Sie war schon viel Male in der kleinen Stadt Matema am Nordufer des Malawisees, wo neben der Missionstation der Kindergarten entstand. „Man kann nach Ostafrika süchtig werden.“ Dieses Mal fährt sie nicht zum Familienurlaub wie bisher. Es ist eine Arbeitsreise, um den Kindergarten genauer kennenzulernen und sich in die Materie einzuarbeiten. „Vieles, das wir uns hier in Deutschland ausdenken, funktioniert in Afrika nicht“, sagt sie. „Man muss wissen, wie die Leute dort denken und fühlen.“ Denn das Projekt soll, auch wenn sich die Gründer jetzt zur Ruhe setzen, weiter geführt werden.

Es wird gebraucht, bis zu 150 Kinder, darunter auch zahlreiche Aids-Waisen, werden in Kita und Vorschule betreut, bekommen eine warme Mahlzeit und vor allem aber Zeit zum Kind-Sein. Denn normalerweise müssen Kinder in Afrika sehr zeitig beim Arbeiten mithelfen, sagt Sehmsdorf, dann arbeiten sie auf dem Feld oder betreuen zumindest die kleineren Geschwister.

Von Anfang läuft die Finanzierung dafür über das Sehmsdorfer Familienbudget beziehungsweise gesammelte Spenden. Mehrmals im Jahr bringen Familienmitglieder Geld, Material und Ausstattung nach Tansania. Dabei werden auch die Finanzen überprüft und die Mitarbeiter direkt bezahlt. Das Geld soll ankommen, nicht in undurchsichtigen Strukturen versickern, sagt Sehmsdorf.

Auch wenn sie sich nun verstärkt um den Kindergarten in Matema kümmern wird, bleibt die Galerie natürlich ihr liebstes Kind. Friederike Sehmsdorf wächst in einer Pfarrersfamilie auf und studiert an der Berliner Humboldt-Universität Kunst- und Kulturwissenschaft und Ästhetik.1989 geht sie zum Märkischen Museum in Berlin und arbeitet als Kuratorin in der Malereiabteilung. „Da habe ich Sehen gelernt“, sagt sie. Es mussten eben auch mal Bilder unter UV-Licht untersucht werden, sehr spannend sei das gewesen. Vom Museum wechselt sie in die renommierte Galerie von Hans Pels-Leuden in der Villa Grisebach, tritt dann eine Weile kürzer wegen der Kinder und macht sich als Kuratorin selbstständig. In Falkensee baut sie einen Gemüseladen um zu Büro und Galerie. Aber eine Galerie in Falkensee – das sei schwer gewesen, sagt sie. 2005 zieht die Familie also nach Potsdam. In der Stadt, in der Großvater Sehmsdorf zehn Jahre lang Pfarrer war, fühlt sie sich auf Anhieb wohl.

Das Haus in der Bertinistraße wird Familienwohnsitz und Galerie. Neben der Arbeit mit der Kunst findet sie immer wieder Zeit für weiteres Engagement. „Immer mit schönen Dingen umgeben zu sein, das ist ja eine Art Luxus“, sagt sie. „Irgendwann kommt der Punkt, an dem einem bewusst wird, dass man auch ein Stück soziale Verantwortung trägt.“ So gehe es vielen Potsdamern, es gebe große und auch ganz viele kleine Mäzene. Dazu gehöre auch, dass ihre Nachbarn am Jungfernsee regelmäßig die Villa Jacobs für Lesungen und das Weinfest öffnen. „Das ist nicht selbstverständlich“, sagt sie, und manchmal wünsche sie sich mehr Wertschätzung der Stadt für dieses bürgerschaftliche Engagement.

Sie selbst ist Mitglied im Gemeindekirchenrat, beim Potsdamer Salon e. V. und sitzt seit 2012 im Beirat der Oberlinstiftung. Sie habe das Bedürfnis, etwas zurückzugeben an die Gesellschaft, sagt sie. Weil es ihr gut geht. „Ich habe auch viel Glück gehabt.“ Die Oberlinstiftung sei ihr wichtig. „Oberlin war schon immer ein großer Name in Potsdam, natürlich vor allem in Kirchenkreisen.“ Sehmsdorf kümmert sich vor allem um das Einwerben von Spenden für „kleine Extras“, die eben nicht zur Grundversorgung gehören und von keiner Krankenkasse finanziert werden. Die aber manchmal sehr hilfreich sein können. „Menschen mit Behinderungen haben es schon schwer genug. Es gibt aber so viele tolle Dinge, die deren Leben bereichern und erleichtern und ebenso die Arbeit der Betreuer.“ So konnte im vergangenen Jahr der Sinnesgarten fertiggestellt werden. Aktuell wird für die Einrichtung eines sogenannten Snoezelraums zum Entspannen gesammelt. Die Spender sollen auch etwas zurückbekommen: Jedes Jahr findet ein Kammerkonzert mit namhaften Profimusikern in der Oberlinkirche statt, das Sehmsdorf organisiert. Auch die jährliche Oberlinrede von prominenten Menschen aus der Gesellschaft wird vom Beirat organisiert. In diesem Jahr wird Bundeskanzlerin Angela Merkel die Rede halten, vermutlich im Oktober. „Wir haben gerade die finale Zusage von ihrem Büro bekommen.“

Sehmsdorf ist eine Vernetzerin. Wenn sie erzählt, dann verbinden sich Potsdamer Themen scheinbar mühelos miteinander und mit der großen Welt. Und mit der Kunst. Der Blick aus der Galerie fällt auf den Jungfernsee. In Tansania wird es wieder der Malawisee sein.

www.kunst-kontor-sehmsdorf.de

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