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  • 23.03.2017
  • von Peer Straube und Katharina Wiechers

Neue PNN-Serie "Glaube in Potsdam": „Potsdam kann ein gutes Beispiel geben“

von Peer Straube und Katharina Wiechers

Für Religionsvielfalt. Alt-Bischof Wolfang Huber ist für den Bau einer Synagoge und einer Moschee in Potsdam. Foto: A. Klaer

"Jeder soll nach seiner Fasson selig werden", sagte einst der Alte Fritz. Doch was bedeutet Glaube heute für die Potsdamer? Alt-Bischof Wolfgang Huber spricht zum Serienstart "Glaube in Potsdam" über den Bau einer Moschee, Toleranz und den religionsübergreifenden Nutzen der Garnisonkirche.

Herr Huber, beim Neujahrsempfang des Oberbürgermeisters im Januar haben Sie sich nicht nur für den Bau Synagoge, sondern auch für den Bau einer Moschee in Potsdam ausgesprochen. Warum?

Nach meiner Überzeugung müssen wir aktiv etwas dazu beitragen, dass sich ein europäischer Islam unter dem Dach der Freiheit bildet. Dafür sollten wir die Pluralität von Religionen in unserem Land bejahen und dabei das Ziel verfolgen, dass die verschiedenen Religionen gut und friedlich zusammenleben. Dieses Zusammenleben ist an klare Voraussetzungen geknüpft: wechselseitiger Respekt, das Achten der Religionsfreiheit und den Umgang mit Unterschieden im Geist des Friedens. Dafür kann gerade die Stadt Potsdam ein gutes Beispiel geben. Sie war schon in früheren Zeiten ein Vorreiter praktisch gelebter und zukunftsfähiger Toleranz; auch heute kann sie wieder einen solchen Beitrag leisten.

Bedeutet das, die Stadt sollte die Moschee bezahlen?

Jede Glaubensgemeinschaft ist zunächst einmal selbst gefragt, für die Finanzierung ihrer religiösen Räume zu sorgen. Wie bei anderen Vorhaben ist gegebenenfalls zu prüfen, ob und wie weit die öffentliche Hand sich engagiert. Von der Stadt wird erwartet, dass sie ein solches Vorhaben in die Gesamtplanung einbezieht.

In diesem Jahr soll mit dem Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche begonnen werden, ein umstrittenes Vorhaben. Wäre es nicht ein starkes Zeichen der Ökumene, wenn man mit dem dafür gesammelten Geld auch den Bau von Gotteshäusern anderer Religionen unterstützen könnte?

Sammeln kann man immer nur für ein bestimmtes Projekt. Und solange das eigene Projekt nicht ausfinanziert ist, hat es keinen Sinn, mit demselben Geld gleichzeitig andere Projekte finanzieren zu wollen. Es gibt Vorhaben wie das „House of One“ in Berlin, wo von vornherein für einen Ort gesammelt wird, an dem verschiedene Religionen zu Hause sind. Wir haben uns in Potsdam die Aufgabe gestellt, den Turm der Garnisonkirche zu errichten.

In kurzen Worten: Warum ist der Wiederaufbau des Turms – von der Stadtsilhouette abgesehen – für Potsdam so wichtig?

Es gibt in Potsdam und weit darüber hinaus keinen anderen kirchlichen Ort, an dem wir so intensiv zur Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte herausgefordert sind. Wir verbinden das Projekt mit einem Sinn, der unzweideutig ist im Blick auf diese Geschichte, der den Geist der Versöhnung vorantreibt und praktische Modelle von Frieden erprobt.

Was haben andere Glaubensgemeinschaften vom Wiederaufbau?

Sie finden einen Ort der Begegnung. Das zeigt sich schon jetzt an der interreligiösen Arbeit an diesem Ort. Zum Beispiel werden gemeinsam mit Flüchtlingen Andachten gehalten – ganz unabhängig davon, welcher Religion sie angehören. Mit den neuen Möglichkeiten, die der Turm mit seinen 1200 Quadratmetern Nutzfläche bieten wird, wird sich auch dieser Teil der Arbeit verstärken.

Seit dem Edikt von Potsdam 1685, mit dem der Große Kurfürst den in Frankreich verfolgten Hugenotten Hilfe anbot, gilt Potsdam als Ort religiöser Toleranz. Tut die Stadt genug, um dieses große Erbe zu bewahren?

Ich glaube, die Stadt Potsdam trägt Wichtiges zur Bewahrung ihres Erbes durch von ihr selbst verantwortete Initiativen bei; aber es geht ja nicht darum, dass sie selber zum Hauptträger wird. Sie hat den rechtlichen und organisatorischen Rahmen und den notwendigen öffentlichen Raum bereitzustellen, aber es ist in erster Linie an uns als Religionsgemeinschaften und an anderen gesellschaftlichen Initiativen, dies mit Inhalt zu füllen. Diese Arbeitsteilung sollte man ernst nehmen.

In den vergangenen zwei Jahren kamen gut 2000 Flüchtlinge nach Potsdam, überwiegend aus islamischen Ländern. Wie viele davon letztlich in der Stadt bleiben, ist unklar. Ist es da nicht übereilt, eine Moschee zu bauen?

Wenn man vor Augen hat, wie lange schon über die Potsdamer Synagoge geredet wird, weiß man, dass es hier um längerfristige Vorhaben geht. In den kommenden Jahren wird sich herausstellen, wer dauerhaft in Potsdam bleibt und welche Art von Moschee-Gemeinde entsteht. Für diesen Prozess ist es unentbehrlich, dass es einen islamischen Träger gibt, der auch in die Demokratie passt.

Gab es Reaktionen auf Ihre Forderung nach einer Moschee?

Einige waren überrascht, dass ich das sage, weil sie die Vorstellung hatten, dass ein Christ und ehemaliger Bischof sich immer nur im eigenen Interesse äußert. Aber ich fühle mich mitverantwortlich für eine Atmosphäre, in der die Religionsfreiheit aller geachtet wird. Andere haben eingewandt, dass Potsdam möglicherweise keine Moschee braucht, weil hier gar nicht so viele Muslime leben. Dagegen spricht die Tatsache, dass schon jetzt der Raumbedarf für muslimische Gottesdienste nur provisorisch befriedigt wird. Und natürlich gab es auch den einen oder anderen generellen Vorbehalt gegen den Islam. Dazu sage ich immer wieder, dass man besorgniserregende Entwicklungen im Islam beim Namen nennen muss; aber man muss zwischen Islam und Islamismus unterscheiden.

Im Moment beten Potsdams Muslime in der Biosphäre. Bedarf es für gläubige Menschen zwingend eines Gotteshauses – sei es Kirche, Synagoge oder Moschee?

Gläubige Menschen können überall beten. Und trotzdem ist es gut, wenn sie dafür einen besonderen Raum haben. Gerade Moscheen sind nicht nur Gottesdiensträume, sondern erfüllen auch eine soziale Funktion. Das gehört zur muslimischen Lebensform, die es zu respektieren und zu unterstützen gilt.

Einige Menschen würden womöglich bezweifeln, dass der Bau einer Moschee die Integration befördert. Wie kann man hier Vorurteile abbauen?

Der Versuch, Normalität walten zu lassen, ist immer der beste Beitrag, um Vorbehalte abzubauen. Diese sind ja umso stärker, je weniger man den anderen kennt. Deshalb sollten gottesdienstliche Orte auch nicht in Hinterhöfe verbannt werden, sondern als solche erkennbar sein. Gleichzeitig sollten sie aber auch nicht mit einem übertriebenen Herrschaftsanspruch ausgestattet werden.

Die christlichen Kirchen verlieren überall im Land an Gläubigen. Allein die Landeskirche schrumpft jeden Monat um 1700 Mitglieder. Woran liegt das?

Zunächst einmal: Weltweit gesehen wächst das Christentum. Man kann also nicht pauschal sagen, dass die Kirchen schrumpfen. Aber tatsächlich geht die Zahl der Christen in Deutschland noch immer zurück; es ist bisher nicht gelungen, diesen Trend zu verändern. Im Osten ist es besonders dramatisch. Aufgrund der Propaganda und Repression zu DDR-Zeiten haben die Menschen die Kirche massenhaft verlassen, aber sie sind nur einzeln zurückzugewinnen. Ein weiteres Problem ist der demografische Wandel. Es sterben mehr alte Menschen, als Kinder in christlichen Familien aufwachsen. Man darf aber nicht außer Acht lassen, dass unter den Zuwanderern bis zu 25 Prozent Christen sind. Man sollte also auch für Deutschland nicht davon ausgehen, dass der Säkularisierungsprozess unaufhaltsam wäre. Wir wissen nicht, wie die Situation in 25 Jahren ist. Daher müssen wir weiterhin eine offene und einladende Kirche sein.

Dennoch: 1939 waren noch mehr als 80 Prozent der Potsdamer Bevölkerung evangelisch, heute sind es weniger als 14 Prozent. Selbst zu DDR-Zeiten machten die Protestanten noch mehr als die Hälfte der Einwohner der Stadt aus. Ist die Ursache für den Rückgang also allein die Religionsfeindlichkeit der DDR?

Hier muss ich einhaken. Man darf die Religions- und Kirchenfeindlichkeit der DDR nicht unterschätzen. Sie haben, als Sie von „DDR-Zeiten“ sprachen, eine Zahl von 1964 genannt. Noch 1948 waren in unserer Region noch mehr als 80 Prozent der Menschen evangelischen Glaubens. In nur 16 Jahren ist die Zahl der registrierten Gläubigen also von 80 auf 50 Prozent gesunken. Die SED hatte die Vorstellung, dass das Verschwinden der Religion in nur einer Generation zu erreichen sei. Eine der Folgen waren die Kirchenabrisse in den 60er-Jahren, darunter die Garnisonkirche. Der berühmte Schwenk in der Kirchenpolitik der DDR von 1978, als sich Erich Honecker mit den Spitzen der evangelischen Kirche traf, war das Eingeständnis, dass Glaube und Religion eben doch nicht vollständig verschwunden waren.

Potsdams christliche Kirche wächst leicht, weil es einen Zuzug von Christen gibt, der die Zahl der Austritte etwas mehr als aufwiegt. Aber warum erreichen Sie die alteingesessenen Potsdamer nicht?

Zunächst einmal freue ich mich über jeden Christen, der der Kirche angehört. Und natürlich hoffe ich, dass das eine ansteckende Wirkung auf diejenigen hat, die durch ihre Lebensgeschichte daran gewöhnt sind, mit der Kirche nichts zu tun zu haben. Aber die Schwelle ist natürlich hoch, das muss man ganz nüchtern sehen. Viele Eltern erzählen mir, dass sie ihre Kinder gerne in christliche Kitas oder Schulen schicken, sie selbst aber diese Schwelle nicht überwinden können. Ihre nichtchristliche Sozialisation ist sehr stark.

Potsdams Kirchengeschichte ist bunt, das Antlitz der Stadt hat profitiert. Es gibt beispielsweise eine Russisch-Orthodoxe Kirche und Am Stern die einzige Kirche, die in der DDR-Zeit neu gebaut wurde. Wo sehen Sie Potsdams Glaubens- und Kirchenvielfalt im deutschlandweiten Ranking?

Potsdams Einmaligkeit ist die Verbindung zwischen einem Geist der Toleranz mit vielfältigen Formen gelebten kirchlichen und christlichen Lebens. Dazu zähle ich sowohl die Verbindung zwischen Kirche und Kultur, auch mit Unterstützung der preußischen Könige, die ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass Potsdam trotz aller Zerstörung noch eine so große Zahl von wirklich eindrucksvollen Kirchengebäuden aufweist. Dazu zähle ich aber ebenso die mutigen Menschen in der Zeit der Naziherrschaft, die mutigen Gemeinden in der DDR-Zeit, die Widerständen getrotzt haben, ebenso wie die Menschen mit christlichem Hintergrund, die sich an der Bürgerrechtsbewegung beteiligt haben.

Das ist ein gutes Stichwort. Es gibt viele Kirchenmänner und -frauen, die in Krisenzeiten Großes geleistet haben, aus Potsdamer Sicht etwa Maimi von Mirbach oder Johannes Lepsius. Fehlt es heute an solchen Menschen?

Es stellt sich ja immer erst hinterher heraus, ob Menschen im Gedächtnis bleiben. Man kalkuliert sein Handeln nicht danach, ob es in den Augen der Nachwelt Beifall findet. Aber es gibt auch heute viele Geistliche in Potsdam, vor deren Arbeit ich großen Respekt habe, ebenso gibt es viele Christen, die sich in ihrem Alltag bewähren.

Zum Beispiel?

Der inzwischen verstorbene Pfarrer Wilhelm Stintzing fällt mir ein, der Zeuge einer ganz besonderen Zeit war und der auch im hohen Alter noch die Fähigkeit hatte, diese Erfahrungen einer jüngeren Generation zu vermitteln. Oder Manfred Stolpe, über dessen Biografie in der DDR-Zeit zwar viel gestritten wurde, der aber ohne Zweifel viel für Menschen in der DDR und danach im Land Brandenburg geleistet hat.

Kirche und Vergangenheitsbewältigung – das geht nicht immer gut zusammen. In Potsdam fehlt beispielsweise eine gemeindescharfe Aufarbeitung der Kirchengeschichte zur NS-Zeit. Woran hapert es?

Wer soll das denn machen? Die Aufarbeitung von Geschichte ist üblicherweise eine Aufgabe von Historikern …

… die man ja beauftragen kann.

Aber dem haftet immer der Geruch an, man würde versuchen, die Ergebnisse zu beeinflussen. Bei der Garnisonkirche haben wir einen entsprechenden Auftrag erteilt; prompt gab es Kritik, die freilich unberechtigt war. Trotzdem empfehle ich den Potsdamer Gemeinden und dem Kirchenkreis, das Thema aufzunehmen. Aber manche Projekte sollte man erst anpacken, wenn man dafür die richtige Person gefunden hat.

Ein Thema, das der Kirche sehr schadet, sind wiederkehrende Missbrauchsvorwürfe. Auch in Potsdam gibt es den Fall eines ehemaligen Pfarrers der Heilig-Kreuz-Gemeinde. Wie kann und muss die Kirche hier gegensteuern?

Auf zwei Arten. Erstens muss solchen Vorwürfen konsequent nachgegangen werden. Dabei gilt der Grundsatz der Unschuldsvermutung. Man muss sich vor Vorverurteilungen hüten, aber gleichzeitig an der Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit dieses Themas keinen Zweifel lassen. Genauso wichtig ist aber das Vorbeugen. Wenn es Signale gibt, sollte man diese nicht vertuschen oder beiseiteschieben, sondern ihnen nachgehen und in einem geschützten Bereich Klarheit schaffen – sowohl für die Betroffenen als auch für diejenigen, die mit Vorwürfen konfrontiert werden. Man muss die Zusammenhänge sehr bedauern, derentwegen das jetzt so dringlich geworden ist, aber gleichzeitig kann man feststellen, dass die Sensibilität für dieses Thema auch in unserer Kirche in den letzten Jahren gewachsen ist und man damit jetzt ganz anders umgeht als noch vor einigen Jahren.

Friedrich II. sprach einst davon, dass hier jeder nach seiner Fasson selig werden müsse. Hat Potsdam dieses Ziel erreicht?

Die Voraussetzungen dafür sind in Potsdam gut. Aber Defizite sehe ich teilweise beim respektvollen Umgang mancher Bürger mit den Überzeugungen ihrer Mitbürger. Menschen, die für sich selbst Religion und Glauben für unwichtig halten, ziehen daraus manchmal ungerechtfertigterweise die Schlussfolgerung, dass Religion und Glaube überhaupt unwichtig sind. Man darf nicht nur über mangelnde Toleranz zwischen Glaubensrichtungen sprechen. Es gibt auch eine glaubensferne oder sogar glaubensfeindliche Intoleranz. Auf diesem Gebiet sehe ich in Potsdam Verbesserungsbedarf.


Das Interview führten Peer Straube und Katharina Wiechers

ZUR PERSON: Wolfgang Huber (74) wurde in Straßburg geboren. Nach dem Schulbesuch studierte er von 1960 bis 1966 Evangelische Theologie in Heidelberg, Göttingen und Tübingen. Sechs Jahre später habilitierte sich Huber in Heidelberg für Systematische Theologie. 1993 wurde er zum Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und vier Jahre später zum Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt. 2001 berief ihn die rot-grüne Bundesregierung in den Nationalen Ethikrat, aus dem er zwei Jahre später ausschied, weil er zum EKD-Ratsvorsitzenden gewählt wurde – ein Amt, das er bis 2009 innehatte. Seitdem ist Huber im Ruhestand, übt aber noch viele Ehrenämter aus. Unter anderem ist er Kuratoriumsvorsitzender der Garnisonkirchen-Stiftung und Dechant des Domstifts Brandenburg/Havel.

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Wer glaubt was - und warum? Die neue PNN-Serie "Glaube in Potsdam" erscheint ab dem 23. März exklusiv in den PNN. In der ersten Folge stellen wir  die Stern-Kirchengemeinde vor. Mehr Infos finden Sie hier >>

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