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  • 18.03.2017
  • von Holger Catenhusen

Potsdam zur Wendezeit: Zum Einsturz gebracht

von Holger Catenhusen

Zehntausende Potsdamer demonstrierten am 4. November 1989 friedlich gegen das SED-Regime. Foto: Michael Utech

Viele kleine und mutige Schritte von DDR-Bürgern: Das neue Buch „Im Riss zweier Epochen“, geschrieben von zwei Potsdamer Historikern, gibt detaillierte Einblicke in die Umbrüche in Potsdam zur Wendezeit.

Potsdam - Wenn heutzutage Politiker sich im Glanze des Kerzenlichts der Friedlichen Revolution von 1989 bescheinen lassen, dann werden bisweilen Jahreszahlen benannt und Zäsuren markiert: Ab diesem oder jenem Datum sei der entscheidende Stein aus dem Bollwerk des Kommunismus herausgerissen worden. Ja, von diesem Moment an habe das Haus des Sozialismus unweigerlich zusammenkrachen müssen. War dieser entscheidende Moment die Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc 1980 in Polen? Oder der Fall des Eisernen Vorhangs im Sommer 1989 in Ungarn? Vielleicht war es auch erst der 30. September desselben Jahres, als der damalige bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) auf dem Balkon der Botschaft in Prag vor DDR-Flüchtlingen seinen berühmten – und heute noch immer überaus bewegenden – Satz begann: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“

Buch zeichnet schleichenden Erosionsprozess in der DDR am Beispiel Potsdams nach

Dass es jedenfalls auch die unzähligen kleinen, aber umso mutigeren Schritte von Bürgern waren, die das auf einem allzu irrwitzigen Fundament gegründete Gebäude des Sozialismus schließlich zusammensacken ließen, wird bei der Lektüre des gerade erschienenen Buches „Im Riss zweier Epochen“ deutlich. Die Autoren Jutta Braun und Peter Ulrich Weiß haben darin die Verhältnisse in der einstigen Bezirkshauptstadt Potsdam vor und nach dem Fall der Mauer nachgezeichnet. Die beiden Historiker vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) sind für ihr Buchprojekt tief eingedrungen in die verschiedenen Milieus der einst als „rot“ verschrienen Stadt. Entstanden ist ein spannendes Werk, das den schleichenden Erosionsprozess in der DDR am Beispiel Potsdams nachzeichnet. Auch die Zeit nach der Friedlichen Revolution und die ersten Aufbaujahre des Landes Brandenburg haben die Autoren in den Blick genommen.

Das Interesse an dieser Zeit scheint in den vergangenen Jahren sogar noch gewachsen zu sein. Bei der Buchvorstellung am Donnerstagabend im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte war der Saal mit geschätzt mehr als 150 Menschen übervoll. Einigen Interessenten hatte man schon im Vorfeld wegen der vielen Anmeldungen absagen müssen. „Die letzten Nächte habe ich mit dem Buch verbracht“, bekannte die Moderatorin des Abends, Karin Flegel. Mit im Podium saß Wieland Eschenburg, einer der Aktivisten der AG Pfingstberg, die sich in den 1980er-Jahren um das verfallene Belvedere kümmerten. „Das war eine ganz simple Liebe auf den ersten Blick“, antwortete Eschenburg auf die Frage, warum er sich damals für den Pfingstberg engagiert habe.

In der leider nicht sehr professionell geleiteten Podiumsdiskussion erinnerte Eschenburg an den mittlerweile verstorbenen Kunsthistoriker Hans-Joachim Giersberg, der als damaliger Direktor der Potsdamer Hohenzollern-Schlösser die Arbeit der AG Pfingstberg ideell unterstützt habe. So sei von Giersberg der Rat gekommen, mit der AG Pfingstberg lieber unter dem Dach des offiziell erlaubten Kulturbundes zu agieren – als Schutz gegen ein befürchtetes Eingreifen des SED-Staates. Auch im neuen Buch von Braun und Weiß wird das Engagement der AG Pfingstberg ausführlich gewürdigt.

Aufbegehren des freien Geistes in Potsdam

Für ein nonkonformistisches Zeichen inmitten der tiefsten DDR hatte in Potsdam bereits 1974 der Physiker Rudolf Tschäpe gesorgt, als es ihm gegen einige Widerstände gelang, im Wissenschaftsgelände auf dem Telegrafenberg eine Ausstellung mit Werken des Bildhauers Wieland Förster zu organisieren. Weil der Künstler bei den Staats-Oberen angeeckt war, hatte man ihn mit einem jahrelangen Ausstellungsverbot belegt, das erst ein Jahr vor der Werkschau auf dem Telegrafenberg aufgehoben wurde. Das Buch widmet sich auch diesem Kapitel vom Aufbegehren des freien Geistes in Potsdam.

Prägend für die Gegenkultur gegen die offiziellen Phrasen und Rituale der Herrschenden waren in der Stadt auch die vielen kirchlichen Einrichtungen, die hier angesiedelt waren, etwa das Kirchliche Oberseminar in Hermannswerder oder die Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogen in der heutigen Alleestraße. Sowohl die Lehrenden als auch die Lernenden hätten oftmals eine Werte- und Glaubensgemeinschaft gebildet, „die das SED-Regime und sozialistische Ordnungsprinzipien infrage stellten“, schreibt Weiß. Ausführlich gehen die Autoren auch auf den Widerstand ein, der sich unter dem Dach der Kirchen in verschiedenen Gruppen formierte. Herausragende Zentren des Umbruchs in Potsdam waren die Friedrichskirche in Babelsberg und die Erlöserkirche in Potsdam-West. Als die Politik der DDR-Führung noch besonders schwer berechenbar war, im Sommer 1989 nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung in Peking, organisierte man in der Erlöserkirche ein dreitägiges Klagetrommeln.

Erinnerungen an Helmut Schmidts Besuch in Potsdam

Erinnert wird im Buch auch an die Besuche von Helmut Schmidt in Potsdam. Heute ist kaum noch vorstellbar, welche Aufmerksamkeit und Sehnsuchtsgefühle derartige Politikerbesuche damals mitten im Regime von Mauer und Stacheldraht auslösen konnten. Das Buch macht überdies deutlich, in welchen Parallelgesellschaften die Funktionäre einerseits und die sich zunehmend widerständig zeigenden Teile der Stadtgesellschaft andererseits lebten. Während SED-Kader wie Heinz Vietze am 9. September 1989 in einem gefestigten Ritual der Opfer des Faschismus gedachten, gründete am selben Wochenende Rudolf Tschäpe gemeinsam mit Gleichgesinnten in Grünheide im Haus von Katja Havemann, der Witwe Robert Havemanns, das oppositionelle Neue Forum.

Der Transformationsprozess von der einen Epoche in die andere brachte ab 1990 freilich viele Verwerfungen und Härten mit sich. Herausragend dabei: Die Eigentumsfrage bei den sogenannten Westgrundstücken. Auch über dieses schwierige Kapitel deutsch-deutscher Geschichte schreiben die Autoren.

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