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  • 17.03.2017
  • von Katharina Wiechers

Willkommensklassen in Potsdam: Auf sich gestellt

von Katharina Wiechers

Jetzt wird es ernst. In der Willkommensklasse ging es vor allem um das Deutschlernen, jetzt muss Ruba Barakat dem normalen Unterricht an der Gesamtschule folgen. Die 18-Jährige ist seit 2015 in Potsdam. Sie floh ohne Eltern aus Syrien. Foto: Sebastian Gabsch

Die ersten Flüchtlingskinder sind von den Willkommensklassen an die normalen Potsdamer Schulen gewechselt. Nicht allen fällt der Wechsel leicht, wie das Beispiel der jungen Syrerin Ruba zeigt.

Potsdam - Am schwersten findet Ruba Barakat die Fächer Deutsch und Geschichte. Hier versteht sie noch sehr wenig, die Hausaufgaben sind für sie kaum zu schaffen. Anders ist es in Mathematik, Physik und Chemie. „Das sind meine Lieblingsfächer“, sagt die 18-Jährige. Und das nicht nur, weil diese mehr mit Zahlen und Formeln als mit der deutschen Sprache zu tun haben.

Nicht mehr läuft so ein Wechsel ohne Probleme

Ruba Barakat kommt aus Syrien, seit 2015 lebt sie in Deutschland. Wie die meisten geflüchteten Kinder und Jugendlichen besuchte sie zunächst eine Willkommensklasse, doch seit einigen Wochen ist für sie die Schonfrist vorbei: Zum Halbjahr wechselte Ruba in eine ganz normale Potsdamer Schulklasse – die neunte Stufe der Lenné-Gesamtschule. An fast allen städtischen Potsdamer Schulen werden mittlerweile Flüchtlingskinder unterrichtet – nicht immer ohne Probleme.

Während es in der Willkommensklasse an der Leonardo-da-Vinci-Gesamtschule für Ruba vor allem um das Deutschlernen gemeinsam mit anderen jugendlichen Flüchtlingen ging, muss sie nun dem normalen Unterricht folgen – samt Klassenarbeiten und Noten am Schuljahresende.

Mehr als 1000 Kinder und Jugendliche besuchen Willkommensklasse in Potsdam

Von der ersten bis zur dritten Jahrgangsstufe besuchen Flüchtlingskinder in Brandenburg in der Regel ein halbes Jahr lang die Willkommensklasse, ab der vierten Jahrgangsstufe ein Jahr lang. Dann wechseln sie je nach Ankunftsdatum zum Halb- oder zum Schuljahr in die Regelklasse. Erfahrungswerte gibt es bislang kaum, erst seit dem massiven Anstieg der Flüchtlingszahlen 2015 gibt es diese Art der Vorbereitungsklassen. Laut brandenburgischem Landesbildungsministerium besuchen in Potsdam derzeit 1069 Kinder und Jugendliche eine Willkommensklasse oder haben gerade in die Regelklasse gewechselt, wo sie anfangs noch Förderunterricht Deutsch bekommen. 40 der 42 kommunalen Schulen in Potsdam haben Kinder oder Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien aufgenommen.

Zumindest die älteren Jugendlichen haben fast alle auch in ihren Heimatländern die Schule besucht, Ruba zum Beispiel bis zur elften Klasse. Probleme, dem Unterricht an der Lenné-Schule zu folgen, hat sie dennoch. Zum einen ist das Niveau sehr hoch, findet sie. Vor allem aber ist es die Sprache, die ein Hindernis für sie darstellt. Dass Ruba sich auch eineinhalb Jahre nach ihrer Ankunft noch recht schwer tut mit dem Deutschen, hat auch mit ihrer besonderen Situation zu tun. Denn sie ist ohne Eltern nach Deutschland gekommen – obwohl sie erst 16 Jahre alt war, als sie ihre westsyrische Heimatstadt Idlib verließ. Mit ihren beiden Brüdern, die damals 18 und 23 Jahre alt waren, wagte sie die gefährliche Flucht nach Europa und strandete nach vielen Etappen völlig zufällig in Potsdam. Die Eltern waren zu alt, um mitzukommen, erklärt Ruba. Heute wohnt sie mit dem älteren Bruder Maher in einer Wohnung Am Schlaatz, der jüngere Bruder lebt noch in der Flüchtlingseinrichtung im Staudenhof.

Starker Bruch zwischen Willkommensklasse zur Regelklasse

Mittlerweile ist Ruba 18, ihre neuen Mitschüler an der Lenné-Schule sind also deutlich jünger als sie. Deutsche Freunde zu finden wird also womöglich auch hier schwer für Ruba – aber sie will kein schlechtes Wort verlieren. „Alle sind sehr nett zu mir“, sagt sie. Auch die Lehrer, vor allem die Klassenlehrerin. Diese versucht, auf Ruba und die beiden anderen „Ex-Willis“ besonders einzugehen. „Zum Beispiel bemühe ich mich, während des Unterrichts möglichst viel an die Tafel zu schreiben“, sagt Antje Ziethen. Auch spezielles Arbeitsmaterial habe sie herausgesucht, doch für Ruba und die beiden anderen sei es trotzdem sehr schwer, dem Unterricht zu folgen. „Der Bruch von der Willkommensklasse zur Regelklasse ist sehr stark“, sagt Ziethen. Zwar bekämen die Jugendlichen zweimal die Woche Förderunterricht Deutsch, doch auch in der Klasse selbst bräuchten sie eigentlich noch mehr Unterstützung.

Nicht nur die Sprache ist es, die den Jugendlichen aus Ziethens Sicht Probleme bereitet. Auch die Tatsache, dass sie oft sehr lange keinen Fachunterricht hatten, mache sich bemerkbar. „Viele waren ein Jahr lang oder länger auf der Flucht und hatten dann nur Deutschunterricht. Jetzt kriegen sie auf einmal über 30 Wochenstunden Fachunterricht, das ist hart.“ Über die Reaktion ihrer Neuntklässler ist Antje Ziethen hingegen positiv überrascht. Sie hätten die neuen Mitschüler positiv aufgenommen und gäben sich große Mühe. Einen Nachteilsausgleich wie etwa bei diagnostizierter Lese-Rechtschreib-Schwäche darf die Lehrerin Ruba und den beiden anderen übrigens nicht gewähren – Klassenarbeit bleibt Klassenarbeit. Nur ein Hilfsmittel dürfen die geflüchteten Jugendlichen benutzen: das Handy.

Am leichtesten hätten es die Schüler, die an der Da-Vinci-Schule bleiben könnten

Schwer fällt der Wechsel in der Regel allen Willkommensschülern, sagt Kerstin Richter. Sie unterrichtet seit drei Jahren jugendliche „Willis“ an der Leonardo-da-Vinci-Schule und hat noch Kontakt zu vielen ihrer Ex-Schüler. Am leichtesten hätten es noch die, die an der Da-Vinci-Schule bleiben und hier eine Regelklasse besuchen könnten, doch die Plätze sind begrenzt. „Wenn die ,Willis’ bei uns bleiben, kennen sie schon die Umgebung und die Lehrer und wissen, wen sie bei Problemen ansprechen können.“

Wie der Übergang zur Regelschule funktioniere, stehe und falle mit dem Engagement des neuen Klassenlehrers, glaubt Richter. Dass die meisten ihrer „Willis“ noch nicht so gut Deutsch beherrschen, dass sie dem Fachunterricht folgen können, wundert sie nicht. „Um ein solches Niveau zu erreichen, bräuchte man eineinhalb bis zweieinhalb Jahre Zeit“, sagt sie.

Nur wenige Willkommensschüler schaffen es aufs Gymnasium

Natürlich gebe es auch immer wieder Überflieger, so Richter. In der letzten Willkommensklasse waren das zum Beispiel Zeinab und ihr Bruder Perwer, syrische Kurden, die beide auf ein Gymnasium wechseln konnten und sich dort bislang gut schlagen. Doch sie sind die Ausnahme, nicht nur was ihre Leistung betrifft, sondern auch wegen der Tatsache, dass sie von einem Gymnasium genommen wurden. Das Potenzial hätten mehrere der „Willis“ gehabt, sagt Richter. Doch die Plätze sind sehr knapp, auch Potsdamer Familien kennen das Problem, das auch die Gesamtschulen betrifft. Manche ihrer Ex-Willkommensschüler seien deshalb gegen ihren Willen auf der Oberschule gelandet – und dort teils unterfordert.

Unterfordert ist Ruba Barakat an der Lenné-Gesamtschule bislang nicht. Dennoch ist sie zuversichtlich, dass sie den Abschluss nach der zehnten Klasse schafft. Was sie danach machen will, weiß sie schon genau: Hebamme werden. In Potsdam, ganz klar.

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