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Barberini

  • 28.02.2017
  • von Lena Schneider

Museum Barberini Potsdam: Kurator Ulf Küster: "Potsdam wird eine erste Adresse"

von Lena Schneider

Kunsthistoriker und Ausstellungskurator Ulf Küster im Museum Barberini. Foto: Andreas Klaer

Die Baseler Foundation Beyeler zeigt eine große Monet-Ausstellung - wie das Potsdamer Museum Barberini. Kurator Ulf Küster spricht im PNN-Interview über den Künstler, Hasso Plattner und die Strahlkraft des neuen Museums.

Herr Küster, was war Ihr erster Eindruck, als Sie, neu in der Stadt, über den Alten Markt zum Museum Barberini gingen?

Ich habe Potsdam lange nicht mehr gesehen, fast über zehn Jahre. Ich fand das sehr schön, wie sich die Stadt entwickelt. Es ist offenbar, dass hier eine Kriegslücke geschlossen wird, und dass es hier nicht darum geht, etwas wieder aufzubauen, sondern darum, etwas Altes mit neuen Formen zu füllen. Ich finde, dass es sehr gut funktioniert, Potsdam dadurch wieder so etwas wie eine Mitte erhält. Kurz nach dem Mauerfall war ich zum ersten Mal in Potsdam. Ich habe die Stadt immer sehr gemocht. Aber das Lustige war, dass ich von Potsdam immer nur die Peripherie wahrgenommen hatte. Die schönen Gartenvororte, Bornstedt. In der Mitte fehlte einfach etwas. Der erste Eindruck ist jedenfalls ein durchweg positiver. Trotz Regens.

Hier in Potsdam ist man begeistert vom Museum Barberini. Aber schauen wir von außen drauf: Wie ordnet es sich in die internationale Museumslandschaft ein?

Das Museum hat eine im positiven Sinne äußerst umtriebige Direktorin. Frau Westheider hat das Bucerius-Forum in Hamburg zu einer ersten Adresse gemacht, und das Gleiche wird sie auch hier schaffen. Das Museum hat ja bereits große Wellen geschlagen – Frau Merkel hat die Eröffnung des Barberini der Inauguration von Donald Trump vorgezogen, das ist natürlich auch zu uns durchgedrungen. 60 000 Besucher im ersten Monat sind deutschlandweit einmalig. Es zeigt, dass man mit einer neuen Initiative und einem Gründergeist viel bewegen kann. Ich denke, das hat durchaus etwas von einem Fondation-Beyeler-Effekt.

Die Fondation Beyeler bei Basel, wo Sie arbeiten, feiert gerade ihr 20. Jubiläum.

Die Fondation Beyeler, für die ich inzwischen zwölf Jahre arbeite, ist auch auf die Initiative von privaten Stiftern hin gebaut worden. Eine solche private Initiative ist etwas sehr Belebendes. Eine Einrichtung mit flachen Hierarchien und einem eigenen Forschungsanspruch. Auch wir machen wechselnde Ausstellungen, ausgehend von unserer eigenen Sammlung. In der Fondation Beyeler haben wir mit den Jahren ein großes Netz aus Partnern und Leihgebern aufgebaut – etwas, das auch Frau Westheider mitbringt. Unsere Monet-Ausstellung hatte übrigens in den ersten vier Wochen ähnlich viele Besucher. Dabei sind die Verhältnisse in Basel sehr viel kleiner. Der Kanton Basel hat nur 170 000 Einwohner.

Etwa so viel wie Potsdam.

Ich würde sogar sagen, es fühlt sich noch kleiner an. Im Grunde findet hier etwas in viel größerem Maßstab statt als es mit der Fondation Beyeler in Riehen am Rande von Basel der Fall ist. Beides sind Peripherien, und diese sind etwas Tolles. Da kommt man gern hin, es sieht schön aus. Man ist außerhalb der Stadt. In Berlin gibt es zweifellos großartigste Museen, aber ich denke, das Barberini ist durchaus auch belebend für Berlin.

Sie feiern Ihr Jubiläum mit einer Monet-Schau, auch im Barberini ist er in der Impressionisten-Ausstellung sehr präsent. Ist Monet vielleicht einfach so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner für alle?

Ich würde eigentlich sagen, dass es besonders schwierig ist, eine Monet-Ausstellung zu machen. Nicht, weil ich auch gerade eine kuratiert habe, sondern weil man ja immer glaubt, Monet sei einer, den man kennt. Die Seerosen, die Gärten, die Felder, das ist der Klischee-Monet. Dass es aber ein Künstler war, der sich extrem viele Gedanken gemacht hat, wie Malerei funktioniert, was Natur, was Landschaft ist, das ist gar nicht im Fokus der Leute. Monet hat sich selbst auch klein gemacht, wollte nie Theoretiker sein.

Für Sie aber ist Monet ein Philosoph.

Nicht unbedingt ein Philosoph. Aber im Vergleich zu Cézanne, dem großen Theoretiker der bildenden Kunst am Übergang zur Moderne, ist er immer unterschätzt worden. Kunsttheoretische Äußerungen gibt es von Monet nur sehr versteckt. Die Idee der Naturmalerei von Monet, dass er die Veränderung der Natur festhalten wollte, das ist weniger bekannt. Einer der wenigen, der solche Gespräche festgehalten hat, ist der norwegische Schriftsteller Hermann Bang. Dessen Begegnung mit Monet wertete ich in meinem Potsdamer Vortrag, der Thesen meines neuen Buches zusammenfasst, erstmals aus. Das Annähern an die Natur, das Monet auch theoretisch umtrieb, zeigen auch die Bilder hier im Barberini auf sehr interessante Weise. Gerade, dass hier eine Bezugnahme auf Munch möglich wird, ist etwas Besonderes. Es gab im Pariser Musée Marmottan Monet eine ähnliche Schau: „Hodler – Monet – Munch“. Monet gilt zu Recht als der Vater des Symbolismus, das wird hier deutlich.

„Kunst der Landschaft“ heißt die Impressionisten-Schau hier im Barberini. Ihre These aber ist, dass Monet eigentlich gerade keine Landschaften malen wollte, sondern ungezähmte Natur. Ein Widerspruch?

Ein Ausstellungstitel ist ja dazu da, dass die Leute kommen und sich das ansehen. Unsere Monet-Ausstellung in Basel heißt daher auch nur „Monet“. Dennoch stimmt es, dass Monet das Landschaftsbild überwinden, das Prinzip der Freiheit dort mit hineinbringen will. Aber das Kind muss eben einen Namen haben. Und die Bewegung weg von der organisierten Landschaft zeigt die Ausstellung sehr deutlich. Ein Beispiel ist „Eisschollen in Bennecourt“ von 1893. Hier sieht man nicht nur die Landschaft, den Fluss, die Bäume – sondern man sieht durch die Reflexion im Wasser auch die ständige Veränderung, der das alles unterworfen ist, die Natur, wenn Sie so wollen.

Welche Entdeckungen konnten Sie als Monet-Experte hier in Potsdam machen?

Es gibt sehr viel zu entdecken, es stammt ja fast alles aus Privatsammlungen.

Und Sie als Kenner wissen auch, welche Bilder Herrn Plattner gehören?

Ich weiß es bei einigen Bildern, und von einigen weiß ich, dass sie ihm nicht gehören. Aber das ist letztlich egal. Was für mich eine Entdeckung war, ist zum Beispiel ein Bild, das früher dem MoMA in New York gehörte, „Die Pappeln in Giverny“. Ein tolles Bild, weil Monet hier sich selbst zitiert. Ich kannte das Bild bisher nur von Abbildungen, und es ist toll, es jetzt hier zu sehen. Auch „Die Jagd“ von 1876 ist ein tolles Bild, das ich noch nie irgendwo gesehen habe. Es behandelt ein klassisches Thema ganz neu. Es zeigt zwar Menschen bei der Jagd, aber das sieht man eigentlich gar nicht direkt.

Wäre das ein Beispiel für das Unmögliche, das Atmosphärische, das Monet Ihrer These nach versucht zu zeigen?

Genau. Es ist eigentlich ein ganz alter Trick: Das, was vor sich geht, ist auf dem Bild nicht präsent. Wunderschön ist auch die Herbststimmung auf dem Bild. Das Tolle ist ja, dass man bei Monet immer das Gefühl hat, die Lichtquelle selbst sei im Bild gemalt. Als ob von dem Bild selbst das Licht ausgeht, das das Bild beleuchtet.

Es passiert nicht oft, dass zwei große Monet-Ausstellungen zeitgleich stattfinden. Treten Sie sich dabei nicht auf die Füße?

Die räumliche Distanz zwischen Potsdam und Basel ist groß genug, denke ich. Ich kenne Frau Westheider gut und hoffe, dass sich hier gerade ein guter Partner für uns entwickelt.

 

Das Interview führte Lena Schneider

 

ZUR PERSON: Ulf Küster, geboren 1966 in Stuttgart, studierte Kunstgeschichte, Neuere Geschichte und Klassische Archäologie in Freiburg, Berlin und London. 1997 bis 1999 war er Assistent am Museum der bildenden Künste in Leipzig, danach freier Kunsthistoriker und Ausstellungskurator. Seit 2004 ist er Kurator an der Fondation Beyeler, Riehen/Basel, wo er die Schau „Monet“ kuratierte. Sie ist bis 28. Mai 2017 zu sehen. Das Foto zeigt ihn im Barberini vor Monets „Eisschollen in Bennecourt“ (1893). Im Museum hielt er Donnerstagabend einen Vortrag. Als Küster von einem Besucher gefragt wurde, ob er der Chef sei, antwortete er charmant: „Leider nein.“

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