• 13.09.2005
  • von Von Guido Berg

Und heute geschah es

von Von Guido Berg

63 Jahre nach dem Tod unterm Fallbeil erfüllte sich das Vermächtnis von Bronislawa Czubakowska

63 Jahre nach dem Tod unterm Fallbeil erfüllte sich das Vermächtnis von Bronislawa Czubakowska Von Guido Berg „Einige Stunden vor meinem Abgang zu Gott schreibe ich an Euch. Kümmert Euch darum, dass Ihr meine sterblichen Überreste bei meiner Mutter beerdigen könnt. Das Herz will mir zerspringen…“ So lautet das Vermächtnis von Bronislawa Czubakowska, notiert in ihrem Abschiedsbrief. Die polnische Zwangsarbeiterin war am 13. Mai 1942 am Landgericht Potsdam wegen einer Nichtigkeit zum Tode verurteilt worden. Am 15. August 1942 starb sie als 26-Jährige in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee grausam unterm Fallbeil. Die Sonne über der zentralpolnischen Stadt Zgierz brennt unaufhörlich auf die zumeist schwarz Gekleideten. Sie versammeln sich vor der großen Freitreppe, die hinauf führt zur Kirche St. Katharina. Am 13. August 1916 war Bronislawa Czubakowska hier getauft worden. „Pojdzciedomnie wszyscy“ steht über der Eingangspforte. „Kommt alle zu mir.“ Viele Jugendliche sind unter den Wartenden, aber auch einige ältere Frauen. Sie sind Überlebende der Besatzungszeit, als Zgierz eine deutsche Stadt werden sollte und dafür tausende polnische und jüdische Bürger von Deutschen umgesiedelt, deportiert, ermordet wurden. Vor dem Einmarsch der Wehrmacht lebten 28000 Menschen in Zgierz. Nach der Befreiung waren es nur noch 20000. „Kümmert Euch …“, Schüler aus Zgierz, aus Brandenburg an der Havel, wo Bronislawa Czubakowska in einer Feinjute-Fabrik arbeiten musste, sowie aus Berlin und vom evangelischen Gymnasium Hermannswerder in Potsdam nahmen sich diesen Satz zu Herzen. 63 Jahre, nach dem ihn die junge Katholikin nieder schrieb. Sie erforschten ihr Leben und ihr Sterben um eine Ausstellung zu erarbeiten. Vom Landeskriminalamt Berlin ließen sie mit Hilfe der Personenbeschreibung in den Gerichtsakten und Erinnerungen von alten Zgierzern, die sie noch kannten, eine Phantomzeichnung Bronislawa Czubakowskas anfertigen. Ein Foto von ihr existiert nicht. Und sie ließen Erde aus einem Grab in Berlin-Altglienicke entnehmen, wo „80 Stück unbekannte Aschen“ vom Anatomischen Institut begraben liegen. Der Leichnam ging nach dem Justizmord an die Forschung. Dass ihre Asche in dem Grab ruht, ist aber unwahrscheinlich. Der Trauerzug schreitet die Treppen empor, voran Schüler, die zwei Urnen mit der Erde und das Bildnis Bronislawa Czubakowskas tragen. An der Kirchentür empfängt sie Pfarrer Strozka und Stadtpräsident Karol Maslinski. „Wir treffen uns hier, um den letzten Wunsch von Bronislawa Czubakowska zu erfüllen“, sagt der Geistliche in seiner Andacht. „Im 60. Jahr der Beendigung des schlimmsten aller Kriege sind wir nach Zgierz gekommen, um eine Tochter ihrer Stadt symbolisch zurückzubringen“, erklärt der Projektinitiator Klaus Leutner. In der Kirche sitzen Mitglieder der Familie Czubakowski, zudem ehemalige Zwangsarbeiterinnen. Barbara Irena Klimczak, eine kleine freundliche Frau, wurde von der vorstoßenden Rote Armee in Treuenbrietzen davor bewahrt, Opfer einer Massenerschießung zu werden. Daniela Lasek musste hart arbeiten bei einem Bauern in Oschatz, sie hat heute noch Kontakt zu dieser Familie. Pola Hinnenberg ist aus Israel angereist. Als junge Zgierzer Jüdin überlebte sie die Selektion auf der Rampe von Auschwitz. Als sie einen Soldaten um Wasser zum Trinken bat, schlug er ihr ins Gesicht. Sie zeigt das Bild eines Kammes, den sie, obwohl kahl geschoren, immer fest in der Hand hielt, und mit deren Griffende sie aß, wenn es etwas zum Essen gab. Klaus Leutner steht am Pult und muss sagen, „wir konnten das Grab Bronislawa Czubakowskas nicht finden“, Erde, nicht Asche, wurde dem Grab mit 80 Urnen entnommen. „Doch wir bringen sie mit aufrichtigen Gefühlen in unseren Herzen mit.“ Die Schüler seien bei ihren Recherchen auf mehr Zgierzer Opfer gestoßen, als sie sich das vorstellen konnten. Durch die Verlesung ihrer Namen soll ihnen Würde und Ehre wieder gegeben werden. Eine riesige Standuhr in Form eines Kirchturms zeigt 10.37 Uhr, das Requiems des Komponisten Warnfried Altmann erklingt, gesungen vom Chor „Lutnia“ aus Zgierz. An einem von der Sonne erleuchteten Bleiglasfenster hoch über den Sitzbänken spachtelt ein Arbeiter von außen den alten Kitt von den Fugen. Das Kratzen mischt sich mit den leisen Klängen des Requiems. Plötzlich überdecken aufschreihafte, klagende Gesangspassagen den Spachtel. Dazu dringen tiefe Töne aus Altmanns Saxophon, die Orgel grollt, donnert unvermittelt auf, das Saxophon kreischt nun infernalisch, durch die geöffnete Kirchentür reflektieren die Gewölbe den Schall in die Stadt. „Donna nobis pacem“ singt jetzt der Chor. Die Orgel liefert Hintergrundakustik, dazu verlesen Schüler mehrstimmig die Namen der Toten. Links eine junge Abiturientin, sie hat den Anfang des Alphabets. Sie liest mit starker Stimme Vor- und Nachnamen, verständlich sind aber nur die Nachnamen, sie hämmern ins Ohr „… Abramovic … Abramovic … Abramovic“. Ganze Familien wurden demnach ausgerottet. Es dauert lange, bis die Vorleserin beim B ist. Eine Urne verbleibt in der Kirche, die andere wird nach einer Prozession zum Friedhof dem Grab der Mutter von Bronislawa Czubakowska beigegeben. Grzegorz Czubakowski erzählt, seine Familie wusste nur, dass seine Tante zur Arbeit nach Deutschland kam und nie zurückkehrte. Erst durch das Projekt erfuhr sie von ihrem Schicksal. Er freue sich, dass die Tochter nach so vielen Jahren „nun vereint ist mit der Mutter“. Auch Präsident Machlinski sieht den letzten Wunsch Bronislawa Czubakowskas erfüllt. Er fasst zusammen: „Und heute geschah es.“

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