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  • 21.01.2017
  • von Peer Straube

Neujahrsempfang der Stadt Potsdam: Der Segen der verdorbenen Forelle

von Peer Straube

Schwarz auf weiß. Hasso Plattner betrachtet seine Ehrenbürgerurkunde, flankiert von Oberbürgermeister Jann Jakobs und den Laudatoren Matthias Platzeck und Günther Jauch (v.l.). Foto: A. Klaer

Hasso Plattner ist neuer Ehrenbürger von Potsdam. Beim besten Neujahrsempfang aller Zeiten erzählte Matthias Platzeck, wie es dazu kam.

Potsdam - Warum engagiert sich Hasso Plattner in Potsdam? Nun, das kam so: Am Anfang waren ein kaputtes Kirchendach, eine verdorbene Forelle und Manfred Stolpe. Eines Tages bat der Pfarrer der schwäbischen Heimatgemeinde Plattners den SAP-Mitbegründer um 10 000 D-Mark. Grund: Man wollte helfen, das marode Dach der Dorfkirche in der DDR-Partnergemeinde, Milow im Havelland, zu reparieren. Plattner gab das Geld, aus 10 000 West- wurden 80 000 Ost-Mark – das reichte locker. Plattner sah sich das Ergebnis mit eigenen Augen an und verbrachte eine schöne Zeit dort.

Eines anderen schönen Tages vor dem Mauerfall wollte Plattner in Werder (Havel) essen gehen und bestellte in einem Restaurant Forelle „Müllerin Art“. Allerdings war der Fisch innen noch gefroren und so fuhr der gefrustete und hungrige Mann weiter, über die dunkle Leninallee, heute Zeppelinstraße, weiter in die damalige Bezirkshauptstadt Potsdam. Dort gab es nicht nur genießbareres Essen, nein, ihn bezauberte auch die Landschaft. Er schaute über den glitzernden Griebnitzsee und dachte: „Hierher komme ich zurück – und vielleicht bleibe ich sogar.“

Die letzte Geschichte ist bekannt – und inzwischen legendär: 1998 wurden zwei Männer in die gleiche ARD-Talkrunde mit Sabine Christiansen eingeladen. Der eine war Plattner, der andere der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD). Letzterer überwand auf Anraten seines Regierungssprechers seine Abneigung gegen Talkshows, denn, „der könnte für uns wichtig werden“, wie ihm der Sprecher zuflüsterte. Der gemeinsame Genuss von ein paar Gläsern Wein und Zigarillos besorgte den Rest. Stolpe überzeugte Plattner, der eigentlich eine Universität in Potsdam gründen wollte, stattdessen das nach ihm benannte Institut am Griebnitzsee zu stiften. Heute ist es eine Erfolgsgeschichte und Plattners Engagement seitdem aus Potsdam nicht mehr wegzudenken.

Am gestrigen Freitag bekam er dafür beim Neujahrsempfang von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) die Ehrenbürgerschaft Potsdams verliehen. Und von den mehr als 600 Gästen stehende Ovationen. Und wenn einer wie Plattner, einer der reichsten Deutschen und auch einer der größten Mäzene, Ehrenbürger wird, wühlen die Laudatoren zuvor tief in den Archiven – zumal, wenn sie Günther Jauch und Matthias Platzeck heißen. Der frühere Ministerpräsident war es, der die für Potsdam glückliche Kette von Ereignissen zum Besten gab, sekundiert vom ebenso gut gelaunten wie launigen Jauch. Er sei in den letzten Tagen und Wochen oft am Museum Barberini vorbeigegangen und habe nur in Gesichter „voller Vorfreude und beseeltem Grinsen“ geblickt. „Offenbar sind sich einmal alle einig, dass hier etwas Großes entsteht“, sagte Jauch und setzte mit Blick auf die hinlänglich bekannte Streitkultur der Stadt süffisant hinzu: „Das ist in Potsdam kaum zu glauben.“

Überhaupt war der Neujahrsempfang – zu dem diesmal tatsächlich praktisch alles, was in Potsdam Rang und Namen hat, gekommen war – nach Meinung von Kennern der wohl beste in der langen Reihe dieser alljährlichen mitunter recht zäh verlaufenden Traditionsveranstaltung.

Natürlich wurden Plattners Verdienste alle noch einmal aufgezählt: Das HPI, ausgestattet mit dem „höchsten privaten Finanzierungsbeitrag, der je in eine deutsche Hochschule geflossen ist“, wie Jauch sagte. Mehr als 200 Millionen Euro sind es. Der SAP-Campus am Jungfernsee, wo sich laut Platzeck das Unternehmen „gerade selbst neu erfindet“, wo Wissenschaftler aus 28 Nationen arbeiten. Die Fassade des Landtagsschlosses, deren Vorgeschichte Plattner mit sichtlichem Vergnügen selbst aufklärte: Er habe dem damaligen Finanzminister Rainer Speer (SPD) vorgeschlagen, die Potsdamer sammeln zu lassen und den Betrag zu verdoppeln. Als er Speers ungläubigen Blick sah, sagte er: „Dann machen wir es andersherum: Ich spende zehn Millionen und die Potsdamer den Rest.“ Darauf Speer: „Das kannste vergessen. Entweder alles oder gar nichts.“

Und zuletzt das Museum Barberini, „ein grandioser Bau mit unglaublichem Inhalt, mit Kunst, die einem den Atem raubt“ (Jauch), ein „Donnerschlag, der um die Welt ging“ (Platzeck). Ein Museum, das Potsdam, wie es Jakobs nicht müde wird zu wiederholen, in die „Champions League der internationalen Kunstszene katapultieren“ dürfte. Ein Haus, wegen dem Potsdam von der „New York Times“ auf die Liste der Top-Ten-Reiseziele in diesem Jahr gesetzt wurde, wie Platzeck mit angemessenem Stolz erzählte.

Sie alle lobten den Mann, den Mäzen, der heute 73 Jahre alt wird, für sein beispielloses Wohltätertum. Jauch dankte einem „ebenso großzügigen wie großherzigen Menschen“, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), sonst ein seltener Gast bei Jakobs’ Neujahrsempfang, würdigte Plattner als jemanden, der „Außerordentliches vollbracht“ und dazu beigetragen habe, Potsdam zu einem „glänzenden Diamanten“ und „wunderbaren Schaufenster für das ganze Land Brandenburg“ zu machen.

Der so überschwänglich Geehrte gab sich bescheiden. „Es macht Spaß, etwas zu machen, wenn es Erfolg hat“, so Plattner. „Nur Geld zu geben, ist langweilig.“

Jakobs war in seiner Rede auch auf die Vorzüge der Ehrenbürgerschaft eingegangen: Rederecht in der Stadtverordnetenversammlung, unangemeldete Besuche beim Rathauschef, kostenlose Nutzung der Nahverkehrsmittel. „Kostenloses Parken“, mahnte Jakobs, „gehört allerdings nicht dazu“.

Plattner wird’s verschmerzen. Begleitet von seinen Töchtern verschwand der neue Ehrenbürger nach dem offiziellen Teil gleich in Richtung Alter Markt, zum Museum Barberini. Zuvor trug er sich noch ins Goldene Buch der Stadt ein. Und beantwortete schließlich auch noch die Frage: Warum Potsdam? Dem Publikum rief er zu: „Warum denn nicht?“

 

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