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  • 18.01.2017
  • von Steffi Pyanoe

Wie sich ein Krimi auf dem Telegrafenberg entwickelt: Ekliges vom Telegrafenberg

von Steffi Pyanoe

Leicht zu übersehen. Das kleine Bronzehirn auf der Straße vor dem Einsteinturm verdeckt vom Januar- Schneematsch. Genau hier beginnt der Krimi „Kellers Gehirne“. Foto: A. Klaer

Denken kann Spaß machen, sagt Wissenschaftler Jobst Heitzig, und schrieb mit Ko-Autorin Lorna Johannsen einen skurrilen Potsdam-Krimi zum Thema Klimaschutz.

Da kann man schon mal drüber stolpern oder es gleich ganz übersehen – das kleine Gehirn, eine halbe Nussschale, pflastersteingroß und aus polierter Bronze, eingelassen in den Boden vor dem Einsteinturm. Jobst Heitzig kennt die kleine Skulptur des Berliner Künstlers Volker März, Heitzig arbeitet schließlich auf dem Telegrafenberg. Wie der Protagonist seines ersten Krimis, den er gerade geschrieben hat. Mathematiker Luzian Keller hat denselben täglichen Weg ins Büro wie Heitzig und doch tritt er beinahe rein in das echte Hirn, das eines morgens genau an dieser Stelle liegt. „Auf der roten Lache vor dem Unerwarteten rutsche er fast aus. Keller schaffte es gerade noch bis zum nächsten Gebüsch und übergab sich...“

So also beginnt der Krimi, der im Wissenschaftlermilieu des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) spielt. Heitzig, PIK-Mitarbeiter, hat ihn zusammen mit Lorna Johannsen geschrieben. Die Drehbuchautorin aus Berlin machte aus seiner Idee und wissenschaftlichen Expertise eine schlüssige Handlung. „Sie ist verantwortlich für Spannung und Stil“, sagt Heitzig. Und so ist „Kellers Gehirne“ kein klassischer Krimi, den man mal eben flott in der Tram weg liest, sondern ein Mix aus englischem Krimi in Sherlock-Holmes-Manier, mit einer Prise Sex, Stasi und Skurrilitäten und einer populärwissenschaftlichen, aber durchaus fundierten Abhandlung zum Klimawandel. Mit Potsdamer und Berliner Lokalkolorit – nicht nur der Telegrafenberg taucht auf, es spielt sich auch alles im Milieu der Forscher und Wissenschaftler ab. Hier oben in den Instituten und Häusern, in Mensa und Hausmeisterkabuff, passieren immer seltsamere Dinge. Das Gehirn, sagt Heitzig, ist erst der Anfang. „Es wird zunehmend ekliger.“

Von Anfang an will Keller natürlich wissen, wer so was macht und vor allem warum. Das Warum kann man verraten, sagt Heitzig. Es ist ein alternder Wissenschaftler, ein Mahner, der nicht gehört wurde und wird, eine verzweifelte Figur. „Er hat mit seiner Arbeit bisher niemanden erreicht, nicht die normalen Menschen, nicht die Wissenschaft. Jetzt greift er zu drastischen Mitteln“, sagt Lorna Johannsen. „Er will Angst einjagen.“

Das Anliegen, die Menschen zu erreichen, ist allgegenwärtig auf dem Telegrafenberg, sagt Heitzig. Der Klimawandel beschäftigt alle, sie wissen, es ist eigentlich schon fünf nach zwölf. Hören will das leider keiner so richtig, sagt Heitzig, die Politiker und die Wirtschaft, die was ändern könnten, müssten, erst recht nicht. Heitzig selbst muss mit diesem Zwiespalt leben. Und arbeiten. Sein Arbeitsplatz befindet sich im Pik-Neubau, dem „Kleeblatt“, Heitzig arbeitet zu den Themen erneuerbare Energie und stabile Stromnetze und zur langfristigen Entwicklung der Welt, gemessen an diversen festen Größen wie Bevölkerung, Wirtschaft, Bewaldungsgrad. Was passiert im globalen Miteinander, wenn sich eine Variable ändert? Und wenn dann auch noch unsichere soziale Komponenten dazu kommen, zum Beispiel irgendwo ein Herr Trump gewählt wird? Heitzig macht also weiter mit seiner Grundlagenforschung auf der einen Seite und seinem ganz eigenen Umwelteinsatz. Öffis fahren, wenig Fleisch essen. „Ich musste das Buch schreiben“, sagt er. Wenn es um das Gehörtwerden geht, steckt sicher ein Stück Heitzig und auch ein Stück vom Pik-Chef Hans Joachim Schellnhuber in der Person des Täters. Vielleicht sogar vom Papst, sagt er, der in einer Neujahrsbotschaft verkündet habe, die Wissenschaft müsse verstärkt eine Führungsrolle übernehmen.

Der Leser bekommt die Botschaft in einen Krimi verpackt serviert. Und erfährt nebenbei, was die Wissenschaftler auf ihrem Berg dort über der Stadt so machen. „Es ein verwunschener, geheimnisvoller Ort, eine abgeschlossene Gesellschaft“, sagt Heitzig. Am Pförtner kommt, auch im wahren Leben, keiner so einfach vorbei. Viele Kollegen haben das Buch bereits gelesen und bescheinigen dem Autorenduo Authentizität.

Heitzig und Johannsen schreiben schon am zweiten Teil, der in Japan spielt und Brandenburger Politik mit fernöstlicher Atomenergiewirtschaft verbindet. „Wir brauchen eine fröhliche und lockere Auseinandersetzung mit dem schwierigen Thema Klimawandel“, sagt Heitzig. „Denken kann nämlich Spaß machen.“

 


 

 

— Lorna Johannsen, Jobst Heitzig: Kellers Gehirne. Ein Telegrafenbergkrimi. 2016, Books on Demand, Norderstedt, 231 Seiten, 9,77 Euro.

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