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  • 12.12.2016
  • von Katharina Wiechers

Flüchtlingshilfe-Verein „Hand in Hand“ in Potsdam: Annalena Baerbock: „Vieles ist ohne Hilfe nicht zu schaffen“

von Katharina Wiechers

Annalena Baerbock (Grüne). Foto: A. Klaer

Die Potsdamer Grünen-Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock spricht im PNN-Interview über den Flüchtlingshilfe-Verein „Hand in Hand“, das Netzwerken per Schneeballsystem und das Heimischwerden in Potsdam.

Frau Baerbock, Sie haben vor einigen Monaten gemeinsam mit anderen den Verein „Hand in Hand“ gegründet, der Flüchtlinge und Potsdamer zusammenbringen will. Wie kam es zu der Idee?

Durch meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete bin ich viel mit Geflüchteten und Ehrenamtlichen zusammengekommen und habe gemerkt, wie viele Fragen da offen sind – sei es etwa zu Behördengängen oder zum Asylrecht. Daraus entstand die Idee, etwas zu schaffen, wo sich die Leute einerseits informieren und andererseits auch mit Gleichgesinnten austauschen können. Außerdem habe ich immer wieder gemerkt, wie schwer es für Geflüchtete ist, im normalen Alltag in Kontakt mit Deutschen zu kommen. Auch das will unser Verein befördern.

Auch Amin Aljarmakani aus Syrien, über den die PNN immer wieder berichten, ist Teil des Vorstands. Wie kam es dazu?

Wir haben uns zufällig kennengelernt und zunächst wollte ich ihn eigentlich nur fragen, was er als Geflüchteter von der Idee hält. Er hat meinen Eindruck bestätigt: Als er noch im Heim wohnte, war es für ihn wahnsinnig schwer, mit Deutschen in Kontakt zu kommen. Später hat er ja dann privat bei einer Potsdamer Familie gelebt, er weiß also, wie es auch laufen kann. Und er erzählte mir von seinem Bedürfnis, ebenfalls etwas für ein besseres Miteinander von Deutschen und Geflüchteten zu tun. So entstand die Idee einer gemeinsamen Arbeit. Der Verein wurde dann von fünf Deutschen, einer Deutsch-Ägypterin und drei Syrern gegründet.

Es gibt gerade in Potsdam schon zahlreiche Initiativen zum Thema Flüchtlingshilfe. Wieso noch ein weiterer Verein?

Wir hatten das Gefühl, dass die meisten Initiativen auf einzelne Unterkünfte zielen. Außerdem geht es bei vielen um den ersten Schritt, das Ankommen. Unser Ansatz ist es jetzt, den nächsten Schritt zu begleiten, das Heimischwerden in Potsdam. Denn gerade dann, wenn die Menschen in eine eigene Wohnung ziehen, verlieren sie ihren direkten Ansprechpartner in der Gemeinschaftsunterkunft und damit oft ihren einzigen deutschen Kontakt.

Haben Sie denn auch privat Berührung mit dem Thema Flüchtlinge?

Ja, zahlreiche. Vor allem aber zu der Familie, die mein Mann und ich als Gastgeber beim Potsdamer Welcome Dinner zum Kaffeetrinken zu Besuch hatten und die wir bis heute begleiten. Auch dabei habe ich gemerkt, wie viel Hilfebedarf es gibt, zum Beispiel bei der Suche nach einer Wohnung oder einem Kitaplatz. Mein Eindruck war, dass vieles ohne die Unterstützung eines Deutschen schlicht nicht zu schaffen ist, gerade aufgrund der Sprache.

In welcher Funktion haben Sie den Verein eigentlich gegründet? Als Potsdamerin oder als Bundestagsabgeordnete?

Als Potsdamerin – und zwar gemeinsam mit anderen, alleine würde das bei meinem Job schon zeitlich gar nicht gehen. Allerdings fließt vieles aus meiner Arbeit mit ein. Denn ich habe als Abgeordnete bestimmte Informationen, und die sind nun mal in meinem Kopf.

Welche Informationen meinen Sie? Und inwiefern haben die Relevanz für den Verein?

Die vielen Gesetzesänderungen, zum Beispiel zur Familienzusammenführung. Die Bundesregierung hat ja vor knapp einem Jahr beschlossen, dass vielen syrischen Flüchtlingen nur noch der subsidiäre Schutzstatus gewährt wird und dass sie zwei Jahre lang ihre Familie nicht nachholen können – eine katastrophale Entscheidung meiner Meinung nach. Das führt auch dazu, dass es praktisch zwei Klassen von Flüchtlingen gibt, je nachdem ob sie vor oder nach der Gesetzesänderung gekommen sind. Jemandem zu erklären, dass er seine Frau und seine Kinder nicht nachholen kann, nur weil er zwei Monate später angekommen ist als sein Zimmernachbar, ist wahnsinnig hart. Aber auch bei vielen praktischen Fragen kann es gar nicht genug Menschen geben, die aufklären und helfen. Auch weil die öffentlichen Strukturen hier nicht ausreichen.

Inwiefern?

In Potsdam gibt es zum Beispiel genau eineinhalb Personalstellen bei der Diakonie für die Beratung von Flüchtlingen, die in eigenen Wohnungen leben. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren über 2000 Menschen in der Stadt aufgenommen, da kann von einem ausreichenden Unterstützungsangebot keine Rede sein. Das Problem ist, dass die vom Bund finanzierten professionellen Beratungsstrukturen noch weitgehend auf dem Niveau von vor 2015 sind. Unser Verein kann das natürlich nicht abfangen, aber wir haben eben die Hoffnung, dass wir dazu beitragen, indem wir ein Netzwerk aus Lotsen schaffen, die Informationen weitertragen und andere Ehrenamtliche begleiten können.

Wie sieht die Arbeit des Vereins konkret aus?

Unser Hauptziel ist es, ein Netzwerk aus Potsdamern und Geflüchteten zu schaffen. Das funktioniert aber meiner Meinung nach nicht über Flyer oder Aushänge, sondern vor allem über persönliche Kontakte und gemeinsame Aktivitäten. Niemand geht gerne allein wohin, wo er niemanden kennt. Bei dem von uns organisierten gemeinsamen Kochen von geflüchteten und deutschen Frauen sieht man, dass unser geplantes Schneeballsystem zumindest im Kleinen funktioniert. Schon beim zweiten Mal waren doppelt so viele da wie beim ersten Mal, weil die meisten noch jemanden mitgebracht haben. Und beim gemeinsamen Tomatenschnippeln werden nicht nur Rezepte, sondern auch Tipps zu Hebammen oder andere Fragen ausgetauscht, für die es aber eines gewissen Grundvertrauens bedarf.

Apropos Kochen – diese Veranstaltung organisieren Sie ja gemeinsam mit dem Welcome Dinner. Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Initiative genau aus?

Das wunderbare Welcome Dinner ist jetzt Teil unseres Vereins. Wir wollen unsere Kräfte bündeln, zudem haben wir große Schnittmengen, nicht nur weil Kochen eine Rolle spielt, sondern weil wir Alteingesessene und Neuangekommene zusammenbringen. Das Welcome Dinner ist sozusagen der erste Schritt und wer weiter Kontakt haben möchte, auch was in größerer Runde unternehmen will oder auch nur eine Frage hat oder jemanden bei einem Behördengang unterstützen will, der bringt sich bei „Hand in Hand“ mit ein. Wir hoffen zudem auf Fördermittel, um das Ganze etwas breiter aufstellen zu können.

Wie sehen die weiteren Pläne aus? Was haben Sie 2017 mit „Hand in Hand“ vor?

Wenn unser Frauen-Koch-Treff weiter so wächst, brauchen wir eine zweite Gruppe pro Monat. Auch Männer haben schon angefragt. Dafür bräuchten wir aber noch ein paar deutsche Männer. Wir würden zudem gerne ein Projekt starten, mit dem geflüchtete Schüler unterstützt werden sollen. Wir haben festgestellt, dass es oft Probleme für Jugendliche gibt, wenn sie von der Willkommensklasse in die Regelklasse wechseln. Das betrifft nicht nur den Unterrichtsstoff, sondern auch Dinge wie etwa das Mittagessen in der Schule. Eine Patin zum Beispiel kam zu „ihrer“ syrischen Familie, weil sie bemerkte, dass die neue Mitschülerin ihrer Tochter nie Mittag aß, einfach weil die Eltern nicht wussten, dass man das Essen zuvor online bestellen muss. Hier stellen wir uns auch eine Art Patensystem vor.

Wie kann ich mich denn bei „Hand in Hand“ einbringen? Muss ich Vereinsmitglied werden?

Nein. Wir sind derzeit zwölf Mitglieder und haben gar nicht den Anspruch, als Verein zu wachsen, umso mehr aber als Netzwerk. Jeder, der sich engagieren möchte, ob punktuell oder langfristig, kann sich einfach per Mail bei uns melden. Wir freuen uns über jeden, der sich einbringen will – auch ohne Mitgliedschaft.

 

Die Fragen stellte Katharina Wiechers

ZUR PERSON: Annalena Baerbock (35) ist in der Nähe von Hannover aufgewachsen und hat in Hamburg Politikwissenschaft und Öffentliches Recht studiert. In London hängte sie einen Master in Völkerrecht dran, bevor sie 2005 als Referentin für die Brandenburger Europaabgeordnete Elisabeth Schroedter zu den Grünen kam. Anschließend folgte ein Jahr als Referentin für Außen- und Sicherheitspolitik bei der Grünen-Bundestagsfraktion in Berlin, dann war sie von 2009 bis 2013 Landesvorsitzende der Brandenburger Bündnisgrünen. Als Spitzenkandidatin der Brandenburger Bündnisgrünen zur Bundestagswahl zog sie im September 2013 in den Deutschen Bundestag ein. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern im Potsdamer Norden.

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