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Barberini

  • 03.12.2016
  • von Jana Haase

Neues Museum Barberini Potsdam: Westheider: „Jetzt beginnt für mich die schönste Zeit“

von Jana Haase

Museumschefin Ortrud Westheider. Foto: Christoph Freytag

Ortrud Westheider, die Chefin des Museums Barberini, spricht im PNN-Interview über die ersten Begegnungen mit Besuchern, ihre Pläne für die Zukunft und das neue Museumsquartier in Potsdams Mitte.

Frau Westheider, seit Montag ist das Museum Barberini für die Besuchertage geöffnet – noch ohne Kunst. Wie haben Sie die Potsdamer in dieser Zeit erlebt?

Ich habe mich über die Begeisterung gefreut, die mir überall entgegengeschlagen ist. Die Potsdamer sind sehr neugierig und aufgeschlossen, und sie freuen sich richtig über das Museum Barberini. Besonders die großen, eleganten Räume haben es vielen angetan. Man vermutet hinter dieser Fassade nicht solche großzügigen Galerieräume. Das hat viele überrascht – auch Potsdamer, die täglich hier vorbeigekommen sind und den Baufortschritt verfolgt haben. Viele haben auch das Licht gelobt, die Farben, die tollen Ausblicke. Viele Zeitzeugen aus Potsdam und Berlin, die uns besucht haben, waren richtig bewegt und haben uns in unserem digitalen Gästebuch ihre Erinnerungen beschrieben.

Sie haben die Gäste nach Erinnerungen an das alte Barberini, aber auch nach ihren Wünschen an das Museum gefragt. Welche Reaktionen gab es?

Interessanterweise ist eine dritte, andere Kategorie am meisten aufgetaucht: nämlich Dank. Dank auch an Hasso Plattner, den Mäzen und Stifter. Die Potsdamer haben sich an ihn ganz persönlich gewandt und ihm gesagt, wie viel es für sie bedeutet, dass dieser Ort wiederentsteht als Ort der Begegnung und der Kunst. Das hat mich sehr gefreut, dass sein Geschenk an Potsdam so begeistert angenommen wird.

Wie viele Besucher sind denn im Haus gewesen?

Wir hatten täglich bis zu 3000 Besucher. Bis Donnerstag wurden 16 900 Zeitfenstertickets und 2100 Veranstaltungstickets bestellt. Wir haben auch jetzt schon 300 Jahreskarten verkauft – und das bevor überhaupt Bilder an den Wänden hängen. Das verstehe ich als echten Vertrauensvorschuss. Es ist uns wichtig, hier im Haus immer für Abwechslung zu sorgen, sodass die Besucher regelmäßig etwas Neues sehen – nicht nur bei den drei neuen Ausstellungen pro Jahr, sondern auch mit unserem Veranstaltungsprogramm. Die Jahreskarte bietet nicht nur die Möglichkeit, so oft zu kommen, wie man möchte, sondern auch frühzeitig informiert zu sein über Veranstaltungen im Auditorium.

Die Besuchertage sind auch ein Testlauf für das Haus, für Sicherheit und Technik. Ist denn alles glattgelaufen oder muss noch nachgearbeitet werden?

Es gibt immer Überraschungen: Gleich am ersten Tag fiel der Motor unserer Eingangs-Drehtür aus. Die Besucher mussten per Hand schieben. Das bleibt natürlich nicht so. Und es stellte sich heraus, dass die Schließfächer zwar mit Euromünzen perfekt funktionieren, aber nicht mit Chips aus dem Supermarkt. Auch daran werden wir noch arbeiten. Da sind immer viele Kleinigkeiten, die sich erst im täglichen Betrieb herausstellen. Aber im Wesentlichen hat sich doch gezeigt, dass wir dem Ansturm gewachsen sind, dass das Museum funktioniert, wenn die Kunst kommt – und zwar bei beiden wichtigen Themen: der Sicherheit, also dem Schutz der Kunstwerke, und dem Besuchererlebnis, also all dem, was einen guten Museumsbesuch ausmacht, von der Wegeführung bis zur Freundlichkeit der Mitarbeiter. Und hinter den Kulissen konnten wir auch unsere Museums-App testen. Etwa jeder fünfte Besucher hat den Barberini Guide, also das Leihgerät, benutzt. Und mehr als 1000 Besucher haben die Barberini-App heruntergeladen. Das ist eine ganz gute Bilanz.

Jetzt sind es noch gut sieben Wochen bis zur Eröffnung des Museums. Wie aufgeregt sind Sie?

Jetzt beginnt für mich die schönste Zeit! Wir sind mit den Vorbereitungen schon sehr weit, jetzt kann es losgehen. Als Erstes werden wir nach den Besuchertagen noch einige temporäre Architekturelemente einbauen.

Es wird wieder gebaut?

Wir wollten den Besuchern erst einmal die leeren Räume in ihrer ganzen Schönheit zeigen. Wenn die Bilder kommen, gibt es noch ein paar Veränderungen. Zum Beispiel wird es in manchen Sichtachsen noch einen besonderen Point de vue geben: den Blick auf eine Wand, an der ganz prominent ein besonderes Bild hängt. Das alles haben wir bisher nur am Modell getestet. Bald können wir das dann richtig vor Ort ausprobieren. Es wird für mich natürlich ein riesiges Vergnügen, das einzurichten!

Sie eröffnen mit gleich drei Ausstellungen.

Ja. Wir zeigen vom 23. Januar an die Ausstellung „Klassiker der Moderne“, die beginnt unten in den Räumen im Gartenflügel und setzt sich in den Räumen vorne zum Platz fort, also von dunklen Wandfarben für Max Liebermann, Edvard Munch und Emil Nolde, dann hoch zu hellen Wandfarben im Bereich der internationalen Abstraktion, bei Sam Francis und Gerhard Richter. Die beiden oberen Etagen sind dem Impressionismus gewidmet. In der Ausstellung „Impressionismus. Die Kunst der Landschaft“ zeigen wir in acht Galerieräumen diese besondere Beschäftigung der Impressionisten mit der Landschaft in Themen wie den Schneelandschaften, den Gartenbildern, den Reflexionen auf Wasserflächen.

Moment: Heißt das, die Wände werden für jede Ausstellung extra gestrichen?

Genau. Auch wenn es vielen Besuchern nicht unmittelbar auffällt: Nicht nur das Licht im Raum, sondern auch die Farben der Wände sorgen erst für die richtige Wirkung. Die Impressionisten waren immer auf dunklen Wandfarben ausgestellt, das greifen wir bei der Ausstellung auf. Der Architekt Thomas Albrecht versteht diese klassischen Galerieräume als so etwas wie den Rahmen für die Kunst – und die Wandfarbe kommt da als nächste Dimension hinzu. Das soll eine stimmige Einheit sein.

Wie zeigen Sie die Impressionisten in Potsdam?

Wir wollen zeigen, dass die Impressionisten nicht völlig abgeschottet voneinander ihre Bilder gemalt haben. Sie waren eine Gruppe und Gemeinschaft, sie haben sich gegenseitig beeinflusst. So entstand eine ganze Welt, und die wollen wir zeigen, nicht nur einzelne Meisterwerke.

Wie muss man sich das vorstellen?

Zum Beispiel haben sich die Impressionisten an denselben Motiven ausprobiert und gemessen. Wir haben zum Beispiel gleich mehrere Darstellungen der Brücke von Argenteuil, einem Ort in der Nähe von Paris an der Seine, an dem viele Maler parallel gemalt haben. Wir zeigen die Brücke gemalt von Gustave Caillebotte und von Claude Monet. So werden die Gemeinsamkeiten der Impressionisten, aber auch ihre verschiedenen Perspektiven und Sichtweisen deutlich.

Auch eine Schau zur DDR-Kunst ist angekündigt. Welchen Schwerpunkt setzen Sie da?

Wir planen für den kommenden Herbst eine große Ausstellung mit dem Titel „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“. Dort werden wir eine Ausstellung machen, die unsere eigene Sammlung mit Leihgaben aus anderen Sammlungen in Verbindung bringt. Jetzt zur Eröffnung zeigen wir in zwei Sälen Kunst aus der DDR, darunter einen Raum mit Werken von Wolfgang Mattheuer.

Von ihm stammt auch der Jahrhundertschritt im Garten des Museums.

Ja, und wir hoffen, dass wir das Fenster zum Garten öffnen können für den Durchblick! Das müssen wir aber noch ausprobieren, um zu sehen, ob dann das Licht in den Räumen nicht zu stark wird. Im größeren Saal zeigen wir einige Positionen aus der Sammlung der Stiftung Hasso Plattner. Es gibt einen ersten Einblick und Überblick mit Gemälden von Willi Sitte, von Werner Tübke, von Bernhard Heisig, aber auch von Stefan Plenkers.

Wie umfassend ist die Sammlung der Stiftung Hasso Plattner?

Wir haben derzeit 80 Werke im eigenen Bestand. Dazu gehören neben der Kunst aus der DDR auch amerikanische, französische und deutsche Kunst jüngeren Datums.

Welche weiteren Pläne gibt es fürs nächste Jahr?

Am 17. Juni eröffnen wir die Ausstellung „Von Hopper bis Rothko. Amerikas Weg in die Moderne“. Da haben wir 68 Werke aus der Phillips Collection in Washington zu Gast. Das ist eine der ganz wichtigen, großen Sammlungen zur amerikanischen Moderne. Es handelt sich um das erste amerikanische Museum für zeitgenössische Kunst, es wurde 1921 gegründet, noch vor dem Whitney Museum und dem Museum of Modern Art. Wir sind sehr stolz, dass wir mit dieser Institution zusammenarbeiten können.

Was davon wird in Potsdam zu sehen sein?

Uns geht es um die Zeit vor Edward Hopper, also vor Pop Art, Minimal Art und den jüngeren amerikanischen Künstlern, die wir so gut kennen. Diese Amerikanische Moderne mit Georgia O’Keeffe, Marsden Hartley und eben Edward Hopper gibt es in Europa nur selten zu sehen. Das ist etwas ganz Besonderes.

Wie steht es um das Verhältnis des Barberini zu den anderen Museen und Kultureinrichtungen in der Potsdamer Mitte?

Wir hatten die Mitarbeiter des Potsdam Museums schon vor der Eröffnung der Besuchertage zu Gast. Wir sind enge Nachbarn und werden uns gut abstimmen. Das gilt auch für das Filmmuseum. Das Filmmuseum wird wahrscheinlich schon zur Hopper-Ausstellung eine Filmreihe zum Thema Amerikanische Moderne auflegen. Da versuchen wir, uns gut zu ergänzen. Ich denke, wir werden alle davon profitieren, dass jetzt in der historischen Mitte dieses Zusammenspiel der Museen entsteht. Es gibt auch eine Arbeitsgemeinschaft, über die wir mit den Museen, aber auch Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen wie dem Institut für Zeithistorische Forschung oder der Wissensetage in Verbindung sind. Hier etabliert sich gerade eine Art Kultur- und Museumsquartier und wir freuen uns natürlich, ein Teil davon zu sein.

Das Museum Barberini wird auch international wahrgenommen. Welche Erfahrungen haben Sie in den vergangenen Monaten schon gemacht?

Dass wir internationale Kooperationen anstreben, ist ja der ausdrückliche Wunsch von Herrn Plattner. Die Arbeit mit der Phillips Collection ist da schon ein Anfang, aber auch bei der Eröffnungsausstellung haben wir Leihgaben zum Beispiel aus der Ermitage in St. Petersburg, von der National Gallery in Washington und dem Israel Museum in Jerusalem. Wir hatten in den vergangenen Wochen und Monaten auch schon viele Privatsammler und Museumskuratoren aus Amerika und Europa zu Gast, die unsere Sicherheitssysteme und Klimasteuerung vor Ort geprüft haben. Das ist natürlich die Voraussetzung dafür, internationale Meisterwerke für die Ausstellungen zu bekommen. Alle waren begeistert von den Möglichkeiten hier. Bei zwei Symposien konnten wir auch schon die internationale Forschung nach Potsdam holen. Das ist ganz wichtig für uns.

Das Museum Barberini soll auch über das Kunsterlebnis hinaus Veranstaltungsort werden. Wie konkret ist das schon?

Wir sind noch bei den Planungen. Wir haben jetzt für die erste Ausstellungsphase mehrere Vorträge eingeplant. Aber wir testen jetzt auch den Raum, unser Auditorium in der zweiten Etage. Wir haben am Sonntag die Kammerakademie zu Gast und werden schauen, wie die Instrumente in dem Raum klingen, der eigentlich für gesprochenes Wort ausgelegt ist. Vielleicht ist das Auditorium auch für Konzerte geeignet. Auf jeden Fall wird es dort weitere Lesungen geben. Wir hatten schon mit dem Hans Otto Theater eine Lesung, die sich mit dem Briefwechsel mit einem in Potsdam geborenen Maler beschäftigte, der nach Italien ging. Da sah man sofort, dass das eine faszinierende neue Dimension ist – über Kunst nachzudenken mit Literatur. Wir werden versuchen, zu unseren Ausstellungsthemen jeweils Programme zu machen, die auch andere Künste zum Klingen bringen.

Das Gespräch führte Jana Haase

 

ZUR PERSON: Ortrud Westheider, 52, ist promovierte Kunsthistorikerin. Seit April 2016 leitet sie das von Softwareunternehmer Hasso Plattner gestiftete Museum Barberini, das im Januar 2017 eröffnet. Westheider war zuvor unter anderem an der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle und der Galerie Alte Meister an der Kunsthalle Bremen tätig. Zuletzt war sie die künstlerische Leiterin des Bucerius Kunst Forums in Hamburg. Ortrud Westheider lebt in Potsdam.

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