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  • 15.11.2016
  • von Steffi Pyanoe

Schülerfirmen in Potsdam: 72 Stunden bis zum perfekten Schmelz

von Steffi Pyanoe

Experten für Süßes. Pressesprecher Paul Richwien und Vorstandvorsitzender Hans Grunow von der Lenné-Schülerfirma Pralenné zeigen ihre Schokoladenkreationen. Foto: A. Klaer

Sie stellen Schokolade her, bedrucken T-Shirts und bieten IT-Service an: Potsdams Schülerfirmen. Die Startups der Lennéschule stellten sich gestern auf einer Mini-Messe vor.

Schokolade, IT und Klamotten gehen immer. Darauf vertraut auch Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Am Montag investierte er in alle drei Branchen und erwarb für die Firmen Konditoria, einem Kuchenvertrieb, die Designerfirma Desk Cubes, die Büro- und Rechnerzubehör herstellt, und Was trägst Du?, eine T-Shirt-Druckerei, Anteilsscheine, je zehn Euro. Das Besondere: Die Unternehmen sind so genannte Schülerfirmen. Diese werden von Schülern der Potsdamer Lenné-Gesamtschule als eine Art Planspiel wie im richtigen Leben geführt. Anlässlich der deutschlandweit stattfindenden Gründerwoche stellten die Lennéschüler ihre Firmen jetzt bei einer kleinen internen Messe vor.

Gleich sechs bestehende Firmen und zwei in Gründung gibt es an der Gesamtschule im Zentrum Ost, etwa so viele, wie an allen anderen Potsdamer Schulen zusammen. Es gibt Aktiengesellschaften, Genossenschaften und GmbHs, Firmen, die als Unterrichtsprojekt einer Klassenstufe funktionieren oder außerhalb des Lehr- und Stundenplans. Die erste Firma war die Aktiengesellschaft Medien & Büro, gegründet 2006 aus der Not heraus. Der Informatiklehrer und Firmencoach Thomas Jandt kam damals mit der Wartung der Lehrerrechner nicht mehr hinterher. „Ich dachte mir, die Arbeit können mir die Schüler eigentlich abnehmen“, sagte Jandt gestern. Das funktionierte. „Heute ist die Aktie, die mal fünf Euro gekostet hat, viel mehr wert. Und nicht mehr zu haben.“ 2014 und 2015 wurde die Schüler-AG, die Software- und Hardwaredienstleistungen anbietet, als beste Brandenburger Schülerfirma von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ausgezeichnet. Sie wird bereits von der dritten Schülergeneration geführt.

Dahin müssen die jungen Unternehmer von Konditoria erstmal kommen. 16 Schüler der 13. Jahrgangsstufe arbeiten hier, gegründet wurde vor einem Jahr. Das Produkt: haltbare Kuchen im Einweckglas. Ist nicht ganz neu, aber die Schüler bieten den Service, die Gläser individuell zu gestalten, beispielsweise für Firmen als Werbegeschenke herzustellen. Auch Weihnachtseditionen können sie liefern, gleich 100 Walnusskuchen bestellte voriges Jahr ein Potsdamer Autohaus. Die Macher erklären: Der noch heiße, gebackene Kuchen im Glas – natürlich ein Pfandglas – wird fest verschraubt, nochmals eingeweckt und ist dann mindestens einen Monat haltbar. Sie haben das ausprobiert. Und auch einiges weggeworfen. „Apfelkuchen im Glas geht gar nicht, das Obst gärt“, sagte Konditoria-Mitarbeiter Peter Neuhoff. „Schokokuchen ist der Renner.“

Im Zuge ihrer Arbeit beschäftigen sich alle Firmen mit Produktentwicklung, Marketing, Vertrieb und Finanzwirtschaft, erstellen Marktanalysen und suchen Partner. Alles ganz wie im richtigen Leben. Genau darum soll es gehen, sagt Jandt. Die Schüler sollen eine Ahnung davon bekommen, was es bedeutet, selbstständig zu sein, möglicherweise mit einer neuen Idee im wirklichen Leben eine eigene Firma zu gründen – und durchzuhalten. Der Gewinn wird dabei sofort in die Firma investiert.

„Es ist schwerer, als wir dachten“, sagt Peter Neuhoff, aber wenn man dran bleibe, habe man Erfolg – und Spaß. Es gebe aber auch Schüler, die sich weniger einbringen. „Dann gibts auch mal eine Abmahnung vom Chef“, sagt Konditoria-Geschäftsführerin Merle Fuhr. Sie jedenfalls findet das Planspiel klasse und will nach dem Abi studieren, „Messe- und Eventmanagement“. Den gestrigen Empfang moderiert sie professionell an, hat die Namen und Titel aller Gäste im Kopf.

Konditoria indes musste auch lernen, mit Widrigkeiten auszukommen. So konnten sie nicht, wie anfangs gedacht, selber backen – aufgrund der Hygienevorschriften. Backen dürfen allerdings die Kollegen der Pralenné-Schülergenossenschaft, einem außerunterrichtlichen Projekt. Und so wurde Pralenné zum Subunternehmer der Konditoria, das Problem war gelöst. Pralenné stellt in erster Linie Schokolade her, und zwar aus den Rohzutaten Zucker, Kakaomasse, Kakaobutter und Milchpulver. Das dauert ziemlich genau 72 Stunden in einer speziellen Conchiermaschine mit zwei Granitrollen. Nur in Indien fanden sie so eine Maschine für sehr kleine Mengen – ließen sie einfliegen und bekamen prompt Probleme beim Zoll, erzählt Hans Grunow, 12. Klasse und Vorstandsvorsitzender. Dann mussten auch sie viel experimentieren, mit Zeit und Temperatur, damit es schmeckt und kein hässlicher grauer Schimmer auf der fertigen Schokolade entsteht. Jetzt läuft es gut, vor Kurzem bestellte bei ihnen die PWG Werbe-Schokotäfelchen für deren Genossenschaftsball. Solche Kontakte werden häufig über Eltern vermittelt. Geschenkt wird den Schülern dabei aber nichts. Die Kunden erwarten ein perfektes Produkt.

Weitere Schülerfirmen machen Schulradio, bauen Holzprodukte, digitalisieren alte Bandaufnahmen oder stellen mit einem 3D-Drucker nützliche Schreibtisch-Gadgets her. Im kommenden Jahr will sich eine Imker-Firma gründen. Potsdams OB und Stefan Frerichs, Chef der Wirtschaftsförderung, verwiesen auf die guten Rahmenbedingungen für Gründer in Potsdam und wünschten den Schülern Durchhaltevermögen. Diese präsentierten sich gestern selbstbewusst, mit Flyern, Werbeartikeln, Visitenkarten und professionellem Auftreten inklusive festem Händedruck und entsprechender Rhetorik. Auch über die Garderobe hatte man nachgedacht, die meisten trugen einheitliche Shirts mit Namenschild. Die Mitarbeiter von Pralenné, mehr Jungs als Mädchen, sahen besonders schick aus, die Hemden nicht labberig, sondern ordentlich in den Hosenbund gesteckt. Das sei tatsächlich eine Anordnung der Chefetage gewesen, sagte Pralenné Pressesprecher Paul Richwien.

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