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  • 20.10.2016
  • von Jana Haase

Taxis in Potsdam: Potsdam in der Taxi-Krise

von Jana Haase

Taxi unterwegs? In den Nachtstunden müssen Kunden lange auf ein Taxi warten. Oft muss die Taxizentrale eine gewünschte Fahrt sogar absagen, weil sich kein Fahrer findet. Foto: A. Klaer

Nachts ein Taxi zu bekommen, ist in Potsdam schwer bis unmöglich geworden. Die Branche ist besorgt, Kunden sind frustriert.

Potsdam - Wer in Potsdam ein Taxi ruft, der muss immer mehr Geduld mitbringen: Wartezeiten zwischen 30 und 60 Minuten seien insbesondere in den Nachtstunden am Wochenende mittlerweile normal, sagt Detlef Baatz, der Geschäftsführer der Taxigenossenschaft Potsdam e.G., den PNN auf Anfrage. Weil der Genossenschaft in den Nachtstunden schlicht die Taxi-Unternehmer fehlten, käme es sogar jede Woche mehrfach vor, dass die Taxizentrale Kunden zurückrufen müsse, weil für die gewünschte Tour überhaupt kein Fahrer gefunden werden kann. Die Taxizentrale ist in diesen Fällen hilflos – denn sie besitzt keine eigenen Taxis, sondern vermittelt nur.

Bei den Kunden ist der Frust groß, wenn der Taxiruf ins Leere geht. Betroffene machen ihrem Ärger dann unter anderem in den sozialen Netzwerken im Internet Luft. Erst am Wochenende wieder schilderte eine Potsdamerin auf Facebook, wie sie für 2.30 Uhr ein Taxi rufen wollte: „Antwort: Es können nachts keine Stadtfahrten mehr vermittelt werden – bei Mindestlohn müsste man das verstehen. Wofür sind die verdammt noch mal da?“, schreibt die Frau und erhielt viele zustimmende Kommentare.

Mindestlohn habe zum Umdenken geführt

Der Potsdamer Taxi-Markt ist offenbar in der Krise. Grund ist nicht nur der im vergangenen Jahr eingeführte Mindestlohn von 8,50 Euro, auch wenn der zuerst genannt wird, wenn man bei Harry Kortschlag vom Taxiverband Potsdam nachfragt. Der Mindestlohn, erklärt er, habe bei vielen Taxi-Unternehmen zum Umdenken geführt: „Der eine oder andere Betrieb hat den Rückwärtsgang eingelegt“, sagt Kortschlag. So seien die Arbeitszeiten von angestellten Fahrern etwa vielerorts auf sechs Stunden reduziert worden. „Der Taxifahrer hat ja ein Anrecht auf Bezahlung, egal wie groß die Umsätze sind – das Risiko trägt dann der Unternehmer“, erklärt Kortschlag.

Nur wenige junge Leute wollen Taxi-Fahrer werden

Das ist aber nicht das einzige Problem. Laut Kortschlag ist es schwierig geworden, überhaupt noch Arbeitskräfte zu finden. „Neueinstellungen sind illusorisch – für den Beruf interessieren sich nur wenige junge Leute“, sagt Kortschlag, dessen Unternehmen selbst lange Taxifahrer ausgebildet hat. Als Grund für das ausbleibende Interesse sieht er das schlechte Image des Berufs, die Nacht- und Wochenendarbeitszeiten und die vergleichsweise bescheidene Entlohnung. Gleichzeitig seien in Potsdam mehrere Taxifahrer in Rente gegangen. Zwar ist die Zahl der in der Stadt konzessionierten Taxis unverändert bei 190: Aber statt wie früher rund 280 Taxifahrer gebe es dafür mittlerweile nur noch rund 200.

Auch Detlef Baatz von der Taxigenossenschaft sieht das Nachwuchsproblem, das die gesamte Dienstleistungsbranche betreffe: „Die Bereitschaft, nachts und an den Wochenenden zu arbeiten, ist nicht mehr da.“ Hinzu kommt auch, dass immer mehr Potsdamer Taxi-Unternehmer gar nicht mehr in der Genossenschaft und damit beim zentralen Taxiruf organisiert sind: Seien 2009 noch praktisch alle 190 Taxis über die Taxizentrale organisiert gewesen, seien es mittlerweile nur noch 130. Etliche Unternehmer nutzen heute alternative Kontaktwege zum Kunden, etwa diverse Smartphone-Apps. Auch mit 130 Taxis könne ein Rund-um- die-Uhr-Service eigentlich funktionieren, betont Baatz: „Aber dafür müssten die Taxis eben bereitstehen.“

Auch die Stadt Potsdam sei in der Pflicht

Der Taxigenossenschafts-Chef hält die Lage für dramatisch. Wenn Kunden nachts kein Taxi bekommen, dann sei das geschäftsschädigend für die ganze Branche. „Wenn wir nicht in der Lage sind, diese Herausforderung zu regeln, werden die Kunden abwandern – in den Mietwagenbereich, zum Carsharing oder in den Privatbereich“, warnt er. Baatz sieht dabei auch die Stadt in der Pflicht – und zwar an zwei Fronten: Sie müsse einerseits dafür sorgen, dass es einen Taxitarif gibt, der den Unternehmern ein Auskommen ermöglicht. Gleichzeitig müsse die Stadt aber von den Unternehmen auch einfordern, dass die Mobilität für Kunden jederzeit gewährleistet ist – im Notfall mit der Aufstellung von Dienstplänen.

Der Taxiverband fordert schon seit dem vergangenen Jahr eine erneute Anpassung des Taxitarifs. Zwar ist der gerade erst 2015 erhöht worden – bei den Berechnungen habe der Mindestlohn aber noch keine Rolle gespielt, bestätigt Stadtsprecher Jan Brunzlow. Die Stadt habe aktuell ein Gutachten in Auftrag gegeben, das klären soll, inwiefern die Unternehmen mit den aktuellen Tarifen kostendeckend arbeiten können. Auf erste Ergebnisse hoffe man Ende des Jahres.

Konkurrenz durch Berliner Taxis

Die Branche steckt in der Tariffrage aber auch in der Zwickmühle, gibt Taxiverbandschef Kortschlag zu bedenken: Höhere Preise könnten für die Potsdamer Taxi-Unternehmen auch negative Folgen haben. Denn im Ferntourengeschäft – etwa mit Fahrten zu den Berliner Flughäfen – stünden die Potsdamer Taxis in Konkurrenz zu den Kollegen aus Berlin und dem Umland. Diese Fahrten seien aber sehr wichtig für die Unternehmen, Kortschlag geht davon aus, dass bis zu einem Drittel der Umsätze darüber eingefahren werden. Eine Tariferhöhung mache daher nur Sinn, wenn sie in Abstimmung mit den Verbänden in Berlin und den Landkreisen geschehe – ansonsten drohe den Potsdamer Unternehmen der Verlust von weiteren Kunden an die günstigeren Berliner Taxis.

 

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