22.10.2017, 13°C
  • 01.10.2016
  • von Anne-Kathrin Fischer

Tag der deutschen Einheit: Diskutieren mit Roland Jahn

von Anne-Kathrin Fischer

Foto: Andreas Klaer

Anlässlich des Tags der Deutschen Einheit war der Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde Gast in Potsdam.

Der Ort für die Veranstaltung mit Roland Jahn war passend gewählt: Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen kam am Donnerstag zu einer Podiumsdiskussion ins Potsdam Museum im Alten Rathaus. 1988 hatte Hans-Dietrich Genscher in diesem Gebäude seinen ersten Auftritt als Außenminister der BRD in der DDR. Der mittlerweile verstorbene FDP-Politiker sprach in dem Gebäude bei einer sicherheitspolitischen Tagung eines US-amerikanischen Instituts. Daran erinnerte zu Beginn auch Linda Teuteberg, Potsdamer FDP-Kreisvorsitzende.

Die Diskussionsrunde war von den Potsdamer Liberalen zum 26. Jahrestag der deutschen Einheit am 3. Oktober organisiert. Unter dem Motto „German Mut“ – als Gegenbegriff zur „German Angst“, mit der im englischsprachigen Ausland eine den Deutschen typische Verzagtheit gemeint ist – führte rbb-Moderator Ingo Hoppe durch den Abend. Der begann die Runde mit einer Schlüsselszene aus Roland Jahns 2014 erschienenem Buch „Wir Angepassten. Überleben in der DDR“.

Darin schildert der heute 63-Jährige, der in Jena zur Welt kam und in der DDR zur Opposition gehörte, wie darüber entschieden werden sollte, ob er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften weiterführen darf. Zuvor hatte Jahn gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann demonstriert. 14 seiner Kommilitonen versicherten ihm tags zuvor, sie würden gegen seine Exmatrikulation stimmen, 13 von ihnen stimmten dann doch dagegen, erzählte Jahn. Die Szene beschreibt, wie sehr die Studenten sich vor Repressalien für sich und ihre Familie oder persönlichen Nachteilen fürchteten. Denn Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) statteten den jeweiligen Studenten noch am Abend zuvor Besuche ab und schafften es so, sie „umzustimmen“.

Die Angst der Studenten war damals natürlich viel existenzieller als diese, die heute als „German Angst“ bekannt ist, sagte Teuteberg. In Potsdam etwa mache sich diese daran bemerkbar, dass sich Bürger nur ungern auf Kommunalwahllisten setzen ließen – aus Angst, in der Konsequenz Aufträge zu verlieren oder sich unbeliebt zu machen.

Moderator Hoppe griff dies auf, um der Frage nachzugehen, wie Politiker dem Erstarken rechter Parteien begegnen sollen. Diese hätten eben auch ein Recht auf Redefreiheit oder Demonstrationen, wie Jahn einwarf und hinzufügte: „Solange sie sich an Regeln halten, müssen wir das so hinnehmen.“

Warum dieses Phänomen des Rechtsextremismus oder Rechtspopulismus öfter in Ost- als in Westdeutschland auftrete, wollte der Moderator wissen. „Worum es mir bei dieser Frage geht, ist vielmehr: Wo kann man ansetzen, dass dieses Problem gelöst wird?“, betonte Jahn. „Ich würde das weniger als ein Ost-West-Problem sehen“, sagte er weiter. Die Entwicklung sei doch sehr multikausal.

Dennoch versuchte er es mit zwei möglichen Erklärungen: Zunächst habe sich in der DDR im Gegensatz zur BRD in 40 Jahren keine Zivilgesellschaft entwickeln können. Auch seien Bürger der DDR durch ihre Abgeschiedenheit nie mit Weltoffenheit vertraut geworden – und dies habe auch heute noch Nachwirkungen, etwa in Familien, in denen die Eltern in Ostdeutschland aufgewachsen seien.

Ein weiteres viel diskutiertes Thema war die Zukunft der Stasi-Akten. Für 111 Kilometer Akten müsse eine neue Unterkunft gefunden werden, die die Lagerung der Papiere über Jahre garantieren könne, so Jahn. Er betonte, dass der Umgang mit diesen Papierbergen weltweit Beachtung finde – immer wieder kämen Delegationen aus dem Ausland, um sich ein Bild zu verschaffen. „Diese Akten sind ein Symbol für die Revolution und dafür, dass eine Diktatur überwindbar ist.“ Mit der Suche nach einer neuen Unterkunft soll nach der Bundestagswahl im nächsten Jahr begonnen werden. Diskutiert wird, die Akten ins Bundesarchiv einzugliedern und die Unterlagenbehörde damit aufzulösen.

Im Anschluss an die gut besuchte Podiumsdiskussion hatten die Zuhörer die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Viele lobten Jahns Besuch und vor allem sein Buch als wichtiges Zeugnis deutsch-deutscher Geschichte. Auch das Thema Weiterbeschäftigung von Stasi-Mitarbeitern wurde angesprochen. Jahn, der im Juni vom Bundestag in seine zweite Amtszeit gewählt worden war, hatte schon zu Beginn dieser Arbeit im Jahre 2011 damit begonnen, ehemalige Stasi-Mitarbeiter in andere Behörden versetzen zu lassen. Zuletzt hatte er in einem Interview mit dem Tagesspiegel im Juni gesagt, dass noch 13 ehemalige Stasi-Mitarbeiter in der Behörde arbeiten. „Mir ist es wichtig, dass sich jemand, der sich mit 20 auf die Zusammenarbeit mit der Stasi eingelassen hat, nicht ewig verdammt wird“, sagte Jahn. Dennoch sei es für die Opfer der Bespitzelung ein falsches Zeichen, wenn diese Menschen heute in der Stasi-Unterlagenbehörde arbeiteten, begründete er seine Haltung.

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!