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  • 15.06.2016
  • von Marco Zschieck

Berichterstattung über Prozess um Morde an Elias und Mohamed: „Eine extreme Belastung“

von Marco Zschieck

Das Medieninteresse zum Prozessbeginn war groß, bundesweit wurde über den Prozess berichtet. Foto: R. Hirschberger/dpa

Der Medienethiker Christian Schicha spricht im PNN-Interview über die Bedeutung von Berichten über Strafprozesse und wo dabei die Grenzen liegen.

Herr Schicha, am Dienstag hat der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Elias und Mohamed in Potsdam begonnen. Welche Aufgabe haben Medien in Bezug auf so einen Strafprozess?

Es geht um dramatische Ereignisse mit schrecklichen Folgen. An der Aufarbeitung besteht ein großes öffentliches Interesse. Natürlich müssen Journalisten darüber berichten. Allerdings kommt es dabei darauf an, wie das Ganze geschieht.

Was sollten Medien beachten, wenn sie über den Strafprozess berichten?

Auch wenn wie am Dienstag in Potsdam ein Prozess vor einem Gericht eröffnet wird, sollte man weiter beachten, dass bis zum Urteil die Unschuldsvermutung gilt. Für die Medien heißt das, dass sie bis zum Urteil nicht von einem Täter sprechen sollten, sondern von einem Angeklagten. Es gibt eine Reihe von Beispielen, wo das in den vergangenen Jahren nicht beachtet wurde. Ich erinnere an die Fälle Andreas Türck und Jörg Kachelmann. Da wurde von Medien und anderen Akteuren debattiert, obwohl die Schuldfrage nicht geklärt war.

Warum ist das so wichtig?

Weil ein Irrtum in so einer Frage schwere Konsequenzen haben kann. Vor wenigen Jahren wurde in Emden ein 17-Jähriger verdächtigt, ein elf Jahre altes Mädchen missbraucht und getötet zu haben. Bis sich herausstellte, dass die Vorwürfe komplett haltlos waren und sich eine Zeugin geirrt hatte, gab es bereits einen Menschenauflauf und Lynchaufrufe auf Facebook. Der Junge musste die Stadt verlassen.

Welche Bedeutung hat die Berichterstattung für Angehörige, Bekannte und Freunde von Opfern?

Der Prozess an sich ist schon eine extreme Belastung. Damit dann auch noch über die Medien konfrontiert zu werden, kann der pure Horror sein. Deshalb sollten Journalisten im Umgang mit Menschen, die den Opfern nahestanden, besonders sensibel sein. Auch da sind in der Vergangenheit Grenzen überschritten worden wie nach dem Amoklauf von Winnenden. Damals wurden sogar die minderjährigen Mitschüler interviewt.

Nach Elias haben in Potsdam Hunderte Menschen gesucht. Was bedeutet es für sie, dass über den Prozess berichtet wird?

Wenn es ein Urteil gibt, sollte berichtet werden. Kurz, knapp und prägnant. Es sollten Fakten berichtet werden, keine Spekulationen. Angehörige des Täters gehören nicht in die Berichterstattung. Im vergangenen Jahr tauchten Reporter beispielsweise am Wohnort der Eltern des Germanwings-Piloten auf, der sein Flugzeug selbst zum Absturz gebracht hatte. Das bedient nicht das Informationsinteresse, sondern den Voyeurismus.

 

Die Fragen stellte Marco Zschieck

ZUR PERSON: Christian Schicha (51) ist Medienwissenschaftler sowie Professor für Medienethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg am Standort Erlangen. Hier geht es zu seiner Homepage >>

 

Lesen Sie weiter:

Die aktuellen Ereignisse und weiteren Hintergründe zum Prozessauftakt können Sie in unserem Newsblog nachlesen >>

 

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