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  • 13.06.2016
  • von Stefan Engelbrecht

Altersarmut in Potsdam: Wenn kein Wunder geschieht

von Stefan Engelbrecht

Zu wenig zum Leben. Immer mehr Rentner sind auf staatliche Unterstützung angewiesen – auch in Potsdam. Foto: Sebastian Willnow/dpa

Die 75-jährige Olga Kolesnikowa hat ihren Mann verloren, nun muss sie auch aus ihrer Wohnung raus. Armut im Alter ist belastend für Betroffene – und immer mehr Potsdamern droht dieses Schicksal.

Potsdam-West - Olga Kolesnikowa* steht an ihrer Wohnungstür und lächelt gequält. Der 75-Jährigen geht es nicht wirklich gut. Die Terrasse im zweiten Stock in der Nutheschlange am Humboldtring ist kahl, keine Blümchen vor den Fenstern, die Gartenmöbel stehen vergessen in einer Ecke. „Eigentlich ist es schön hier. Aber jetzt ...“, sagt sie in gebrochenem Deutsch, würfelt einige russische Wörter unter, der Besucher kann nur erraten, was sie meint.

Wenn die Rente nicht fürs Leben reicht

Vergangenes Jahr war es, da starb der Ehemann und ließ die Frau zurück in der gemeinsamen Wohnung. Noch immer leide sie unter dem Verlust, sagt sie. Und sie habe kein Geld. Das russische Ehepaar lebte jahrelang in Potsdam, kam in den 1980ern in die damalige DDR, nach Potsdam. Beide hatten gute Jobs, die Rente reichte trotzdem nicht fürs Leben. Also mussten die Senioren Grundsicherung im Alter beziehen, ein Zuschuss auf dem Niveau der Sozialhilfe. 176,56 Euro beträgt die Altersversorgung der Witwe laut Rentenbescheid aktuell, den Rest, rund 882 Euro, zahlt bislang das Amt.

Mit dem Tod ihres Mannes im Juli 2015 begann auch der Ärger mit der Wohnung. Noch im gleichen Monat bekam Olga Kolesnikowa einen Brief von ihrem Vermieter, der städtischen Gewoba. Die Miete sollte erhöht werden, um 27 Euro. Sie lag damit über den Sätzen, die ohne Murren vom Sozialamt bezahlt werden. Allerdings nur, weil sie die Räume jetzt alleine nutzt. Daraufhin meldete sich das Amt und verlangte einen Umzug in eine kleinere und günstigere Wohnung.

Viele Potsdamer Rentner sind auf staatliche Unterstützung angewiesen

Kolesnikowa ist mit ihrem Schicksal nicht allein. Mehrere Tausend Potsdamer sind auf staatliche Unterstützung angewiesen, darunter sind auch viele Rentner. Laut einer Bertelsmann-Studie zur Altersarmut bezogen im vergangenen Jahr mehr als 900 Rentner (2,7 Prozent) in Potsdam Grundsicherung im Alter. Zehn Jahre zuvor waren es noch 532. Die Zahl hat sich demnach fast verdoppelt.

Auch künftig rechnen Experten mit steigenden Zahlen. Im April sorgte eine WDR-Studie bundesweit für Aufsehen, wonach jedem zweiten Rentner ab 2030 die Altersarmut droht. „Jeder fünfte Brandenburger im Alter von 50 bis 67 läuft Gefahr, in die Altersarmut abzugleiten“, hat die Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt Potsdam, Angela Basekow, ausgerechnet. Dabei mache es keinen Unterschied, ob es um das relativ vermögende Potsdam oder um ländliche Regionen gehe. Auch in Potsdam „leben Menschen, die ihre besondere Karriere haben“.

Aktionswoche "Wenn das Leben arm wird"

Basekow kritisiert, dass das Thema Altersarmut kaum öffentlich diskutiert werde. Deshalb habe die Arbeiterwohlfahrt ihre heute beginnende Aktionswoche dem Thema „Wenn das Leben arm wird“ gewidmet. Ab Montag sollen auf Veranstaltungen und Diskussionsrunden mehrere Thesen diskutiert werden. So fordert die Awo, dass der öffentliche Nahverkehr und der Theater- oder Kinobesuch für arme Senioren kostenlos ist.

Mieten dürften nicht erhöht werden und die Stadt müsse mehr Geld für Seniorenfreizeitstätten oder Bürgertreffs bereitstellen. Für Kommunen seien diese Treffs freiwillige Leistungen, die schnell mal gestrichen würden, so Basekow. Im vergangenen Jahr erst musste wie berichtet die Seniorenfreizeitstätte der „Alfred und Toni Dahlweid Stiftung“ in Zentrum Ost geschlossen werden.

Wie lange wird sie noch bleiben können?

Der Treff war gleich nebenan von Olga Kolesnikowa. 70 Quadratmeter groß ist ihre Wohnung in der Nutheschlange – Wohnzimmer mit Wohnküche, Bad und kleines Schlafzimmer. Überall sind Bildchen von Stränden und Urlaubsgebieten zu sehen, drei mit bunten Decken belegte Sofas stehen mitten in dem großen Raum neben einem kleinen Esstisch, Bilder eines russischen Nachrichtensenders flimmern über den Fernseher. Die Wohnung ist hell, tiefe Fenster lassen viel Licht hinein, dennoch wirkt es beklemmend. Kein Wunder: Olga Kolesnikowa weiß nicht, wie lange sie noch bleiben wird.

Es gab Feuchtigkeit und Baumängel in dem in den 1990er-Jahren errichteten Gebäude, noch heute wird saniert. Hunderte Wohnungen stehen wegen feuchter Wände leer, auch Nachbarwohnungen von Kolesnikowa. Aktuell liegt die Bruttokaltmiete für sie bei 477,09 Euro und damit fast 100 Euro über dem Höchstsatz von 380 Euro, der übernommen wird. Zudem ist die Wohnung mit 70 Quadratmetern zu groß. Einem Sozialhilfeempfänger stehen maximal 50 zu.

Gewoba: Man versuche in solchen Fällen, eine günstigere Wohnung zu finden

Sie verstehe nicht, warum die Gewoba Geld zum Fenster rausschmeiße, sagt die in Berlin lebende Schwester von Olga Kolesnikowa, die besser Deutsch spricht und sich für sie einsetzt. Schließlich würde die Wohnung nach ihrem Auszug ohnehin für Monate leer stehen, da sie vor einer Sanierung nicht vermietet werden könne. So mache die Gewoba im Jahr 4500 Euro Verlust. Man müsse wirtschaftlich handeln, versuche in solchen Fällen, eine günstigere Wohnung zu finden, heißt es von der Gewoba.

Sie wolle aber nicht ausziehen, sondern wohnen bleiben, sagt Olga Kolesnikowa. „Wir wissen, dass es naiv ist zu glauben, dass Wunder geschehen“, schrieb sie mit ihrer Schwester deshalb an Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und schlug einen Deal vor. Wenn die Gewoba ihr 50 Euro Miete erlässt und die Grundsicherung der Stadt den zusätzlichen Betrag von 47 Euro übernehme, sei dies vielleicht eine „Win-win-Situation“.

Die Rentnerin wohnt noch in der Nutheschlange - auf gepackten Koffern

Die Stadt will sich nicht darauf einlassen. Sozialdezernentin Elona Müller-Preinesberger (parteilos) sicherte der Rentnerin, die seit Jahren auch in der jüdischen Gemeinde aktiv ist, aber in einer Antwort Hilfe bei der Suche nach einer neuen Bleibe zu. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Seniorin dem Druck durch das Sozialamt bereits nachgegeben. Im Januar stimmte sie einem Umzug zu, falls eine angemessene Wohnung gefunden wird.

Kurz darauf kamen erste Angebote. Der Umzug in eine kleinere Wohnung in eines der Hochhäuser am Humboldtring – nur wenige Hundert Meter entfernt von der Nutheschlange – kam aber nicht zustande. Der Potsdamer Wohnungsmarkt ist angespannt. Noch immer wohnt die Seniorin in der Nutheschlange – auf gepackten Koffern. (*Name geändert)

 

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