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  • 03.06.2016
  • von Marco Zschieck

Flüchtlinge in Potsdam: Potsdam schließt Flüchtlingsunterkünfte

von Marco Zschieck

Der Wohnblock in der Haeckelstraße wurde Anfang der 1970er-Jahre gebaut. Nun soll er saniert werden. Die Bewohner, darunter 80 Flüchtlinge, müssen deshalb bis Ende August umziehen. Foto: A. Klaer

Weil bisher deutlich weniger Flüchtlinge nach Potsdam gekommen sind als im Vorjahr, werden zwei bisherige Flüchtlingsunterkünfte in der Stadt geschlossen. Neue Standorte werden vorerst nicht gesucht.

Potsdam plant derzeit keine weiteren Standorte für Unterkünfte für geflüchtete Menschen. Stattdessen sollen in den nächsten Monaten sogar zwei Standorte geschlossen werden. Dabei handelt es sich um die Notunterkunft an der Sandscholle in Babelsberg sowie um den Wohnungsverbund in der Haeckelstraße in Potsdam-West. Hintergrund ist die seit Anfang des Jahres sinkende Zahl der Flüchtlinge, die aus den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes Brandenburg an die Stadt verteilt werden, seitdem die sogenannte Balkanroute abgeriegelt ist.

Vergleichen mit dem Vorjahr kommen derzeit deutlich weniger Menschen nach Potsdam, die auf der Flucht vor Krieg und Unterdrückung ihre Heimatländer verlassen mussten. Im Jahr 2015 kamen insgesamt 1494 Flüchtlinge nach Potsdam. Vom Jahresbeginn bis zum gestrigen Donnerstag waren es 338. Rechnet man diese Zahl auf das Jahr hoch, käme man auf etwa 700. Damit käme die Stadt mit dem Bestand an zur Verfügung stehenden Plätzen in Gemeinschaftsunterkünften und Wohnungen vermutlich aus, so Jörg Bindheim, der in der Stadtverwaltung die Flüchtlingsunterbringung koordiniert. Allerdings gibt es derzeit noch keine entsprechende Prognose des Landes. Die Stadt geht offiziell von einer ähnlichen Anzahl wie im Vorjahr aus.

Adäquate Unterbringung von Flüchtlingen in Potsdam

Der tatsächlich nachlassende Zustrom erleichtert es der Verwaltung, die geflüchteten Menschen in Potsdam adäquat unterzubringen: So soll die Notunterkunft an der Babelsberger Sandscholle bis Ende Juli leer gezogen sein, so Bindheim – abhängig von den Kapazitäten. Neben dem dortigen Sportplatz war im vergangenen Jahr eine Leichtbauhalle für bis zu 96 Bewohner errichtet worden. Zuletzt wohnten dort 87 Männer. Sie sollen nun in feste Unterkünfte umziehen, in denen noch Platz frei ist. Infrage kommen dafür derzeit vor allem die Unterkunft im Konsumhof, ebenfalls in Babelsberg, sowie der Alte Landtag auf dem Brauhausberg.

Eine Erleichterung für die Stadt ist auch die geänderte Praxis der Zuweisung durch die Landesbehörden. Nach dem früheren Verfahren wurden der Stadt wöchentlich Flüchtlinge entsprechend ihrer Quote zugewiesen. Nun melde die Stadtverwaltung an das Land, wenn freie Plätze in der Stadt vorhanden sind. So kam es, dass die Zahl der Zuweisungen in den ersten fünf Monaten stark schwankte. Zwischen Januar und März kamen jeweils zwischen 43 und 65 Menschen, im April waren es dann 138, im Mai lediglich 20. Der Ausschlag im April sei auf die Eröffnung der neuen Unterkunft in der Zeppelinstraße zurückzuführen.

Sanierung von geplanten neuen Unterkünften

Allerdings könne die Stadt in der Flüchtlingsunterbringung nur auf die politischen Rahmenbedingungen reagieren, so Bindheim. Auch im vergangenen Jahr war die Zahl der Flüchtlinge erst in der zweiten Jahreshälfte stark angestiegen, als vor allem zahlreiche syrische Bürgerkriegsflüchtlinge über die Türkei, Griechenland und die Balkanländer nach Deutschland kamen. Um weiter flexibel bei der Flüchtlingsunterbringung zu sein, sollen die für dieses Jahr geplanten neuen Unterkünfte im Handelshof am Industriegebiet sowie in der Marquardter Chaussee saniert werden. Zu Letzterem fand sogar schon eine Anwohnerversammlung statt. Beide Gebäude gehören der Bundesanstalt für Immobilienangelegenheiten. „Wir haben diese Gebäude in Aussicht“, so Bindheim. Bei Bedarf können sie noch in diesem Jahr bezogen werden.

In Potsdam-West steht hingegen das Ende eines hochgelobten Projekts bevor: Der Wohnungsverbund in der Haeckelstraße wird nach gut zweieinhalb Jahren aufgelöst. Flüchtlinge leben dort Tür an Tür mit deutschen Mietern in einem Wohnblock des kommunalen Wohnungsunternehmens Pro Potsdam. Wie in einer Gemeinschaftsunterkunft gibt es auch dort einen Träger, der die Neuankömmlinge betreut. Die gemischte Unterbringung sollte es den Flüchtlingen erleichtern, sich in Potsdam einzuleben. Das funktionierte augenscheinlich ganz gut: Das Stadtteilnetzwerk Potsdam-West organisierte Feste mit den Anwohnern und half dabei, Vorbehalte in der Nachbarschaft abzubauen. Dafür wurde es 2014 mit dem Integrationspreis der Stadt ausgezeichnet.

Neue Wohnungen für Haeckelstraßen-Bewohner

Damit ist nun bald Schluss: Der Wohnblock soll ab September saniert werden. Nicht nur die Flüchtlinge, sondern alle Bewohner müssen raus. Das Ende war allerdings von Anfang an klar. Denn die Wohnungen für die Flüchtlinge standen nur wegen der bevorstehenden Sanierung leer, so Sprecherin Anna Winkler. Die Pro Potsdam hatte sie nach dem Auszug der Vormieter nicht neu belegt. Mieter mit unbefristeten Verträgen bekommen nun Ersatzwohnungen. Von den 80 dort lebenden Flüchtlingen haben 36 bisher schon ein Angebot für eine andere Wohnung bekommen, so Bindheim. Für die restlichen sei man auf der Suche. Es ist auch nicht ganz ausgeschlossen, dass in die Haeckelstraße nach der Sanierung auch wieder Flüchtlinge einziehen. Der Wohnblock wird mit Fördermitteln saniert, sodass die Stadt bei der Belegung mitreden kann.

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