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Themenschwerpunkt:

65 Jahre PNN

  • 29.04.2016
  • von Sabine Schicketanz und Peer Straube

65 Jahre PNN: Günther Jauch liest mit

von Sabine Schicketanz und Peer Straube

BNN-Chefredakteur Georg Jopke (2.v.l.) und Verlagsdirektor Wolfgang Grüttner (4.v.l.) 1984 bei einem Besuch der Druckerei. Foto: Peter-Claus Fähndrich

Am 1. Mai 1951 erschien die erste Ausgabe der Brandenburger Neuesten Nachrichten, dem Vorgänger der PNN. Nun feiert die Zeitung 65-jähriges Jubiläum. Eine Zeitreise durch 65 bewegte Jahre der PNN.

Potsdam - Es hätte leicht das Ende sein können, gleich nach dem Neuanfang. Dabei hatte alles so gut begonnen im Sommer 1990 für die Brandenburgischen Neuesten Nachrichten (BNN), die kleine Tageszeitung aus Potsdam. Das Blatt schien den Sprung in die Meinungsfreiheit und Marktwirtschaft bewältigt zu haben. Noch vor dem 3. Oktober 1990 liefert der Heinrich-Bauer-Verlag Computer in die Redaktion in der Lindenstraße. Bauer will dort eine Mantelredaktion aufbauen.

Doch die Pläne scheitern am Kartellamt. Das legt sein Veto ein gegen den Verkauf der BNN und fünf weiterer ostdeutscher Zeitungen an Bauer: Monopolisten-Gefahr. Die BNN bringt das in veritable Schwierigkeiten. Denn während die großen ehemaligen SED-Parteizeitungen von der Treuhand neu zum Verkauf ausgeschrieben werden, gilt das für die kleinen Blätter der einstigen DDR-Blockparteien nicht. Den BNN fehlt von heute auf morgen ein Verleger, ein Geldgeber, ein Herausgeber. Schnell können nicht mal mehr die Briefmarken bezahlt werden, erinnert sich der damalige Geschäftsführer Detlef Gottschling. Die Insolvenz naht, auch wenn die 110 Mitarbeiter die Abo-Rechnungen persönlich austragen und das Geld bar an der Haustür kassieren.

Die FDP war plötzlich Besitzer einer Zeitung

Der einzige Ausweg: Die FDP muss das Blatt retten. Die Liberalen sind plötzlich Besitzer der Zeitung – denn die DDR-Blockpartei Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NDPD), die im August 1990 in der FDP aufgegangen ist, hat ihre BNN mit in die Partei gebracht. Doch zahlen will der damalige Schatzmeister Hermann Otto Solms nicht, erinnert sich Gottschling. Da greift er zu einer Notlüge: Es gebe eine Anfrage des „Spiegel“, die Zukunft der Arbeitsplätze bei den früheren NDPD-Zeitungen betreffend. Das zieht. Die FDP zahlt die Gehälter, während Gottschling einen Käufer in Berlin findet – den Tagesspiegel.

So können die Brandenburgischen Neuesten Nachrichten ihr zweites Leben doch beginnen, wenn es auch Einschnitte gibt: Außenredaktionen werden geschlossen, das Blatt erscheint nur noch in Potsdam, bekommt seinen heutigen Namen, Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN). Ab 1994 erhalten die PNN die überregionale Berichterstattung des Tagesspiegels. Dabei ist es geblieben, nun können die PNN, gegründet am 1. Mai 1951, das 65-jährige Jubiläum begehen. Freilich nicht ohne dass sich die Frage stellt: Fast 40 Jahre Meinungsdiktat, Zensur, Regimetreue, Kritik maximal zwischen den Zeilen – soll und darf man dieses Jubiläum feiern? Ja, man muss sogar. Nur darf die Auseinandersetzung mit den Brüchen nicht fehlen. Dazu gehört auch, wie der Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, Frank Bösch, ausgeleuchtet hat, dass sich in Verlag und Redaktion der BNN anfangs zahlreiche Ex-NSDAP-Mitglieder fanden. Die NDPD sollte das nationale Lager in der DDR integrieren.

Ein BNN-Abo: "Ein klares Bekenntnis gegen die SED"

Während diese Prägung mit den Jahren schwand, schuf die SED andere Hürden. Die Blockparteizeitungen waren systematisch benachteiligt – beim Papierkontingent, bei den Informationen, die erst an die SED-Blätter gingen. Den BNN haftete dies noch Jahre später an. Sie berichtete „immer einen Tag später“. Auch die Auflage war gesteuert. Während die „Märkische Volksstimme“ der SED (nach 1990 „Märkische Allgemeine Zeitung“) eine Auflage von rund 350 000 Exemplaren haben durfte, waren den BNN und dem CDU-Blatt „Märkische Union“ nur 20 000 bis 29 000 Exemplare zugewiesen. Das hat das Selbstverständnis geprägt. „Die BNN zu abonnieren, war ein kleines Bekenntnis gegen die SED, wenngleich ihr Politikteil den Sozialismus pries“, sagt der Zeithistoriker Bösch.

Was davon geblieben ist? Eine selbstbewusste Potsdamer Leserschaft, die großen Wert legt auf die distanzierte Haltung der Zeitung zur Obrigkeit. Eine kritische Redaktion mit dem Wissen um die Vergangenheit.  Im debattierfreudigen Potsdamer Kosmos der lokale Qualitätsjournalismus geschätzt. Auch von der Prominenz. Er sei jahrzehntelanger Abonnent und lese jeden Morgen „geradezu zwanghaft als Erstes die PNN“, schreibt Fernsehjournalist Günther Jauch in seinem Glückwunsch an unsere Zeitung. Die PNN sollten weiter ein „waches Auge“ auf die Stadt haben. „Denn in einem bin ich mir sicher“, so Jauch: „Potsdam würde ohne die kritische Begleitung durch die PNN heute anders aussehen – und bestimmt nicht besser !“

 

Hinweis in eigener Sache: Die Jubiläumsausgabe mit der großen Potsdam-Chronik der PNN-Leser gibt es am 30. April am Kiosk und als Download für 99 Cent online >>

 

 

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