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  • 09.04.2016
  • von Holger Catenhusen

Flüchtlinge im ehemaligen Landtag in Potsdam: Trommeln gegen Langeweile

von Holger Catenhusen

Nach einem langen Weg in langen Gängen angekommen: Im "Kreml" auf dem Brauhausberg leben geflüchtete Familien. Foto: A. Klaer

Rundgang durch den „Kreml“: Auf dem Brauhausberg leben zurzeit nur wenige Flüchtlinge. Viele Flure sind verwaist. Doch das soll sich bald ändern.

Potsdam - Man könnte es für ein Symbol des Friedens halten. Aber es ist doch wohl eher ein schlichter Zufall: Wo früher gelehrt wurde, wie Krieg zu führen ist, sind heute Menschen untergebracht, die vor bewaffneten Auseinandersetzungen und Verfolgung geflohen sind. Schwerter zu Pflugscharen also? Auf dem Brauhausberg, hoch oben über den Dächern von Potsdam, residierte vor 100 Jahren die Preußische Kriegsschule. Jetzt sind in diesem riesigen Gebäude Flüchtlinge zu Hause. Seit dreieinhalb Monaten betreibt der Potsdamer Bezirksverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Auftrag der Stadt diese Flüchtlingsunterkunft.

Wer das Haupthaus auf dem Brauhausberg über den Hofeingang betritt, sieht ein großes Transparent über der Tür. „Welcome!“ steht darauf. Die Flüchtlinge sollen sich willkommen fühlen. Auf dem großen Hofgelände hinter dem Haus spielen an diesem sonnigen Nachmittag im April vier Kinder. Eine Pfütze hat ihr Interesse geweckt. Ein Junge, vielleicht vier Jahre alt, stapft durch den Minitümpel, juchzt laut und freut sich dabei offenbar so ausgelassen, wie sich wohl nur Kinder freuen können. Er scheint in diesem Moment höchsten Glücks alles andere ringsherum zu vergessen.

„Das Wasser kam manchmal in das Boot hinein“

Nicht vergessen kann hingegen Yama Alizay die Strapazen seiner Flucht aus Afghanistan. Der junge Mann wohnt mit seiner Familie hier im Flüchtlingsheim auf dem Brauhausberg. Mit seiner Frau und den beiden drei und zehn Jahre alten Kindern ist er vor dreieinhalb Monaten nach Deutschland geflohen: Zu Fuß, per Bus oder Boot – wie es eben gerade ging, sagt der 35-Jährige. Am dramatischsten dabei: Die Überfahrt mit dem Boot von der Türkei nach Griechenland. Mitten in der Nacht bei Wind und Wellen. „Das Wasser kam manchmal in das Boot hinein“, erinnert sich Alizay. Aus seinem Heimatdorf in Afghanistan wollte der Schiit mit seiner Familie weg. Zu gefährlich sei es dort gewesen. Die Taliban hätten die Bevölkerung terrorisiert.

In dem Haus auf dem Brauhausberg – von Potsdamern oft „Kreml“ genannt, weil hier einst die Bezirksleitung der SED saß – leben derzeit 66 Flüchtlinge, darunter 28 Kinder, sagt Heimleiter Andreas Wilczek. Es seien in dem Gebäude ausschließlich Familien untergebracht. Die Menschen stammen aus Syrien, Eritrea, dem Iran, Irak und Russland, berichtet Awo-Geschäftsführerin Angela Basekow. Für das leibliche Wohl der Flüchtlinge sorgte bis Ende vergangener Woche ein Caterer. Seit Montag können sich die Bewohner selbst etwas kochen. Denn in dem Gebäude, das bis vor gut zwei Jahren Sitz des Brandenburger Landtags war, gibt es jetzt eine große Küche, in der die Flüchtlinge ihre Speisen zubereiten können. Zu diesem Zweck wurden in den einstigen Beratungsraum der SPD-Landtagsfraktion 19 Herde eingebaut. Auch jede Menge Spülbecken sind installiert worden. Mit dem Wechsel vom Catering-Service zur Selbstversorgung haben die Flüchtlinge ein Stück Selbstständigkeit wiedererlangt. „Für die Familien ist es so schöner“, sagt Basekow.

66 Flüchtlinge im "Kreml"

Wer derzeit durch die langen Flure des „Kreml“ geht, trifft über weite Strecken keinen einzigen Menschen an. Denn die 66 Bewohner leben nur in einem kleinen Teil des Gebäudes, verteilt auf zwei Etagen. Doch etwa ab Ende Mai, spätestens Mitte Juni, werden voraussichtlich wesentlich mehr Flüchtlinge hier wohnen. Insgesamt soll es dann 470 Plätze geben. „Wir bereiten jetzt bauabschnittsweise die Zimmer vor“, sagt Wilczek. In vielen Räumen sind schon jetzt die noch nicht zusammengebauten Bettgestelle zu sehen. Die Flüchtlingsunterkunft wird sich – wenn in den nächsten Monaten die geplante Belegungszahl ungefähr erreicht sein wird – auf vier Etagen in dem so trutzburgartig wirkenden Gebäude erstrecken.

Doch wie können sich hier die Flüchtlinge die Zeit vertreiben? An diesem Nachmittag ist aus einem Zimmer Musik zu hören. Trommeltöne dringen durch eine Tür. Ein junger Mann schlägt mit seinen Fingern auf zwei kleine, mit Leder bespannte bauchige Trommeln, die auf einem Tisch stehen. Ein Zweiter spielt dazu auf dem Keyboard. Um die beiden herum sitzen weitere junge Männer, unter ihnen Yama Alizay, und klatschen im Rhythmus. Frauen sind nicht im Raum, aber ein paar Kinder.

Flüchtlingsunterkunft soll für drei, vier Jahre betrieben werden

Im Heim auf dem Berg kann man auch in einem Chor mitsingen. Sogar Instrumentalunterricht wird von Ehrenamtlern angeboten. „Musikstündchen Dienstag und Freitag 17 Uhr“ steht auf einem Plakat. Und natürlich gibt es Sprachunterricht. „Das ist das Wichtigste auf dem Weg zur Integration“, sagt Heimleiter Wilczek.

Für drei, höchstens vier Jahre soll die Flüchtlingsunterkunft betrieben werden. „Danach ist aber Schluss – das ist definitiv“, sagt Basekow. Auch wenn die Flüchtlingszahlen in Deutschland momentan rückläufig sind, werden die Plätze gebraucht, erklärt ein Stadtsprecher. Die Kommune hat das Gebäude angemietet – daher wolle man es natürlich auch entsprechend gut auslasten. Die Duschcontainer im Hof sollen spätestens im Juni verschwinden. Wilczek deutet auf eine Fläche gleich neben den Containern und sagt: „Ich freue mich schon auf den Spielplatz, der hier kommen soll.“

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