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  • 26.03.2016
  • von Henri Kramer

Potsdam fehlen Kita-Plätze: Lange Wege bis zur Kita

von Henri Kramer

In Potsdam werden dringend Kita-Plätze benötigt, vor allem im wachsenden Potsdamer Norden, in Potsdam-West und in der Innenstadt. Foto: dpa

In Potsdam leben knapp 600 Kinder mehr, als die Stadtverwaltung prognostiziert hat. Für die werden nun Kita- und Krippenplätze gesucht.

Potsdam - Schlechte Nachricht für junge Familien: Erstmals seit Jahren drohen in Potsdam massive Engpässe bei der Versorgung mit Krippen- und Kita-Plätzen. Damit besteht die Gefahr, dass das Jugendamt den Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung nicht mehr umsetzen kann und Eltern dagegen juristisch vorgehen. Hauptgrund für die Situation: Unter den Zuzügen des vergangenen Jahres waren Hunderte Kinder mehr als von der Stadtverwaltung prognostiziert. Nun fehlen nach PNN-Informationen besonders im Norden der Stadt, in Potsdam-West und im Zentrum Plätze für die Kinderbetreuung. Die Stadtverwaltung hofft, noch gegensteuern zu können.

Aufgefallen ist die Entwicklung Anfang des Monats im Statistikamt des Rathauses, wie Jugendamtsleiter Reinhold Tölke den PNN auf Anfrage sagte. Demnach leben in Potsdam derzeit 11 411 Kinder zwischen null und sechs Jahren – prognostiziert waren 581 Kinder weniger. Tölke erklärte, eigentlich sei die Stadt bereits von Maximalzahlen ausgegangen, selbst die Aufnahme von bisher 100 Flüchtlingskindern habe man berücksichtigt. Allerdings lasse sich die „aktuelle Lebenswelt nie passgenau vorhersagen”, so Tölke.

500 Kita-Plätze auf Reserve - und jetzt aufgebraucht

Für die 581 nicht prognostizierten Kinder, 85 Prozent sind zwischen drei und sechs Jahre alt, müssen Kita-Plätze bereitstehen. Doch die Stadt hat nur eine Reserve von 500 Plätzen, die jetzt mit einem Mal aufgebraucht ist. Daher hat das Jugendamt nach PNN-Informationen eine Woche nach Bekanntwerden der neuen Zahlen die in Potsdam für Kitas zuständigen privaten Träger um Hilfe gebeten. Tenor: Erstmals seit 2010 könne möglicherweise nicht für jedes Kind fristgemäß ein Betreuungsplatz zur Verfügung gestellt werden.

Offiziell betonte Tölke, man versuche durch verschiedene Maßnahmen, die unvorhergesehenen Bedarfe zu berücksichtigen – unter anderem den Bau neuer Kitas oder die Erweiterung bestehender Einrichtungen. Demnach würden bis Ende 2016 noch 423 Plätze zusätzlich zur Verfügung gestellt – knapp 200 davon sind allerdings Krippen- und nicht Kitaplätze, die dringender benötigt werden. Für 2017 seien zusätzlich 286 beziehungsweise 321 Krippen- und Kita-Plätze geplant. Ebenso prüfe man im Einzelfall, ob Tagesmütter die Kinder über das vollendete dritte Lebensjahr weiter betreuen könnten.

Potsdamer Norden und Potsdam-West unterversorgt

Ob in Potsdam ab Beginn des Kita-Jahres im September für jedes Kind ein Platz zur Verfügung steht, ließ Tölke offen. Zugleich prüfe seine Behörde, in welchen Stadtteilen besonders viele Plätze benötigt würden, machte der Jugendamtschef deutlich. Nach PNN-Informationen sollen besonders der schnell wachsende Potsdamer Norden sowie Potsdam-West und die Innenstadt unterversorgt sein. Unter anderem hat das Jugendamt demnach die Träger auch aufgefordert, für eine möglichst hohe Auslastung ihrer Einrichtungen zu sorgen.

In der Kommunalpolitik ist das Thema bisher nur im Jugendhilfeausschuss offiziell behandelt worden. In der Folge hat bereits der CDU/ANW-Fraktionschef Matthias Finken eine Kleine Anfrage an die Stadtverwaltung gestellt – um vor allem für den mit Kitas schon jetzt nicht vollversorgten Norden mehr Informationen zu erhalten. „Welche Fahrzeiten werden als zumutbar angesehen, um Kinder zur Kita zu bringen?“, fragt Finken. Bisher galt der Grundsatz, dass Kinder möglichst in der Nähe des Wohnorts eine Einrichtung finden sollten. Finken sagte, die Nachricht über die drohenden Engpässe habe ihn überrascht. Die Stadtverwaltung müsse schnell mit den Trägern zusammen eine Lösung finden.

Bislang gesicherte Betreuung für Potsdamer Kinder

Ob das klappt, ist unklar. Trägervertreter bemängelten gegenüber den PNN, dass die Stadt in den vergangenen Jahren die wirtschaftlichen Anreize für Investitionen in den Bau neuer Kitas deutlich gesenkt habe. Das wollte Tölke so nicht bestätigen. Schließlich würden auch weiterhin Kitas im Eigentum der Träger saniert, ausgebaut oder neu errichtet. Er fügte hinzu: „Die Reaktionen der freien Träger auf die Bedarfssituation sind von einem sehr engagierten Charakter geprägt.“ Bislang sei noch für jedes Potsdamer Kind „in enger Kooperation mit dem städtischen Platzservice Kita-Tipp und den freien Trägern“ die Betreuung gesichert worden. Allerdings hatte schon vor rund sechs Wochen eine junge Mutter aus der Teltower Vorstadt den PNN geschildert, wie sie fast ein Jahr lang erfolglos eine Krippe für ihren Sohn suchte – und schließlich einen Platz im mehrere Kilometer entfernten Wohngebiet Am Stern fand. Angesichts des Mangels könnte das nun vielen Familien drohen.

 

* In der ersten Version des Textes war der Name des Jugendamtsleiters falsch. Er heißt natürlich Reinhold statt Wilfried Tölke. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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