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Themenschwerpunkt:

Garnisonkirche

  • 18.03.2016
  • von Matthias-W. Engelke

Position zur Garnisonkirche: Statt der Garnisonkirche ein kopfüber stehender Turm

von Matthias-W. Engelke

Foto: privat

In einem Gastbeitrag fordert der Pfarrer und Vorsitzende der Friedensorganisation Internationaler Versöhnungsbund, Matthias-W. Engelke, eine Abkehr vom Wiederaufbau der Garnisonkirche - und hat einen provokanten Gegenvorschlag.

Versöhnung setzt voraus, Konflikte nicht zu scheuen, sonst haben wir Harmoniezwang. Es gilt, Tat und Person zu trennen, Schuld und Versagen eher sich selbst zuzuschreiben als andere damit zu verurteilen. Die biblische Erzählung von Jakob und Esau vermittelt, dass Versöhnung nicht möglich ist, ohne sich selber zu verändern. In der Botschaft von der Feindesliebe Gottes in und durch Jesus Christus ist es möglich, diese zu leben auch ohne die Angst vor dem Tod. Seine Auferstehung ereignet sich zwischen den Menschen, die nach seinem Maß leben. Versöhnung ist damit immer ein personales Geschehen, nicht organisier- oder institutionalisierbar.

Der „Ruf aus Potsdam“ spricht von der „Hinrichtung“ der Garnisonkirche. Ist das die richtige Wortwahl? Ich denke an diesem Ort eher an die Exekutierten seit Bestehen der Garnison. „Unter Gottes Wort“ seien „Zivilisten und Soldaten, Hofgesellschaft und Bürger“ versammelt. In Wirklichkeit saßen sie schön getrennt und der König führte die Gesamtaufsicht auch über seine Kirche unter anderem durch Predigtkritik und Bücherverbot. Das Nutzungskonzept von 2001 spricht von „Zukunftsenergien“. Wie können diese durch einen Bau freigesetzt werden? Es wird an Coventry erinnert, doch dort erinnert eine Ruine an den Krieg. Das Nutzungskonzept von 2005 verweist auf das Glockenspiel „Üb’ immer Treu und Redlichkeit“. Dabei wird übersehen, dass der Aufbau eines stehenden Heeres dem Frieden von Utrecht von 1713 widersprach, dem Preußen beitrat. Es war Völkerrechtsbruch. Das „sichere Wissen“, dass der Mensch „gerecht und Sünder zugleich“ sei, ist ohne Bezug auf Gott und Jesus – so wie es dort steht – ohne inhaltlichen Bezug und damit sinnlos. Die Diskontinuität, von der die Rede ist, spiegelt sich nicht im Plan für das Gesamtgebäude wider.

Der Wiederaufbau - ein geistlicher Missbrauch

Der Titel „Siehe ich mache alles neu“ stellt die Wiedererrichtung der Garnisonkirche in einen Zusammenhang mit der von Christen erhofften Vollendung der Welt durch Jesus. Das ist geistlicher Missbrauch und bleibt nicht folgenlos. Ich kann davor nur warnen. Laut Bischof Dröge wird durch die „Versöhnungsbotschaft“ ein „zutiefst christlicher Ort“ entstehen. Soll also etwas wie ein Tempel neu erstehen? Der Bischof spricht in einem Atemzug vom Ruf des Evangeliums wie dem „Ruf aus Potsdam“. Hier wird Gottes Wort instrumentalisiert. Das ist ein Ausdruck von Selbstermächtigung. Joachim Zehner weist zu Recht darauf hin, dass ein Erbe nicht weggesprengt werden kann. Aber ist Umkehr möglich, ohne von der Militäraffinität der Kirche abzurücken?

Der Slogan der Stiftug - theologischer Unsinn

Kirche ist die Gemeinschaft derer, die zu Jesus Christus gehören. Zwischen ihnen wird Jesus als der Auferstandene lebendig. Zwischen den auf Christus Getauften entsteht der Raum für Gottes neue Welt. Gebäude materialisieren die gegenwärtigen Begegnungs- und Bewegungsformen. Der Slogan in der Selbstdarstellung der Stiftung „Mit dem Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam schaffen wir … Raum für das Erinnern der wechselvollen Geschichte dieses Ortes, Raum für das Lernen aus dieser Geschichte und Raum für das Leben“ ist darum theologisch gesprochen Unsinn. Die Feier des Auferstanden beinhaltet das Zeugnis für den Auferstandenen Jesus Christus in unserem Reden und Leben zumindest durch freiwillige Armut, ein Leben in Gemeinschaft und Gewaltfreiheit.

Das Gebäude selbst vermittelt die Botschaft, dass Menschen getrennt werden (Soldaten und Bürger), Aufsicht geübt wird, statt an der Fußwaschung Jesus ein Beispiel zu nehmen. Im Zentrum aber steht die Gruft. Warum sollen sich Christen um eine Gruft versammeln? Die Frauen, die die Grablege Jesu suchten, bekamen zu hören: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten“ (Lukas 24,5f).

Versuch eines nationalistisch gesinnten Wiederaufbaus 

Die Dreiheit von Altar, Kanzel und Gruft ist ohne die Armut Jesu, von dem bezeugt wird „ich habe keinen Platz, wo ich mein Haupt hinlegen kann“ (Matthäus 8,20); ohne die Gewaltfreiheit Jesu, der verheißt „Selig sind die, die keine Gewalt anwenden“ (Matthäus 5,5) und ohne die Gemeinschaftlichkeit Jesu, die keine Zwangsgemeinschaft (Wehrzwang) verträgt.

Mein Respekt gehört denen, die dem Versuch eines nationalistisch gesinnten Wiederaufbaus der Garnisonkirche widerstanden haben. Es ist nachvollziehbar, sich damit auseinanderzusetzten, wie die „Leerstelle“ gefüllt wird. Aber ist daraus inzwischen ein Selbstläufer geworden?

Mit meinem Vorschlag möchte ich Horizonte eröffnen, das Gleiche lernen, neu zu sehen. Ich schlage vor: Baut den Turm, als Zeichen der Umkehr, kopfüber. Wenn das nicht geht, dann als liegender Turm, wie alle Soldaten, die ihr Leben im Krieg beenden müssen und „Gefallene“ genannt werden. Im Turm dienen Ausstellungen dazu, die Wirklichkeit des Krieges ungeschönt darzustellen, von den Verletzungen bis hin zu den Bordellen für die Soldaten.

Auf dem Gelände – so mein Vorschlag – entsteht eine Dauerbaustelle: Alle zehn Jahre werden in einem internationalen Wettbewerb Entwürfe prämiert, wie an dieser Stelle mit dem Erbe umzugehen sei. Holografien machen die Entwürfe erlebbar. Die Evangelische Kirche in Deutschland kann der Welt mehr schenken als die Wiederherstellung des Berliner Domes, der Frauenkirche zu Dresden und die Wiedererrichtung der Militärkirche zu Potsdam.

 


Der Autor ist evangelischer Pfarrer und Vorsitzender der Friedensorganisation Internationaler Versöhnungsbund. Der Text ist eine Kurzfassung seiner Rede, die er am Dienstag in der Französischen Kirche bei der Veranstaltung der Initiative „Christen ohne Garnisonkirche“ gehalten hat.

 

 

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