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  • 14.03.2016
  • von Henri Kramer

Missbrauchsverdacht in Potsdam: Ein Grundschüler unter Verdacht

von Henri Kramer

Ein Siebenjähriger soll in Potsdam seine Schulkameraden genötigt haben. Foto (Symbolbild): dpa

Ein Viertklässler soll sexuelle Handlungen an Mitschülern begangen haben. Er musste die Schule verlassen.

Potsdam - Eltern in Sorge, Erzieher und Lehrer unter Druck und ein Kind unter Verdacht: Ein Viertklässler musste Anfang des Jahres seine Potsdamer Grundschule verlassen. Gegen ihn waren schwere Vorwürfe erhoben worden: Nach PNN-Recherchen bestand der Verdacht, dass der als verhaltensauffällig geltende Junge sexuelle Handlungen an jüngeren Mitschülern gegen deren Willen vorgenommen haben soll. Inzwischen relativieren Behörden und Schule die Vorfälle. Zum Schutz der betroffenen Kinder wird an dieser Stelle auf die namentliche Nennung der Schule und des Hortes verzichtet - alle Eltern der Schule sind von der Schulleitung informiert worden.

Ein Siebenjähriger soll seine Schulkameraden genötigt haben

Die Geschichte begann Mitte November vergangenen Jahres. Wie Stadt und Bildungsministerium jetzt auf PNN-Anfrage erklärten, soll es damals im Hort zu „sexuellen Handlungen unter Kindern“ gekommen sein. Sofort sei mit den betroffenen Eltern gesprochen, über das Jugendamt eine Kinderschutz-Expertin eingeschaltet und Hilfsangebote unterbreitet worden, sagte der Sprecher des Bildungsministeriums, Florian Engels. Stadtsprecher Jan Brunzlow ergänzte, auf Wunsch der Eltern und zum Schutz der Kinder sei der Fall zunächst diskret behandelt worden. Konkret soll der Viertklässler mit anderen Jungen entdeckt worden sein, als diese mit heruntergelassener Hose vor ihm standen.

Mitte Januar wurden schließlich neue Vorwürfe gegen den Jungen erhoben – von Eltern, deren Kind ihnen von einem anderen Vorfall erzählt hatte, der sich ebenfalls im November zugetragen haben soll. Diese Eltern zeigten bei der Polizei nach PNN-Informationen an, dass ihr sieben Jahre alter Sohn durch den etwa drei bis vier Jahre älteren Grundschüler in ein Zimmer gelockt worden sein soll, „in dem er an sich selbst sexuell manipulieren sollte“, wie Ermittler damals berichteten. Es habe mehrere sexuelle Übergriffe des Jungen gegeben. „Wehrten sich die Jüngeren, bedrohte er sie“, hieß es in einem vorläufigen Bericht der Ermittler kurz nach der Strafanzeige.

Der Junge musste die Schule verlassen, Ermittlungen laufen

Am 21. Januar informierte jedenfalls die Schulleitung alle Eltern in Kurzform schriftlich, dass es im Hort durch einen Schüler gegenüber anderen Schülern „zu übergriffigen Vorfällen und Bedrohungen“ gekommen sei. Alle zuständigen Behörden seien informiert, für Betroffene stünden Hilfsangebote zur Verfügung. Der Junge musste die Schule verlassen. Die Polizei bestätigte ein laufendes Ermittlungsverfahren, auch etwaige Verletzungen der Sorgfaltspflicht würden geprüft.

Danach beschäftigten sich verschiedene Schul- und Hortgremien mit dem Fall, auch um Fragen der Eltern zu beantworten und Lehren zu ziehen. Im Protokoll einer Sitzung des Hortausschusses vom 9. Februar heißt es etwa, zum Vorschein gekommene Mängel bei der Aufsichtspflicht sollten „angemessen behoben werden“. Anwesend bei der Sitzung waren Elternvertreter und die Hortleitung. Diese räumte ein, die Kommunikation zwischen Hort und Schule – auch an Letzterer hatten Eltern Kritik geübt – müsse verbessert werden. So sei der Hort von der Grundschule im Vorfeld nicht über die Verhaltensauffälligkeit des Schülers informiert gewesen. In der Sitzung räumt die Hortleiterin auch ein, dass sie die Eltern besser schon nach dem ersten Vorfall im November hätte informieren sollen. Allerdings habe man schon damals einen Plan erarbeitet, wie mit dem „übergriffigen Kind umgegangen werden soll“, wie es in dem Protokoll heißt. So hätten sich Erzieher mit Walkie-Talkies verständigt, um zu gewährleisten, „dass besagtes Kind sich nicht unbeaufsichtigt im Hort aufhalten konnte“. Der Junge soll auch wegen aggressiven Verhaltens auffällig gewesen sein. Eltern berichteten den PNN in den vergangenen Tagen auch von massiveren sexuellen Belästigungen durch den Jungen, von denen sie – wohlgemerkt – aber nur gehört hätten.

Wie lief die Kommunikation zwischen Schule und Hort?

Eine massive sexuelle Belästigung bestätigten Stadt und Ministerium ausdrücklich nicht, die Schilderungen klingen nun weniger drastisch. So teilte die Schulleitung den Eltern am vergangenen Freitag per E-Mail mit – die PNN-Recherchen zu dem Fall liefen seit Montag letzter Woche –, es habe sich um „Vorfälle von sexuellen Handlungen unter Kindern“ gehandelt. So drückten sich auch Stadt und Schulamt auf PNN-Anfrage aus. Von Nötigung ist also keine Rede mehr, eher von sogenannten Doktorspielen. In dem Schreiben der Schule heißt es weiter, nach Bekanntwerden des zweiten Vorfalls habe man das Schulamt informiert. „Aufgrund der schweren Vorwürfe einiger Eltern gegen ein bestimmtes Kind“ hätten sich dessen Eltern entschlossen, den Viertklässler aus dem Hort zu nehmen. Vom Träger des Hortes hieß es hinter vorgehaltener Hand, nach Bekanntwerden der Vorfälle hätten manche Eltern geradezu darauf gedrängt, den beschuldigten Jungen sehen zu wollen – ein normales Arbeiten sei nicht mehr möglich gewesen. In der Stellungnahme der Schule heißt es weiter, das Schulamt habe in der Folge und „zum Schutz aller Beteiligten“ das Kind vom Unterricht freigestellt – nach PNN-Informationen gab es gegen dieses Vorgehen Bedenken im Jugendamt. In dem Elternbrief heißt es weiter, im Einvernehmen mit dessen Eltern werde der Junge nun anderswo beschult.

Stadt und Ministerium wiederum erklärten, Schule und Hort hätten sofort gehandelt: „Die Stellen, die zu informieren waren, sind informiert worden, Hilfe wurde angeboten und auch in Anspruch genommen.“ Es sei „professionell und angemessen“ zum Wohl der Kinder reagiert worden. Allerdings seien die Kommunikationsformen und -wege „nicht immer klar und abgestimmt gewesen“, sagte Ministeriumssprecher Engels. Mit solchen Problemlagen müsse transparent umgegangen werden. Die Schule kündigte Präventionsangebote für Kinder, Eltern, Lehrer und Erzieher an. Stadtsprecher Brunzlow sagte, es würden nun „Familienbildungen zur sexuellen Entwicklung von Kindern“ angeboten. Zudem werde ein Weiterbildungsangebot erarbeitet – unter dem Titel „Gelingende Kommunikation zwischen Jugendeinrichtungen und Schule“. Die Schule wiederum betonte im Elternbrief, man stehe weiter zur Aufgabe, auch verhaltensauffälligen Kindern die Chance auf Unterricht zu geben.

Der Junge, der in Verdacht geriet, besucht nach PNN-Informationen nun eine Förderschule.

 

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Der Fall zeigt, was passiert, wenn in Bildungseinrichtungen zu wenig Personal und kein Plan vorhanden ist, wie mit kritischen Situationen umgegangen werden muss. Ein Kommentar >>

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