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  • 27.02.2016
  • von Stefan Engelbrecht

Flüchtlinge in Potsdam: 100 Prozent traumatisiert

von Stefan Engelbrecht

Ein langer Weg. Laut einer Awo-Studie benötigen die meisten Flüchtlinge mehr Unterstützung. Dazu gehören auch – wie im Bild – Willkommensfeste. Foto: J. Bergmann

Schwierig organisiert: Die Arbeiterwohlfahrt sieht Handlungsbedarf in der Flüchtlingsarbeit – und fordert eine bessere medizinische und psychosoziale Betreuung der untergebrachten Flüchtlinge in Potsdam und Umgebung.

Potsdam - Zu wenig, zu langsam, zu bürokratisch. Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) hat der Flüchtlingsarbeit in Brandenburg ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Wie aus einer Studie im Auftrag des Awo-Bezirksverbandes Potsdam hervorgeht, ist die medizinische und psychosoziale Betreuung der Menschen in den Unterkünften in Potsdam und dem Havelland unzureichend, die Zusammenarbeit mit den Ämtern schwierig. Vor allem die Jugendämter sind nur schlecht erreichbar, Entscheidungen dauerten zu lange. Auch müssten sich zu wenige Sozialarbeiter in den Unterkünften um die Menschen kümmern.

Studie: Alle Flüchtlinge sind traumatisiert 

Für die am gestrigen Freitag vorgestellte Studie wurden Mitarbeiter und Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften befragt. Die Gespräche mit Flüchtlingen, Heimleitern, Wachschützern, Sozialarbeitern und Koordinatoren für Flüchtlingsfragen ergab, dass 100 Prozent der Geflüchteten, die zumeist aus Kriegsgebieten wie Syrien oder dem Irak flohen, traumatisiert sind. Nicht jeder entwickle aber eine Störung, sagte die Sozialwissenschaftlerin Nicole Nowarra. Allerdings hätten 70 Prozent der Menschen Albträume oder sogenannte Flashbacks, in denen Erinnerungen an die schrecklichen Erlebnisse wieder hochkommen. Rund 50 Prozent der Flüchtlinge entwickelten posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen. Eine Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften sei da sicher nicht hilfreich, sagte sie.

Zwar sei es zunächst wichtig für die Betroffenen, in Sicherheit zu sein, so Nowarra. Langfristig müsse ihnen aber die Selbstbestimmung zurückgegeben werden. „Die Menschen hatten bislang ihr Leben selbst in der Hand. Jetzt werden sie zu verwalteten Flüchtlingen.“ Die Traumata könnten sich dadurch verstärken. Sie müssten daher schnell erkannt und die Betroffenen aus den Gemeinschaftsunterkünften herausgeholt werden. Dazu benötige es aber mehr Mitarbeiter in den Einrichtungen.

Awo-Geschäftsführerin Angela Basekow zufolge ist die Studie, die von der Awo bei dem Entwicklungshilfe-Verein Health Focus in Auftrag gegeben und von der Aktion Mensch gefördert wurde, als „Schlaglicht“ zu verstehen. Alle Bereiche in der Flüchtlingsarbeit seien „schwierig organisiert“. Problematisch ist demnach auch die Zusammenarbeit mit den Verwaltungen, etwa beim Gesundheits- oder dem Jugendamt. Vor allem auf dem Land gebe es Ärzte, die Flüchtlinge ohne Begleitung eines Übersetzers nicht mehr behandelten. Das Jugendamt wiederum sei teils für die Träger der Unterkünfte nicht erreichbar, es gebe keine verbindlichen Informationen.

Keine Antworten vom Jugendamt

Stadtsprecher Stefan Schulz wies dies zumindest für Potsdam zurück. Die Stadt arbeite bei der Betreuung unbegleiteter Jugendlicher mit der Gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung Brandenburger Kinder und Jugendlicher (GfB) gut zusammen. Insgesamt würden in Potsdam 37 Jugendliche betreut. Die Vorstandschefin des Awo-Bezirksverbandes Potsdam, Gisela Marina Netzeband, kritisierte ebenfalls die Verwaltungen. „Das Jugendamt sollte das Thema endlich mal ernst nehmen“, sagte sie und bezog sich dabei vor allem auf ihre Erfahrungen als Geschäftsführerin einer Einrichtung in Berlin. Über Wochen bekomme man teils keine Antwort auf Anfragen.

Es sei nun wichtig, von der „Reaktion in die Aktion“ zu kommen und die hohe Zahl der Flüchtlinge auch angemessen zu betreuen, forderte Netzeband. Dazu seien aber deutlich mehr Investitionen des Bundes und des Landes Brandenburg notwendig. „Die Symptombehandlung muss ein Ende haben.“ Es kämen schließlich nicht nur Probleme oder Arbeitskräfte, sondern Menschen. „Und Zwangspsychiatrieeinweisungen sind viel teurer.“

Neue Schulden in Brandenburg? 

Die SPD-Landtagsabgeordnete Sylvia Lehmann stimmte den Schlussfolgerungen aus der Studie grundsätzlich zu und schloss nicht aus, dass das Land und der Bund für eine bessere Betreuung möglicherweise neue Schulden aufnehmen müssen. „Welchen Sinn macht da die Schuldenbremse?“, fragte sie. Sie verwies zugleich darauf, dass die rot-rote Landesregierung den Betreuungsschlüssel von einem Sozialarbeiter auf 80 Asylbewerber abgesenkt habe. Zuvor wurden 120 Flüchtlinge von einem Mitarbeiter der Träger betreut. In Potsdam gilt hingegen ein Betreuungsschlüssel von eins zu 60.

Für die Studie wurden Mitarbeiter und Bewohner von sechs Unterkünften befragt, darunter ein Containerdorf und eine Notunterkunft in einer Feuerwehrhalle. Die Einrichtungen haben zwischen 75 und 220 Bewohner, vier davon liegen in Potsdam. Die Awo will nun weitere Studien in Auftrag geben, um die Situation der Flüchtlinge gründlicher zu erfassen.

 

 


 

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