31.07.2016, 22°C
  • 26.02.2016
  • von Steffi Pyanoe

Info-Veranstaltung: „Sterben in Potsdam“: „Wenn die Schlacht geschlagen ist“

von Steffi Pyanoe

Ein berührender Film, der teilweise auch im Bergmann-Klinikum gedreht wurde: Steffi Kühnert und Milan Peschel in "Halt auf freier Strecke" von Andreas Dresen. Foto: Andreas Dresen/Rommel Film

Über den Tod spricht man nicht gern. „Sterben in Potsdam“ heißt jetzt eine Infoveranstaltung zu dem schwierigen Thema.

Potsdam - Es ist erst wenige Jahre her, da bekam ein Arzt für einen Hausbesuch bei einem im Sterben liegenden Patienten 8,50 Euro. Dafür, dass er sich den Patienten anschaute, untersuchte, vielleicht anders lagerte, die Medikamente neu einstellte, sich Zeit nahm, mit den Angehörigen zu sprechen. Das ganze Programm eben.

Das ist Gott sei Dank vorbei, sagt Georg Maschmeyer, Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Klinikum „Ernst von Bergmann“ und Teilnehmer der heutigen Infoveranstaltung „Sterben in Potsdam“ in der Wilhelmgalerie. Seit der Gesundheitsreform ist für die Betreuung Sterbender mehr Geld da, sagt er, bundesweit geregelt in einer Vereinbarung mit den Krankenkassen zur Palliativpflege SAPV, spezialisierte ambulante Palliativ-Versorgung. Vieles habe sich beim Thema Sterbebegleitung in den vergangenen Jahren geändert. Auch, weil Ärzte und Pflegepersonal gespürt haben, dass eine adäquate Palliativpflege mit ihren beruflichen Idealen endlich zu vereinbaren ist.

Film über sterbenden Familienvater auch im Bergmann-Klinikum gedreht

Weil es aber noch zu viele Wissenslücken bei Betroffenen, Patienten, Angehörigen als auch medizinischem Personal gibt, findet Maschmeyer Veranstaltungen dazu so wichtig. Am heutigen Freitag wird er an einem Podiumsgespräch teilnehmen. Mit dabei ist auch der Potsdamer Filmemacher Andreas Dresen. Dessen Drama „Halt auf freier Strecke“ über das Sterben eines Familienvaters war teilweise mit echten Ärzten anstelle von Schauspielern im Bergmann-Klinikum gedreht worden. Im Anschluss an die Diskussion wird der Film gezeigt.

Freitag und Samstag präsentieren sich außerdem entsprechende Institutionen, Vereine, Verbände, Ehrenamtler als auch Unternehmen – ein niedrigschwelliges Angebot, um sich zu informieren, ins Gespräch zu kommen, Missverständnisse zu klären. Zum Beispiel dieses: dass auf der Palliativstation gestorben wird. So ist es eben genau nicht gedacht. Nur wenige sterben auf der Palliativstation, die meisten verlassen sie wieder. „Zu uns kommen die Menschen, wenn sie völlig am Ende sind. Kaputt von der Krankheit, der Therapie, dem Wissen, dass es zu Ende geht. Aber wenn sie erst mal schmerzfrei sind, sauber und ausgeruht, dann kann man wieder in Ruhe reden – über Wünsche und Vorstellungen für die letzte Zeit. Ob es zurück in die häusliche Pflege geht, in ein Heim oder ins Hospiz“, sagt Maschmeyer.

Zeit - auch für Angehörige

Die Klinik für Palliativmedizin wurde 2008 am Bergmann-Klinikum eingerichtet. Der Unterschied beispielsweise zur Onkologie besteht darin, dass hier Personal und Ausstattung explizit auf die besondere Klientel eingestellt sind. Die lindernde Medizin löst die zu oft auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtete Höchstleistungsmedizin ab, sagt Maschmeyer. Auf der Palliativstation ist auch Zeit, sich um Angehörige zu kümmern. Häufig schauen sich Patienten anderer Stationen hier schon mal um. Wollen sich informieren, wie es weitergeht, „wenn die Schlacht geschlagen ist“, sagt Maschmeyer.

In Potsdam sei man insgesamt gut aufgestellt, was die Möglichkeiten zur Betreuung Sterbender betrifft. Ein wichtiger Baustein ist das Netzwerk Palliativpflege, das die Pflege und medizinische Betreuung zu Hause organisiert. „Aber nicht jeder hat ein Zuhause“, sagt Maschmeyer, oft ist auch die Familie schlicht überfordert. Deshalb sei es gut, dass Potsdam vor wenigen Jahren das Hospiz auf Hermannswerder bekam. Das allerdings immer belegt ist. „Es gibt Wartelisten“, sagt der Arzt. Das ist einer seiner Wünsche, dass dort die Plätze aufgestockt werden.

Das letzte Stück des Weges erleichtern

Weiterhin ist wichtig, dass mehr über das Thema gesprochen wird, zum Beispiel in den Familien. Ein wichtiger Schritt sind dabei öffentliche Veranstaltungen wie die heutige, bei denen jeder ohne Anmeldung einfach mal vorbeischauen kann. Und dabei vielleicht feststellt, dass es weder langweilig noch schrecklich ist, darüber zu sprechen. Letztlich geht es immer darum, Betroffenen und ihren Angehörigen das letzte Stück des Weges zu erleichtern. Und nur im Gespräch miteinander kann man letztlich herausbekommen, was dem einzelnen Sterbenden gut tut. „Es ist in der Regel anmaßend zu meinen, man wüsste da genau Bescheid. Auch wenn es eine Patientenverfügung gibt. Wenn es akut zu Ende geht, ändert sich oft die Wahrnehmung und Sichtweise.“ Für ihn persönlich sei das ein tröstlicher Gedanke. Darum stehe er dem Thema Sterbehilfe auch kritisch gegenüber.


Lesen Sie weiter:

Weihnachten auf einer „Sterbestation“ ist keine schöne Vorstellung. Nach Möglichkeit werden die Patienten über die Tage nach Hause geschickt. Doch das ist nicht immer möglich. Eine Reportage >>

 


 

Hintergrund:

Am heutigen Freitag und Samstag von 13 bis 18.30 Uhr sind die Infostände in der Wilhelmgalerie besetzt. Mit dabei die Björn-Schulz-Stiftung, die Landesarbeitsgemeinschaft Onkologische Versorgung, die Brandenburger Krebsgesellschaft, der Pflegestützpunkt Potsdam, die Klinikclowns, die AOK, das Hospiz Hermannswerder und die Charta Berlin zur Betreuung Schwerstkranker und Sterbender. Es finden Lesungen von Carsten Wist und Lothar Krone statt. Zumheutigen Podiumsgespräch um 19 Uhr sind der Palliativmediziner Georg Maschmeyer, Filmemacher Andreas Dresen, Mitarbeiter eines Bestattungsinstituts, des Hospizes und der Charta Berlin eingeladen. Ab 21 Uhr wird der Dresen-Film „Halt auf freier Strecke“ gezeigt. Am Samstag ab 19 Uhr diskutieren unter anderem Hausärztin Hanna-Luise Zscherpel, Mitarbeiter Potsdamer Pflegedienste und Seelsorger. Um 21 Uhr wird der israelisch-deutsche Spielfilm „Am Ende ein Fest“gezeigt. Der Eintritt ist frei.

Social Media

Umfrage

Lösung für die defizitäre Tropenhalle gesucht: Soll das Naturkundemuseum in die Biosphäre ziehen? Stimmen Sie ab!