24.05.2016, 25°C
  • 22.02.2016
  • von Holger Catenhusen

Flüchtlinge in Potsdam: Therapie mit Pinsel

von Holger Catenhusen

Unter Beschuss. Krieg, wie ein Junge aus Syrien ihn erlebt und jetzt gemalt hat.

Sie malen Panzer, Bomben, Tote. Und verarbeiten so vielleicht den Krieg. Wie Kamera-Professor Hans Hattop Kindern in der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge hilft.

Auf dieser Zeichnung herrscht Krieg. Nackte, todbringende Gewalt. Rechts im Bild ist ein brennendes Haus zu sehen. Von einem Panzer wird es soeben beschossen. Daneben liegt ein Mensch. Und am Himmel nähert sich ein Kampfflugzeug. Ein Pfeil auf dem Bild zeigt an, welchen Weg die Rakete nimmt, die der Jet offenbar gerade abfeuert. Von einer Sekunde auf die andere ist das Haus zum Objekt des Krieges geworden.

Die Zeichnung erinnert ganz und gar nicht an ein typisches Kinderbild. Keine bunten Blumen, keine lachende Sonne. Und doch hat dieses Bild ein kleiner Junge gemalt – gemeinsam mit seinem Vater. Entstanden ist die Zeichnung in der Potsdamer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge an der Heinrich-Mann-Allee. Der Junge ist vielleicht knapp zehn Jahre alt. Er stammt aus Syrien.

„Wem das Herz schwer ist, der versucht, das in Bilder zu fassen, was ihn bedrückt“, sagt Hans Hattop. Gemeinsam mit seiner Frau ist der 74-Jährige an diesem Samstag – wie an so vielen Tagen in den vergangenen Monaten – in die Flüchtlingsunterkunft in der Teltower Vorstadt gekommen, um den geflüchteten Menschen ein wenig Zerstreuung zu bieten. Ehefrau Karola Hattop hilft im Essenszelt bei der Ausgabe der Speisen mit. Ihr Mann malt derweil mit den Flüchtlingskindern. Zahlreiche Bilder, die hier entstanden sind, hängen bereits an einer Wand des Zeltes. Die Menschen, die in der Unterkunft leben, seien oft deprimiert, sagt Hans Hattop. „Deshalb habe ich mich entschlossen, mit ihnen zu malen.“ Meistens seien es Kinder, manchmal aber auch Eltern, mit denen er male.

An diesem Samstag ist Hattop im Essenszelt mitten zwischen den Kindern und geht von Tisch zu Tisch. Immer wieder kommen die Kleinen auch zu ihm, um etwas zu fragen. Für ein paar Stunden schenkt Hattop den Kindern so mit Wasserfarben und Papier Freude. „Nennen wir es eine Maltherapie“, sagt der 74-Jährige, der als Kamera-Professor einige Jahre das Amt des Vizepräsidenten der Babelsberger Filmhochschule innehatte. An der Wand mit den vielen Kinderzeichnungen im Zelt hängen auch Bilder, die Hattop selbst gemalt hat. Auf einer Zeichnung ist das Porträt eines Mädchens zu sehen. Es ist ein Flüchtlingskind aus Syrien. Direkt neben Hattops Bild hängt eine Wasserfarben-Zeichnung, die von dem porträtierten Kind selbst stammt. Darauf zu sehen ist wiederum ein Mädchen – die Freundin der Zeichnerin. Ganz auffällig an dem Gesicht: Das rechte Auge wird von einem schwarzen Rechteck überdeckt. Den traurigen Hintergrund dazu erläutert Hattop: Die Zeichnerin hat hier ihre Freundin gemalt, die im Krieg in Syrien am Auge verletzt wurde. Wo das verletzte Kind heute ist, weiß man nicht.

Auf einem Tisch im Essenszelt, gleich neben den malenden Kindern, steht eine Kiste. Darin liegen unzählige Fotos, auf denen Bewohner der Flüchtlingsunterkunft zu sehen sind. Mal sind es Gruppenbilder, ein andermal ist nur ein einzelner Mensch abgelichtet. Unter den Fotografierten: Der kleine syrische Junge, der das brennende Haus gemalt hat, das gerade beschossen wird. Auf dem Foto hält der Junge sein Bild vor die Brust, direkt in die Kamera. Andreas Höfer hat ihn fotografiert. Auch die anderen Fotos in der Kiste stammen von Höfer. Schon lange kennt er Hans Hattop. „Er hat mich seit der Aufnahmeprüfung 1985 begleitet“, sagt Höfer, der einst bei Hattop studiert hat. Später wurde Höfer als Kameramann von Regisseur Andreas Dresen bekannt.

Im vergangenen Herbst fragten die Hattops bei Höfer an, ob er nicht mithelfen könne in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge, erzählt Höfer. Das Ehepaar Hattop hatte sich da schon einige Zeit in der Heinrich-Mann-Allee ehrenamtlich engagiert und bei der Essenausgabe geholfen. Die Eheleute wollten nun aber in den Urlaub fahren und suchten Ersatz, berichtet Höfer. Der Kameramann sagte zu - und wurde mehr als eine Urlaubsvertretung. „Ich habe bis Weihnachten immer regelmäßig Frühstück ausgegeben.“ Seitdem ist seine Zeit dafür knapper geworden: „Mittlerweile komme ich nur noch einmal die Woche“, sagt Höfer. Als Kameramann hat er freilich auch einen Blick für gute Bilder. So bringt der 51-Jährige immer wieder seine Fotokamera mit und macht im Essenszelt Porträts und Gruppenbilder von den Flüchtlingen. Wenn er das nächste Mal wiederkommt, hat er die frischen Abzüge der Aufnahmen dabei. Und genau auf diesen Moment freuen sich die Fotografierten dann.

So wie am Samstag, als gerade drei Kinder und eine Frau die Bilder in der Kiste durchstöbern. „Schauen Sie, das ist das, was ich meine, wenn sie dann alle in den Fotos kramen und sich freuen, wenn sie sich finden“, sagt Höfer.

Einen kleinen Film hat Karola Hattop, von Beruf Regisseurin, mit den Kindern auch schon gedreht. Es geht dabei um ein afghanisches Märchen. Und bald wollen die Hattops Filme in der Erstaufnahmeeinrichtung vorführen, die speziell für die geflüchteten Menschen geeignet sind. Ein bisschen Bildung, ein wenig Ablenkung. „Den Leuten fällt hier die Decke auf den Kopf“, sagt Hans Hattop.

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