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  • 29.01.2016
  • von Katharina Wiechers

PNN-Serie zu Flüchtlingshelfern in Potsdam: So viel zu geben

von Katharina Wiechers

Foto: Johanna Bergmann

„Es gibt ein helles Deutschland, das sich leuchtend darstellt“, sagt Bundespräsident Joachim Gauck über die Helfer, die sich in diesen Tagen für Flüchtlinge einsetzen. Auch in Potsdam geben viele Freiwillige ihr Bestes. Wir stellen jede Woche ein Beispiel vor, aufgezeichnet von Katharina Wiechers. Heute: Gudrun Lehmann.

Im Januar 2015 kam in Werder eine syrische Großfamilie an. Sie wurden als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland geholt und bekamen vom Landkreis ein Haus gestellt. Schnell hat sich vor Ort ein kleines Netzwerk aus Helfern gegründet. Ein Bekannter hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass noch Unterstützer gesucht werden und so habe ich mich dort gemeldet. In dem Haus lebten anfangs zwölf Personen: sieben Kinder, der Vater, die Mutter sowie die Schwester des Vaters und zwei Cousins. Einer dieser Cousins ist der 24-jährige Amjad, für den ich sozusagen die Patenschaft übernommen habe. Ich versuche ihm bei alltäglichen Dingen, wie Behördengängen oder Einkäufen, zu helfen; wir sehen uns ungefähr einmal die Woche und kommunizieren auch per Mail oder Telefon. Mittlerweile ist er aus dem Haus ausgezogen und hat seine eigene kleine Einraumwohnung. Momentan arbeiten wir daran, dass Amjad studieren kann. Am liebsten würde er Ingenieur in der Flugzeugbranche werden, auf jeden Fall aber etwas im technischen Bereich.

Da ich selbst bei der Agentur für Arbeit tätig bin, weiß ich ganz gut, welche Schritte dafür nötig sind. Den Integrationskurs, den die Flüchtlinge als erstes in Deutschland absolvieren müssen, hat er schon erfolgreich abgeschlossen – seitdem können wir uns auch gut auf Deutsch unterhalten. Jetzt macht er einen praxisorientierten Sprachkurs, der aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanziert wird. Wenn er den beendet hat, werde ich ihm helfen, sich bei einer Hochschule oder vielleicht auch erstmal um eine Ausbildung zu bewerben. Amjad ist ein kluger, freundlicher junger Mann, der fleißig, zuverlässig und zielstrebig an seiner Zukunft arbeitet. Wir sprechen viel über die politische Situation in Deutschland oder zum Beispiel auch über Dinge wie die Übergriffe in Köln. Das hat ihn sehr verunsichert, er wusste nicht, ob er sich jetzt überhaupt noch frei bewegen kann als Syrer in Deutschland. Amjad stammt wie der Rest seiner Familie aus Homs, wo die Situation ja besonders schlimm ist. Seine Eltern und seine Schwester sind immer noch dort, er macht sich große Sorgen um sie. Sein Bruder galt lange Zeit als vermisst und die Familie hatte große Angst, dass er ums Leben gekommen ist. Nun wurde aber bekannt, dass er inhaftiert ist – von wem, scheint jedoch nicht ganz klar zu sein. Amjad ist sehr offen für unsere Kultur und das Leben in Deutschland. Und er engagiert sich auch für andere Flüchtlinge, hat mich zum Beispiel schon mehrmals in die Erstaufnahme in Ferch begleitet, wo ich in der Kleiderkammer helfe. Außerdem hat er einen kleinen Nebenjob in der Haushaltshilfe in Werder angenommen. Er möchte nicht länger als nötig auf staatliche finanzielle Hilfe angewiesen sein.

Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Patenschaft wie diese beziehungsweise die Einbindung gerade junger Flüchtlinge in eine Familie in Deutschland am besten geeignet sind, eine schnelle Integration zu erreichen. Für mich ist es selbstverständlich, Menschen zu helfen, die in Not sind. Wir haben doch so viel zu geben und auch abzugeben. Amjad hofft sehr, eines Tages in sein Land zurückkehren zu können. Er will helfen, es im Frieden wieder aufzubauen. Dafür will er die Chance nutzen, in Deutschland eine Ausbildung oder ein Studium zu beenden. Ich bin stolz, dass ich ihm dabei zur Seite stehen darf.

 

Heute berichtet Gudrun Lehmann, 59. Sie begleitet einen jungen Flüchtling auf dem Weg zu seinem Studium.

Sind Sie auch in der Flüchtlingshilfe aktiv oder kennen Sie jemanden, den wir hier vorstellen sollten? Schicken Sie uns eine E-Mail an potsdam@pnn.de

 

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