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  • 23.01.2016
  • von Alexander Fröhlich und Thorsten Metzner.

Interview mit Rainer Speer: „Brandenburg ist für den Weltenlauf nicht wichtig“

von Alexander Fröhlich und Thorsten Metzner.

Foto: Johanna Bergmann

Vom zweitmächtigsten Mann Brandenburgs zum Vorleser, Tischler und Afrika-Helfer: Ex-Minister Rainer Speer über sein Leben nach der Politik, den Umgang mit Schlagzeilen und die heißen Eisen Potsdams.

Herr Speer, man sieht Sie ja regelmäßig in Potsdam, aber nun haben Sie am Samstag in der Nikolaikirche Ihren ersten öffentlichen Auftritt seit Langem – mit einer Lesung. Wir sind überrascht.

Ich auch!

Sie starten eine neue Karriere als Künstler?

Nein, ein Freund von mir, mit dem ich Anfang der 1980er-Jahre in den Staatlichen Kulturhäusern in Potsdam zusammengearbeitet habe, ist der Veranstalter. Er lebt mit Soname Yangchen zusammen.

Eine weltberühmte Sängerin, mit ausverkauften Konzerten auf großen Bühnen, einst aus Tibet geflüchtet.

Ja, und über diese Freundschaft habe ich sie schon vor längerer Zeit kennengelernt. Wir haben auch schon zusammen gefeiert und gesungen. Vielleicht kam sie deshalb auf diese Idee, an mich die Bitte heranzutragen, aus ihrem Buch zu lesen. Ich war überrascht. Aber wie es manchmal so ist, da sagt man schnell zu. Und na ja, sagen wir es einmal so: Das ist eine Herausforderung.

Sie haben Lampenfieber?

Na klar, das ist ja ein normales Ding, selbst für erfahrene Schauspieler. Und ich hab so etwas noch nicht gemacht. Und schon gar nicht vor so einem großen Publikum. Ich habe zwar hier und da schon mal was gelesen, kleine Sachen, aber nicht vor so einem großen Publikum.

Wie viele Zuhörer erwarten Sie?

Keine Ahnung. Die Kirche kann ja voll sein, dann sind es ein paar hundert Leute.

Was verbindet Sie mit Tibet?

Zu DDR-Zeiten bin ich fast jeden Sommer mit dem Fahrrad nach Rumänien gefahren. Und irgendwann hatte ich einmal die Idee, dass ich unbedingt mal über den Himalaja fahren müsste. Damals habe ich meinen Freunden erzählt: Bevor ich 40 bin, fahre ich mit dem Fahrrad über den Himalaja. Es war ernst gemeint, aber natürlich illusorisch. Als sich dann die Gelegenheit nach 1990 bot, habe ich sie genutzt. Nicht gleich sofort, zu Anfang habe ich ja viel zu tun gehabt. Aber als ich die Möglichkeit hatte, einmal einen längeren Urlaub zu machen, 1997, ich war, glaube ich, Staatssekretär im Umweltministerium, habe ich mir die Zeit genommen. Ich bin, ähnlich wie es im Buch von Soname beschrieben ist, erstmal nach Katmandu, um zu gucken, wie man nach Tibet reinkommt und vor allem auch wieder rauskommt. Dann bin ich nach Lhasa geflogen, der Hauptstadt, und von dort nach Katmandu mit dem Fahrrad gefahren. Das ist meine Verbindung zu Tibet, neben dem, was man als politisch interessierter Mensch mitkriegt.

Was werden Sie genau lesen?

Aus dem neuen, dem zweiten Buch von Soname Yangchen. Sie beschreibt darin die Geschichte, wie sie in Europa angekommen ist und wieder in ihre Heimat gefahren ist. Das Buch hat dieses Bipolare, Tibet und Europa. Es nimmt Bezug auf den Mauerfall, auf die neu erworbenen Freiheiten, die man hier ja auch im Osten Deutschlands hat. Sie erzählt ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen, als ehemalige Tibeterin hier in Deutschland und Europa zu leben. Das ist auch ein bisschen aktuell aufgrund der der aktuellen Situation in Deutschland.

Soname Yangchen hat als Flüchtling hier eine neue Heimat gefunden. Ist die Lesung auch ein politisches Statement?

Das ist an mich die falsche Frage. Ich lese aus freundschaftlicher Verbundenheit mit Soname. Was das Buch bewirken soll, das kann sie nur selbst sagen. Sie hat ja, auch etwas überhöht, den Beinamen „Stimme Tibets“. Den mag sie selbst nicht so sehr. Es ist auch ein sehr persönliches Buch. Ich werde daraus auch ein Stück vortragen über ihren Weg zum Buddhismus und zur Meditation.

Sind Sie tiefenentspannt?

Ja. Warum auch nicht (lacht)?

Sie waren einmal der zweitmächtigste Mann Brandenburgs, Staatssekretär, Staatskanzleichef, Finanzminister, Innenminister. Dann kam der Sturz. Sind Sie in ein tiefes Loch gefallen?

Ich hatte immer ein Grundprinzip: Man muss eine Vorstellung haben, was nach der Politik kommt, um dann nicht in ein Loch zu fallen, oder andersherum betrachtet, um ein bisschen freier zu sein, um nicht an dem Job kleben zu müssen. Das hat geholfen.

Sie sagten immer, Sie wollten irgendwann eine Kneipe aufmachen. Wo bleibt die?

Die Kneipe ist nicht gekommen, weil es Alternativen gab, die ich jetzt lebe. Und eine Kneipe, meine Frau hat mal eine gemacht – ich weiß, was das für ein Job ist: Man hat mitunter Gäste, die man gar nicht haben will. Und Leute zu bedienen, gerade hier in Potsdam, die ich nicht sehen will, würde mir sehr schwerfallen.

Was haben Sie gemacht in den letzten Jahren, was machen Sie jetzt?

Ach, viel, ich kümmere mich um ein paar Sachen, die ehrenamtlichen Charakter haben, wie ums Brandenburger Haus in Tirol. Dort gehen wir auch dieses Jahr im Frühjahr wieder hoch.

Wer ist dabei?

Wir, das ist der Deutsche Alpenverein, also Freunde, die nennen sich die Brandenburger, da bin ich der einzige Brandenburger, der Rest sind Berliner und ein Saarländer ist auch dabei. Das Haus ist 1909 von der Sektion Brandenburg des Alpenvereins errichtet worden. Mit den Leuten bin ich befreundet, das ist eine gute Truppe, wir gehen einmal im Jahr hoch und reparieren. Wir erhalten die Hütte am Leben. Da ist viel zu tun, sonst würde das Ding irgendwann geschlossen werden müssen. Dann habe ich auch mein Engagement in Tansania.

Sie waren dort als ehrenamtlicher Entwicklungshelfer.

Ja, darüber ist ja auch öffentlich berichtet worden. Ich werde dieses Jahr auch wieder hinfahren. Da ist auch eine Beziehung gewachsen. Ich habe dort sieben Monate ein Boot gebaut, dabei ein paar Leute ausgebildet im Tischlern, als Möglichkeit, dass sie sich neben dem Fischen eine Existenz aufbauen. Für die Selbstversorgung, und damit vielleicht sogar noch ein bisschen übrig bleibt.

Und sie sich nicht auf den Weg nach Deutschland machen?

... und sie sich nicht auf den Weg nach Deutschland machen. Aber das war nicht meine Leitschnur. Ich wollte zeigen, dass man mit wenigen Mitteln gute Sachen herstellen kann. Es gibt da auch Tischlerausbildungen durch westliche Organisationen, da gehen die drei Jahre hin. Sie lernen Holzbiegen und die Bedienung von CNC-Maschinen. Und in ihrem ganzen Leben danach werden sie nie wieder Holz biegen und nie an CNC-Maschinen arbeiten. Dabei kann man schon mit Stechbeitel, Säge und Hobel vieles Nützliche herstellen.

Zum Beispiel Möbel, wie der Tischler im Nebenerwerb?

Die Hälfte meiner Zeit arbeite ich in meiner Werkstatt am Oderbruch: Drechseln, Schnitzen, Möbel in Handarbeit. Sie haben gefragt, was ich gemacht habe: Dann hatte ich noch hier und da mal einen Auftrag als Consultant, wie es Neudeutsch heißt.

Und davon kann man leben?

Ich krieg ja eine Pension, nicht so viel, wie manch Journalist glaubt.

Das sollen um die 3000 Euro sein.

Nicht so viel wie manch Journalist glaubt. Ich war ja nur kurz Beamter. Ich kann davon leben, ohne Frage. Aber mit den Verpflichtungen, die man so hat, ist es dann doch an der Grenze (lacht).

Herr Speer, haben Sie eigentlich manchmal Entzugserscheinungen nach der Politik, nach dem verlorenen Einfluss?

Nö!

Andere haben die.

Mag sein.

Nach Ihrem Rücktritt wurde vieles von dem in Brandenburg, was Sie angeschoben haben, korrigiert. Vom Personalabbau, von der Polizeireform ist nichts mehr übrig. Wie sehen Sie das?

Es gibt Grundsätze. Einer ist, dass man die Arbeit seiner Nachfolger nicht zensiert. Und an den halte ich mich.

Sie sagen uns nicht, was Sie stört?

Doch, aber das hat nichts mit Brandenburg zu tun. Ich verfolge die politische Wetterkarte mehr über das Land hinaus. Brandenburg, mit Verlaub, steht nicht im Mittelpunkt meines Interesses. Es ist eine mittelgroße Gebietskörperschaft in der Bundesrepublik Deutschland, wie andere auch, die sich vielleicht wichtig nehmen, aber für den Weltenlauf nicht wichtig sind. Ob 1000 Polizisten mehr vom Steuerzahler finanziert werden, ändert an der Weltlage nichts, und an der Sicherheitslage auch nichts, auch wenn manche sich das einbilden.

Da spricht ja immer noch der „letzte Liberale“, wie der „Spiegel“ Sie als Innenminister einmal titulierte?

Der letzte Liberale, ja, das genau ist der Punkt, auf den ich zusteuern wollte. Die Diskussion momentan in Deutschland beunruhigt mich, Auslöser Köln, und der Zuzug vieler, wo vermutet wird, dass ganz viele IS-Kämpfer unter den übers Meer Gekommenen sind und im Untergrund nun den Umsturz, das Chaos, vorbereiten. Man sollte das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber wie das instrumentalisiert wird, um Totalüberwachung – ein falsches Wort, aber ich benutze es für die Zuspitzung bewusst – zu legitimieren. Das macht mir Sorge. Wir schaffen die Freiheit ab, die wir verteidigen. Und alle machen mit. Das ist ein Mainstream. Selbst die SPD rückt jetzt von der Kanzlerin ab. Ich halte das für Kalkül, und zwar schlechtes Kalkül.

Bei Ihrem Rücktritt, nach der Unterhalts–Affäre, war auch viel Privates publik geworden. Wie tief ging das für Sie?

Es sind viele in Mitleidenschaft gezogen worden durch diese öffentliche Debatte, Frau, Kinder, die dritte Tochter. Das ist das Schmerzhafteste daran gewesen.

Sind die Wunden vernarbt?

Nein, die Wunden sind nicht vernarbt. Es ging ja um mehr, da spielte Krampnitz eine Rolle, die BBG, wo ich für mich ein reines Gewissen habe. Aber in der Öffentlichkeit bleibt immer etwas hängen, so wie neulich, bei Eurer Mietgeschichte da, es bleibt hängen: Das ist irgendwie ein krummer Hund. Nach meinem Empfinden wird das nicht dem gerecht, was ich in den letzten 25 Jahren gelebt habe.

Sie haben zwar privat Mist gebaut, aber nicht in der Politik?

Das Private ist eine andere Geschichte. Darüber rede ich heute nicht. Das ist nicht erklärbar, wie manches im zwischenmenschlichen Bereich. Damit muss ich leben.

Sie haben die Schlagzeilen um Ihre geringe Miete angesprochen. Verstehen Sie nicht, dass das Leute aufregt?

Ja, aber die Zahlen waren falsch. Die KVBB hat das ja inzwischen korrigiert.

Die alten Zahlen standen in einem Verkaufsgutachten im Auftrag der KVBB. Und auch von der Miethöhe, die jetzt genannt wurde, träumen viele.

Erstens, es ist eine Kaltmiete. Zweitens, ich habe da von 1987 bis 1989 die Wohnung selbst ausgebaut, zwei Jahre in scheiß körperlicher Arbeit. Ich habe alles selbst besorgt, von den Dachziegeln, bis zum Dämmmaterial. Wer damals in der DDR gelebt hat, weiß, wie schwer das war. Drittens, habe ich Ende der 90er Jahre noch zwei Räume dazu gemietet, frühere Büros. Die habe ich vollständig hergerichtet, für 30 000 Mark damals. Ich hatte einen Vertrag, dass ich die Räume zehn Jahre ohne Mieterhöhung nutzen kann. Ich habe aber die 30 000 Mark damals selbst bezahlt. Das kam in dem Gutachten, das Sie zitierten, aber nicht vor.

Wir hatten Sie bei der Recherche angefragt. Das hätten Sie selbst alles offenlegen können.

Ich habe gar keine Veranlassung, mich öffentlich über meine Mietzahlungen auseinanderzusetzen. Ich bin eine Privatperson.

Die Immobilie ist verkauft worden. Bleiben Sie dort wohnen?

Nein.

Sie ziehen aus?

Korrekt. Aber auch das betrifft meine Privatsphäre.

Uns interessiert nur, ob Sie Potsdamer bleiben?

Ja.

Sie leben Jahrzehnte in der Stadt. Stört Sie etwas an der Entwicklung Potsdams?

Sagen wir es mal so: Die Selbstentwicklungskräfte dieser Stadt sind groß genug, dass die Politik da nicht viel machen muss.

Wird Potsdam Ihnen zu schickimicki?

Nö. Es gibt in Potsdam urbane Ecken, die seit Jahrzehnten so sind, wie sie sind. Sicherlich ändert sich eine Stadt auch, man ändert sich ja auch selbst, Ansprüche werden anders. Heute kann man an jeder Ecke einen guten Espresso trinken. 1990 konnte man das nirgends.

Zum Genussmenschen Speer passt Potsdam ganz gut?

Potsdam ist bipolar. Man kann gut leben, muss nicht in Nobelrestaurants gehen, gibt es ja auch nicht so viel hier. Wir sind jetzt hier im Lewy, was gut ist, preiswert, auch Potsdam.

Wie sehen Sie als Ur-Potsdamer die aktuellen Debatten? Fangen wir mit der Garnisonkirche an?

Das Projekt dümpelt vor sich hin, eigentlich lief es mit der Garnisonkirche ideologisch verquer von Anfang an, mit Max Klaar. Es war kein Identifikationsvorhaben wie die Frauenkirche in Dresden, es war eine Fehlgeburt, und seitdem hat es sich nicht erholt. Ich habe nix dagegen, dass die Garnisonkirche aufgebaut wird. Wenn es genug Leute gibt, die das finanzieren, ist es in Ordnung. Ich war und bin aber dagegen, Staatsgeld da hineinzustecken.

Sollte man das Mercure abreißen?

Wer weiß, wie lange der Stahlbeton da noch hält. Aber da lagen schon einige Berechnungen daneben (lacht), Die Häuser des Ostens halten wahrscheinlich länger als die Ingenieure, die sie konzipierten, selber geglaubt haben. Die Dinger stehen, stehen und stehen. Einen Abriss halte ich für Schwachsinn.

Das Gespräch führten Alexander Fröhlich und Thorsten Metzner.


 

 

ZUR PERSON: Rainer Speer, geboren 1959, war von 1990 bis 2010 einer der einflussreichsten Politiker Brandenburgs. Der gelernte Schlosser war Staatssekretär, Chef der Staatskanzlei, erst unter Manfred Stolpe, dann unter Matthias Platzeck, später Finanzminister und Innenminister. 2010 trat er nach einer Affäre zurück. Bis 1983 hatte Speer im Potsdamer Jugendclub „Aurora“ gearbeitet, dann bis 1989 Möbel restauriert. In der Wendezeit gehörte er zu den Mitgründern der SPD in der Stadt. thm



 

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