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  • 14.01.2016
  • von Steffi Pyanoe

Ausstellung: Jüdische Anwälte in Potsdam: Plötzlich Berufsverbot

von Steffi Pyanoe

Die Ausstellung "Anwälte ohne Recht" zeigt das Schicksal jüdischer Anwälte in der NS-Zeit. Foto: A. Klaer

Wer jüdischer Herkunft war, verlor unter den Nazis seine Zulassung als Rechtsanwalt. Eine Ausstellung zeigt, was das für Potsdamer Anwälte damals bedeutete.

Potsdam - Es war ein lapidarer Dreizeiler auf grauem Maschinenpapier. „Die Zulassung der jüdischen Rechtsanwälte Dr. Siegried Lehmann, Dr. Marcuse und Dr. Herzfeld in Potsdam ist auf Grund des § 1 der 5. Verordnung zum Reichsbürgergesetz mit Ablauf des 30. November 1938 zurückgenommen. Die bezeichneten Rechtsanwälte sind am 1. Dezember 1938 in der Liste der bei dem Amtsgericht in Potsdam zugelassenen Rechtsanwälte gelöscht worden.“ Das Schreiben vom Amtsgerichtsdirektor stammt vom 2. Dezember 1938 in Potsdam. „Aus heutiger Sicht rassistische Verfolgung – damals aber ein ganz normaler Verwaltungsakt“, sagt die Historikerin Simone Ladwig-Winters.

In Potsdam wurde nur umgesetzt, was man anderswo kurz zuvor beschlossen hatte – das allgemeine Berufsverbot für „jüdische“ Anwälte. Nur wer seine Zulassung vor 1914 erworben, im ersten Weltkrieg gekämpft oder Angehörige verloren hatte, durfte noch eine Weile weiter arbeiten. Für alle anderen Anwälte „nicht-arischer“ Herkunft, wie es damals hieß, bedeutete das Gesetz das berufliche Aus. Eine Ausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zeigt jetzt anhand von persönlichen Schicksalen, wie dramatisch sich für diese Berufsgruppe damals alles Weitere entwickelte. Am heutigen Donnerstag wird die Schau unter anderem im Beisein der Kuratorin Simone Ladwig-Winters eröffnet.

Die Historikerin hatte zunächst zur Arisierung Berliner Kaufhäuser geforscht und war so auf die Schicksale jüdisch-stämmiger Anwälte gestoßen. Sie wollte daraus ein eigenes Thema machen, die Bundesrechtsanwaltskammer unterstützte sie dabei. 2004 begann sie, auch zu Potsdamer Anwälten zu forschen. Zusammen mit Hans Bergemann entstand das Buch „Für ihn brach die Welt, wie er sie kannte, zusammen. Juristen jüdischer Herkunft im Landgerichtsbezirk Potsdam“ sowie diese Ausstellung.

„Sie ist nicht neu und wurde schon in anderen Städten gezeigt, aber ich finde, sie hat an Aktualität nichts verloren“, sagt Ladwig-Winters. Im Gegenteil: Wenn sie sich die verworrenen Lebensgeschichten derjenigen anschaue, die noch aus Deutschland zu flüchten versuchten, es nicht mehr schafften oder nur unter ganz schwierigen Umständen, dann dränge sich ein Vergleich zur gegenwärtigen Flüchtlingsdebatte geradezu auf. „Manche kamen nicht mehr raus aus dem Land, mussten untertauchen oder konnten wenigstens die Kinder ins Ausland schicken“, sagt Ladwig-Winters. Die meisten überlebten den Holocaust nicht.

Insgesamt 31 Anwälte hat Ladwig-Winters im Kammerbezirk ausfindig gemacht. In Buch und Ausstellung findet sich zunächst Grundlegendes, auch, warum Rechtsanwalt ein gern gewählter Beruf in jüdischen Familien war, und welche Schwierigkeiten einem dennoch begegneten. Anfang der 1930er-Jahre wurde es zunehmend schwieriger, die Anwaltszulassung zu bekommen. Es gab Kammerbezirke, die die Gesetze rigider umsetzten als Potsdam – aber auch hier habe man letztlich massiv durchgegriffen, sagt Ladwig-Winters.

Neun Schicksale aus Potsdam und weitere aus Berlin, Beelitz und Luckenwalde werden auf großen Tafeln erzählt. Fotos zeigen ein normales bürgerliches Leben, Familienfeste, Vereinstreffen, zeigen Schnappschüsse in der Kanzlei, am Schreibtisch. Die Kanzlei des Potsdamer Anwalts Ernst Nathan befand sich am repräsentativen Wilhelmplatz 20, die Kanzlei der Kollegen Gustav Herzfeld, Siegfried Lehmann und Herbert Marcuse in der Brandenburger Straße.

Daneben stehen Dokumente, amtliche Schreiben, die die berufliche Situation der freien Anwälte immer weiter einschränken und aushebeln. Und dann Briefe, Abschiedsbriefe, letzte Worte an Kinder, wenn sich die Eltern vor der Deportation zum Suizid entschieden. Sie erzählen von Schmerz, Verzweiflung und Enttäuschung. Aber auch von einem kollegialen Verbundenheitsgefühl und, wenn man zwischen den Zeilen liest, einem erstaunlichen Humor. Aus Theresienstadt kann Georg Siegmann 1944 noch eine Postkarte schreiben. „Die Post hierher funktioniert sehr gut, Sendungen jeder Art sind zuverlässig und werden bestellt. Ich denke sehr oft an die schmackhaften belegten Brötchen, die Sie uns mit saftigen Anekdoten zum Frühstück servierten! Hier sind bzw. waren viele Berliner Kollegen...“ Ein Text, der sprachlos macht.

Ladwig-Winters wünscht sich mehr Forschungsgelder, damit dieser Teil der Geschichte gründlich aufgearbeitet werden kann. Die Quellen sind da, Kilometer von Akten, sagt sie, sie müssen nur genutzt werden. Sie selbst hat das Brandenburger Landeshauptarchiv, das Bundesarchiv und Entschädigungs- sowie Wiedergutmachungsakten gesichtet. Einiges ging natürlich auch verloren, während des Krieges oder danach. Aber vieles tauchte auch überraschend auf. Ein Gerichtsbeamter aus Berlin hatte eine ganz private Fotosammlung der ihm bekannten Anwälte samt wichtiger Daten angelegt. Und Lorenz Völker, der kürzlich über seinen Großvater, damals Staatsanwalt in Potsdam, forschte, konnte mit Quellen zur jüdischen Familie von Siegfried Lehmann und seinem Sohn Alfred, beide Anwälte, helfen. Seit Kurzem gibt es dazu auch einen Stolperstein am einstigen Wohnhaus in Potsdam.

„Es müsste viel mehr Stolpersteine geben“, sagt Ladwig-Winters. Zum Beispiel für Gustav Herzfeld, der seit 1909 als Anwalt am Landgericht Potsdam zugelassen war. Erst kurz zuvor war er aus New York nach Potsdam gekommen. Er wohnt in Bornim und schließt sich beruflich noch 1938 den Kollegen Lehmann und Macuse an. Nach dem Berufsverbot, das auch für ihn gilt, obwohl er zum evangelischen Glauben übergetreten war, verarmt er, sein letztes Geld wird ihm für einen „Heimeinkaufsvertrag“ für einen Platz in Theresienstadt abgenommen. Er lebt zuletzt im jüdischen Altersheim in Babelsberg, wird deportiert und stirbt im Herbst 1942 in Theresienstadt.

Die Ausstellung „Anwälte ohne Recht“ im HBPG im Kutschstall am Neuen Markt 9 wird am heutigen Donnerstag um 18 Uhr eröffnet. Auch das Buch „Für ihn brach die Welt, wie er sie kannte, zusammen. Juristen jüdischer Herkunft im Landgerichtsbezirk Potsdam“ ist hier erhältlich. Geöffnet Di-Do 10 bis 17 Uhr, Fr-So und an Feiertagen 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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