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  • 30.11.2015
  • von Katharina Wiechers

Flüchtlingskrise: Babybetten und Gästezimmer

von Katharina Wiechers

Die Helpto-Macher: Ulrike Haase, Martina Wilczynski, Medienlabor-Chef Daniel Wetzel und Sebastian Gillwald.Foto: Andreas Klaer

Helpto.de bringt Flüchtlinge und Helfer zusammen. Nicht nur in Potsdam. Auch in Berlin und Frankfurt (Oder) geht die Online-Börse jetzt an den Start.

Potsdan - Welche Flüchtlingsfamilie kann eine Babybadewanne gebrauchen? Hat jemand Lust auf ein Sprachtandem? Gibt es Interesse an kostenlosem Gitarrenunterricht für Flüchtlingskinder? Viele Potsdamer wollen den vielen Flüchtlingen helfen, die in den vergangenen Monaten in die Landeshauptstadt gekommen sind. Eine Gruppe junger Potsdamer hat sich zur Aufgabe gemacht, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen und dafür eine Webseite konzipiert: helpto.de. Vor rund einem Monat ist die Seite ans Netz gegangen, jetzt wollen sich die Initiatoren auf ganz Brandenburg ausweiten – anschließend ist Berlin an der Reihe.

Unüberblickbare Menge an Initiativen

Doch wie in den meisten Städten ist auch in Potsdam eine schier unüberblickbare Menge an Initiativen, Vereinen und Sammelstellen entstanden. „Nicht jede Initiative kann ihre eigene Webseite betreiben und nicht jeder Helfer weiß, was in welcher Flüchtlingsunterkunft gerade gebraucht wird“, sagt Projektkoordinator Daniel Wetzel. Er ist Mitglied im Verein „Neues Potsdamer Toleranzedikt“, der sich seit 2009 für eine weltoffene Stadt einsetzt und der maßgeblich hinter der Helpto-Idee steckt. „In Potsdam wird so viel gemacht. Aber es fehlte bislang an der Vernetzung.“ Seit Mai sitzen er und seine Mitstreiter an dem Projekt, haben die Webseite gestaltet, ein Logo erdacht und mit Kommunen, Ehrenamtsinitiativen und den Betreibern von Flüchtlingsunterkünften gesprochen. Am 7. Oktober ging es offiziell los, seitdem haben sich schon knapp 850 Menschen aus Potsdam, sowie den Landkreisen Potsdam- Mittelmark, Ostprignitz-Ruppin, Märkisch-Oderland, Spree-Neiße, Dahme- Spreewald und Barnim auf der Seite registriert. Ziel sei es, dass bis spätestens Frühjahr kommenden Jahres auch die anderen Landkreise dabei sind. Rund 34 000 Besucher schauten sich die Seite bislang an, zwischen 800 und 1200 Nutzer sind es pro Tag – sie verweilen im Schnitt fünf bis sechs Minuten dort.

Helpto geht auch in berlin an den Start

Laut Wetzel soll Helpto an diesem Mittwoch auch in Berlin an den Start gehen, ab 16. Dezember ist das Angebot auch in Frankfurt (Oder) aktiv. Wer sich dafür interessiert, muss lediglich einen Benutzernamen auswählen und seine E-Mail-Adresse angeben, um ein Angebot auf die Seite stellen zu können. „Uns war wichtig, dass man seine Identität nicht preisgeben muss, um die Seite zu nutzen“, sagt Wetzel. Gespräche mit Flüchtlingen hätten ergeben, dass dies für viele eine Hürde sei. Denn auch Flüchtlinge sollen das Portal nutzen können – die Seite ist auf Englisch abrufbar, die Kategorien bewusst einfach gehalten. Das anonyme Angebot hat durchaus seinen ernsten Hintergrund. Schließlich müsse man sich auch vor Rechtsradikalen schützen, sagt Wetzel. „In Potsdam ist das vielleicht weniger das Problem, aber in Heidenau oder Freital sollte man mit Veröffentlichungen vielleicht vorsichtig sein“, sagt er mit Blick auf die rechten Attacken in den sächsischen Städten.

Bislang sind es aber vor allem Potsdamer, die sich auf helpto.de vernetzen. Sie stellen Angebote auf die Seite oder fragen stellvertretend für Flüchtlinge nach bestimmten Spenden oder etwa Wohnungen. So bietet eine Babelsberger Familie derzeit ein kleines Zimmer zur Untermiete an, „geeignet für eine Person, gern mit Baby oder Kleinkind“. Unter „Begleitung und Beratung“ wird etwa Hilfe bei Behördengängen angeboten, unter „Freizeit“ kostenlose Tickets für Theaterbesuche oder Sportevents, unter „Bildung und Wissenschaft“ weist die Stadt- und Landesbibliothek auf den kostenlosen Bibliotheksausweis für Asylbewerber hin.

Gesucht werden Geschwisterkinderwagen, Schwangerschaftsbekleidung und Haushaltsgeräte

Mit Abstand die meisten Einträge finden sich in der Kategorie Sachspenden. Fahrräder, Winterjacken, Möbel und Kinderspielzeug werden dort angeboten, gesucht werden hingegen ein Geschwisterkinderwagen, Schwangerschaftsbekleidung und Haushaltsgeräte. Bislang gab es in Potsdam verschiedenste Bedarfslisten auf unterschiedlichen Webseiten, die aufwendig aktualisiert werden mussten – sie wurden teilweise schon zugunsten von Helpto aufgegeben.

Mit der Zusammenführung von Anbieter und Abnehmer haben die Macher von Helpto dann nichts mehr zu tun, die Nutzer sollen sich selbstständig kontaktieren und austauschen. „Vielen kommt das entgegen, zum Beispiel, weil sie wissen wollen, wo ihre Spenden konkret ankommen“, sagt Wetzel.

Gefördert wird das Projekt bislang mit Lottomitteln vom Land Brandenburg

Einige Arbeit im Hintergrund ist dennoch nötig. Vier Mitarbeiter sind derzeit für Helpto beschäftigt – teils angestellt, teils ehrenamtlich. Sie beobachten das Portal und achten etwa darauf, dass niemand kommerzielle Angebote einstellt. Und sie beantworten Anfragen aus ganz Deutschland, die derzeit an Helpto herangetragen werden – aus Lübeck, Leipzig oder Freiburg. Gefördert wird das Projekt bislang mit Lottomitteln vom Land Brandenburg, weiteres Geld kommt aus Sponsoring und Spenden.

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