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  • 30.10.2015
  • von Jana Haase

Über Wasser

von Jana Haase

Der Arzt Thomas Lenzen war mit der „Sea-Watch“ vor der libyschen Küste unterwegs. In Potsdam berichtete er vom Einsatz

Manchmal trieb einfach nur ein plattes Schlauchboot vorbei. Und mit ihm die Fragen. Was passierte mit den bis zu 120 Menschen, die auf solchen Gefährten die Überfahrt über das Mittelmeer in Richtung Europa wagen? „Man weiß nicht so richtig: Sind die gerettet worden? Untergegangen?“, sagt Dr. Thomas Lenzen. Drei Wochen lang war der Berliner Arzt in diesem Sommer auf dem Rettungsschiff „Sea-Watch“ vor der Küste von Lampedusa unterwegs. Sein Fazit ist ernüchternd und ermutigend zugleich. „Ich glaube, vor der EU-Grenze kommen viel mehr Menschen um, ohne dass wir jemals davon erfahren“, sagt der 35-Jährige. Aber auch das: „Zivilgesellschaftliches Engagement ist möglich – wir können mit anpacken.“

Am Mittwochabend berichtete Lenzen in der Nagelkreuzkapelle von seinem ehrenamtlichen Einsatz. Der Brandenburger Harald Höppner hatte die „Sea- Watch“ in Privatinitiative gekauft, seetüchtig machen lassen und im Juni ins Mittelmeer geschickt (PNN berichteten). Seitdem war das Schiff nach Angaben der Aktivisten an der Rettung von rund 2000 Flüchtlingen beteiligt. Knapp 20 Zuhörer sind der Einladung zum Vortrag über das spendenfinanzierte Projekt gefolgt – eher in Angriffsstimmung, wie die anschließende Diskussion zeigte.

Als er von Höppners Initiative in der Zeitung las, habe ihn die Idee gleich angesprochen, berichtete Thomas Lenzen. Imponiert habe ihm auch der hemdsärmelige Höppner, der dem Sterben im Mittelmeer nicht mehr nur zusehen wollte. Die Ausmaße sind erschreckend: Die Internationale Organisation für Migration (IOM) bezifferte am Mittwoch dieser Woche die Zahl der in diesem Jahr im Mittelmeer gestorbenen Flüchtlinge auf 3257.

Welche dramatischen Schicksale hinter solchen Zahlen stecken, erlebte Thomas Lenzen auf der „Sea-Watch“. Das nur 21 Meter lange Schiff ist als „schwimmende Telefonzelle“ konzipiert, erklärte er. Das Team, bestehend aus Kapitän, zwei Bootsmännern, einem Maschinisten, dem Arzt, zwei Rettungssanitätern und einem Journalisten – in Lenzens Fall der renommierte Kriegsreporter und Fotograf Daniel Etter –, kreuzt von der italienischen Insel Lampedusa aus vor Libyen, auf der Suche nach Flüchtlingen. Für die gibt es eine medizinische Notversorgung, Rettungswesten und Trinkwasser. Platz, um Flüchtlinge an Bord zu nehmen, hat die „Sea-Watch“ nicht – stattdessen wird über Funk Hilfe herbeigerufen.

Wie das in der Praxis aussah, beschrieb Lenzen anhand eines Tages. Am 23. Juli erreicht die „Sea-Watch“ gegen 12 Uhr eine Information von der italienischen Küstenwache mit Koordinaten eines vermeintlichen Flüchtlingsboots. Aber zunächst Fehlanzeige: Im Wasser treibt nur ein Kühlschrank. Auch in Zeiten von hochauflösenden Satellitenbildern ist die Technik nicht so verlässlich, wie man gemeinhin annimmt, sagt Lenzen.

Wenig später gibt es neue Koordinaten. Und diesmal auch ein Boot, übervoll mit Menschen, die seit Mitternacht unterwegs sind – die Temperaturen haben mittlerweile über 40 Grad Celsius erreicht. Auch der Frachter „Shaya“ ist dem Notruf gefolgt.

Bei der ersten Kontaktaufnahme mit den Flüchtlingen gehe es zunächst darum, Vertrauen aufzubauen, erklärte Lenzen. Denn nicht alle Schiffe seien mit guter Absicht unterwegs: So komme es vor, dass libysche Paramilitärs Schutzgeld von den Flüchtlingen erpressten oder die Boote abstechen und absaufen ließen. Auch mit dem Kapitän des Frachters muss verhandelt werden, bis der sich bereit erklärt, alle Flüchtlinge an Bord zu nehmen – was für Handelsschiffe mit Zusatzkosten oder zumindest Fahrplanänderungen verbunden ist.

Gegen 18 Uhr sind die Flüchtlinge sicher an Bord der „Shaya“, wo Lenzen die Menschen untersucht. Viele sind dehydriert und entkräftet, akute Verletzungen braucht Lenzen aber nicht behandeln. Dafür sieht der Arzt alte Kriegsverletzungen: „Schusswunden, teilweise mit Projektilen im Arm drin.“ 19.30 Uhr kann das Team zurück auf die „Sea-Watch“. „Für diesmal ist es gut gelaufen“, sagt Lenzen.

Für solche Erlebnisse vor Ort interessierte sich das Potsdamer Publikum bei der Diskussion aber kaum. Stattdessen sahen mehrere Zuhörer die Rolle der Bundeswehr nicht ausreichend gewürdigt – ein Zuhörer hatte zur Vorbereitung auf den Abend sogar beim Einsatzführungskommando Zahlen zum Mittelmeer-Einsatz der Armee abgefragt. Eine Zuhörerin regte eine bessere Zusammenarbeit zwischen Militär und zivilen Organisationen an. Ein anderer Mann fragte, wieso man die Flüchtlinge eigentlich nicht „zurück nach Afrika“ bringe. „Die Situation in Libyen ist leider nicht so, dass man da jemanden guten Gewissens hinschicken kann“, erklärte Lenzen geduldig.

Die „Sea-Watch“ liegt derzeit in Tunis – die Libyen-Route werde wegen der Herbststürme praktisch nicht mehr genutzt. Die Aktivisten wollen demnächst vor der griechischen Insel Lesbos helfen. Dort starben erst in der Nacht auf Donnerstag wieder Menschen im Meer.

Spenden gehen unter dem Stichwort „Sea-Watch“ auf das Konto des Sea-Watch e.V. , IBAN: DE77 1002 0500 0002 0222 88, BIC: BFSWDE33BER.

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