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  • 24.10.2015
  • von Marco Zschieck

Leichtbauhallen für Flüchtlinge in Drewitz: Am Rande

von Marco Zschieck

Auf einem Parkplatz in der Slatan-Dudow-Straße sollen die Notunterkünfte aufgebaut werden. Maximal 96 Flüchtlinge sollen einziehen. Foto: A. Klaer

Auch in Drewitz sollen Flüchtlinge in Leichtbauhallen wohnen. Vor Ort gibt es viele Vorurteile und Ängste - aber auch ein wenig Verständnis.

Potsdam - Die geplante Unterbringung von vor Krieg und Unterdrückung geflüchteten Menschen sorgte am Donnerstagabend in Drewitz für die bisher am stärksten besuchte Infoveranstaltung der Stadt zur Flüchtlingsunterbringung – und für die emotionalste und schwierigste. Die Anwohner drängten sich in der Turnhalle der Stadtteilschule. Zwischen 400 und 500 werden es wohl gewesen sein.

Anlass war der im Laufe des November vorgesehene Aufbau von zwei Leichtbauhallen in der Slatan-Dudow-Straße. In diesen Notunterkünften auf dem Parkplatz des abgerissenen Rewe-Marktes sollen jeweils maximal 48 Menschen wohnen. Container für sanitäre Anlagen, zum Kochen sowie Arbeitsräume für Sozialarbeiter und den Sicherheitsdienst sollen unmittelbar daneben aufgestellt werden. In die Hallen sollen laut Sozialamtsleiter Frank Thomann erwachsene Männer, Frauen und auch Paare einziehen. Familien mit Kindern wolle die Stadt dort nicht unterbringen. Träger der Unterkunft ist der Verein Soziale Stadt.

Immer wieder Zwischenrufe

Die Stimmung bei der Veranstaltung war von Anfang an so gereizt, dass Sozialdezernentin Elona Müller-Preinesberger (parteilos) ihr Eingangsreferat häufig unterbrechen musste. Immer wieder gab es Zwischenrufe. Einige Anwohner machten ihrer Ablehnung gegen fremde Menschen Luft, äußerten laut ihre Vorurteile. Viele, die sich über mangelnde Information beklagten, waren offenbar gar nicht an Information interessiert. So musste Bernd Richter vom Kommunalen Immobilienservice seine Erklärungen zum genauen Standort wegen der Zwischenrufe abbrechen.

Ein sachliches Gespräch war zeitweise nicht möglich, auch wenn die Moderation sich mühte, Fragen zu sammeln und Themen zu strukturieren. Tief liegende Unzufriedenheit wurde deutlich – mit der Flüchtlingspolitik und darüber hinaus: „Soll doch Frau Merkel die Syrer bei sich selbst aufnehmen“, rief einer. Als Müller-Preinesberger erläuterte, dass die Flüchtlingsunterbringung an vielen verschiedenen Standorten in Potsdam von einer breiten Mehrheit der Stadtverordneten mitgetragen werde, kamen die Zwischenrufe: „Die haben wir nicht gewählt!“, und „Die sollen sich um uns kümmern und nicht um die Asylanten.“

Sozialdezernentin als Lügnerin bezeichnet

In Fragen und Statements formulierten viele Besucher ihre Ängste: Für die eigenen Kinder gebe es nicht genug Kindergartenplätze und beim Kinderarzt müsse man jetzt schon zwei Stunden warten, selbst wenn man einen Termin habe. Dass in die Drewitzer Leichtbauhallen gar keine Flüchtlingskinder einziehen sollen, wurde nicht wahrgenommen. Als Müller-Preinesberger erklärte, dass in Potsdam 97 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen einen Kindergartenplatz haben, wurde sie als Lügnerin bezeichnet.

Besonders besorgt waren viele Gegner der Flüchtlingsunterkunft, die meist ihre Namen nicht nannten, um deutsche Kinder und Frauen. „Wer garantiert die Sicherheit auf dem Schulweg?“, wurde gefragt. Ein anderer Anwohner sagte, „da kommen notgeile Kerle. Unsere Frauen trauen sich nicht mehr auf die Straße.“ Ganz offen wurde geflüchteten Menschen unterstellt, dass sie kriminell seien. Da half auch nicht die Anmerkung von Polizeichef Maik Toppel, dass im Umfeld der Potsdamer Flüchtlingsunterkünfte die Straftaten nicht zugenommen hätten. „Ihr redet alles schön!“, wurde ihm zugerufen.

"Schluss mit Hetze!"

Ganz ohne Widerspruch blieben die Flüchtlingsgegner jedoch nicht. Eine ältere Frau erzählte von ihrer Flucht im Zweiten Weltkrieg: „Ich weiß, was Elend ist. Ich kann nur darum bitten, diesen Menschen zu helfen.“ „Schluss mit der Hetze!“, rief ein anderer. Applaus gab es, als Müller-Preinesberger auf das Grundgesetz verwies. Das verpflichte zur Hilfe in der Not für alle Menschen, auch für Flüchtlinge. Hilfsbereite und Interessierte können sich nun auf einem Treffen am 8. November um 18 Uhr in der Stadtteilschule vernetzen.

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