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  • 26.09.2015
  • von Stefan Engelbrecht

Flüchtlinge in Potsdam: Stadt hält an Leichtbauhallen fest, FH Potsdam entwickelt "Low-Cost-Häuser"

von Stefan Engelbrecht

Begehrte Freiflächen. Direkt neben dem Gelände von Freiland soll eine Notunterkunft für Flüchtlinge entstehen. Fotos: Andreas Klaer

Das linksalternative Kulturzentrum Freiland will nun doch mit der Stadt kooperieren - und fordert weitere Verbesserungen für Flüchtlinge. Eine Arbeitsgruppe der Fachhochschule Potsdam entwickelt "Low-Cost-Häuser" als Alternative.

Potsdam – Das linksalternative Kulturzentrum Freiland will nun doch mit der Stadt beim Aufbau von Leichtbauhallen für Flüchtlinge in seiner direkten Nachbarschaft kooperieren. Bei einer Pressekonferenz betonten Maximilian Dalichow und Achim Trautvetter von Freiland am Freitag, dass das Plenum des Zentrums keinesfalls Asylsuchende ablehne. Vielmehr sei es bei der Debatte der vergangenen Tage um die Art der Unterbringung für die Flüchtlinge gegangen. Dies sei aber „sehr weit weg von dem Punkt, dass wir abwinken würden“, sagte Trautvetter.

Geplant sind zwei Leichtbauhallen als Notunterkunft für insgesamt rund 100 Menschen

Hintergrund ist ein am Dienstag veröffentlichter Brief des aus rund 30 Vertretern aller Einzel-Initiativen bestehenden Freiland–Plenums: Dieses hatte sich gegen die Unterbringung der Asylbewerber in zwei Leichtbauhallen gewandt. Diese sollen nun aber dennoch aufgestellt werden und rund 100 Menschen Platz bieten. Die Notquartiere sind für zwei bis drei Jahre geplant.

Es habe im sogenannten basisdemokratischen Freiland-Plenum die Angst bestanden, dass mit den über einen unbestimmten Zeitpunkt hinweg aufgestellten Leichtbauhallen ein Status quo entstehe, der „nicht wegzukriegen ist“, sagte Trautvetter. Zugleich räumte Dalichow ein, dass es Missverständnisse bei den Abstimmungen mit der Stadtverwaltung gegeben habe, etwa über den Zeitpunkt der Veröffentlichung des offenen Briefes. Das tue ihm leid, betonte er.

Laut Stadt war der Betreiber des Kulturzentrums gefragt worden, ob die Flüchtlinge die sanitären Anlagen und womöglich Gruppenräume mitnutzen könnten. Dagegen hatte das Freiland Einwände, da dies menschenunwürdig sei, ein selbstbestimmtes Leben unmöglich mache und auch die Integration nicht fördere.

Der städtische Fachbereichsleiter Soziales und Gesundheit, Frank Thomann – seit Kurzem auch für das Thema Asyl zuständig –, betonte indes am Freitag, dass die Notunterkünfte trotz der Einwände bis Ende November an der Friedrich-Engels-Straße aufgestellt werden sollen. Dies sei der Plan und daran wolle man auch festhalten. Die Stadt Potsdam habe wie auch alle anderen Kommunen in Deutschland große Probleme, die Flüchtlinge unterzubringen. Hier müsse nun auch die Landeshauptstadt auf Notunterkünfte ausweichen, wozu beispielsweise die Hallen am Freiland gehörten.

Das Freiland-Plenum überlegt, Konzerte zeitlich zu beschränken

In dem Freiland-Brief hieß es unter anderem, dass die geplante Form der massenhaften Unterbringung von Geflüchteten über Monate und Jahre hinweg unzumutbar sei. Eine Unterbringung von Geflüchteten im Freiland sei nur unter der Voraussetzung denkbar, dass den Menschen ein Mindestmaß an Wohn- und Lebensraumstandard gewährt werde und zudem ein „weiterer Betrieb des Freilands als Kulturzentrum“ möglich sei, wie es in einem Nachsatz hieß. Im städtisch geförderten Freiland – das Gelände wurde von den Stadtwerken zur Verfügung gestellt – finden regelmäßig Konzerte und Partys zum Teil bis spät in die Nacht statt. Trautvetter betonte nun, dass man natürlich bereit sei, die Konzerte nur bis 22 Uhr laufen zu lassen. Auch habe es Überlegungen im Plenum gegeben, dass einige ihre Büros in die Flüchtlingsunterkunft verlegen könnten und dafür Zimmer in den Freiland-Häusern frei würden, sagte Dalichow. Zudem sei geplant, die Asylbewerber zu unterstützen, indem ein Internetraum eingerichtet würde – mit arabischen Tastaturen.

Eine Arbeitsgruppe der Fachhochschule Potsdam entwickelt "Low-Cost-Häuser" als alternative Unterbringung

Grundsätzlich positiv reagierte Sozialamtschef Thomann auf den Vorschlag von Freiland, statt der Leichtbauhallen ohne feste Wände, wenig Intimsphäre und einem Warmgebläse als Heizung, sogenannte Low-Cost-Häuser, aufzustellen. Die Idee wurde zusammen mit dem Design-Professor Holger Jahn von der Fachhochschule entwickelt. Solche Häuser würden gerade von einer Arbeitsgruppe entwickelt, sagte Jahn. Für die jetzigen Planungen sei dies aber wegen der fehlenden Zeit keine Alternative, betonte Thomann mehrfach. Möglicherweise könnten die Hallen im kommenden Jahr gegen die dann fertig entwickelten Billighäuser ausgetauscht werden, bot er an. Im Landkreis Potsdam-Mittelmark wird eine ähnliche Lösung bereits seit dem Sommer praktiziert.

Bis Jahresende muss die Stadt voraussichtlich rund 900 Menschen aufnehmen. „Und das mag noch nicht das Ende der Fahnenstange sein“, sagte Thomann. Die Belegung von Turnhallen wolle man vermeiden. Vielleicht könnten zwei Potsdamer Gebäude in Bundes-Eigentum an die Stadt übertragen und für Unterkünfte genutzt werden, nannte Thomann eine von vielen Optionen bei der Suche nach Unterkunft.

Stadt muss bis Jahresende voraussichtlich noch rund 900 Menschen aufnehmen

Die Fraktion Die Andere hatte zuletzt auch gefordert, Ordnungsverfügungen zu erlassen, um leer stehende Gebäude in Privatbesitz zu nutzen. Doch davor müssten sämtliche zumutbaren Anstrengungen unternommen werden, bevor über eine Inanspruchnahme Dritter nachgedacht werden könnte, sagte Stadtsprecher Stefan Schulz auf PNN-Anfrage. Letzteres bedeute in „der Konsequenz einen erheblichen Eingriff in die Rechte der Eigentümer.“ Das gilt es zunächst zu vermeiden.

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