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  • 22.08.2015
  • von Sarah Kugler

Schirrhofnächte in Potsdam: „Wie es euch gefällt“ : Allerfeinste Verwirrung

von Sarah Kugler

Das Neue Globe Theater eröffnet mit einer wohligen Inszenierung von „Wie es euch gefällt“ die Schirrhofnächte in der Schiffbauergasse.

Potsdam - Ein Mann spielt eine Frau, die einen Mann spielt, der zeitweise wiederum so tut als wäre er eine Frau. Klingt verwirrend und irgendwie bizarr? Ist es auch. Aber das im herrlichsten und wunderbarsten Sinne. Denn was das Neue Globe Theater mit seiner Inszenierung von Shakespeares „Wie es euch gefällt“ – mit der es am vergangenen Donnerstag die Schirrhofnächte in der Schiffbauergasse eröffnete – auf die Bühne bringt, ist erfrischendes Sommertheater vom Allerfeinsten: hochpointiert und vor allem zum Brüllen komisch.

Sicher, das sollte auch so sein, schließlich ist „Wie es euch gefällt“ eine der großen Shakespeareschen Komödien, die noch dazu nicht mit ironischen Anspielungen auf Liebe und Geschlechterrollen spart. Eine gute Vorlage also, um ein gelungenes Sommertheater zu kreieren. Es ist aber eben auch nur dann eine gute Vorlage, wenn ein Theaterensemble es auch versteht, die richtigen Stellen für das heutige Publikum rauszukitzeln. Wenn es die Komik ernst nimmt und die teilweise hoch historisch aufgeladenen Charaktere nicht von einer Farce in die nächste schickt. Und das gelingt Regisseur Andreas Erfurth durch einen einfachen Trick: Er lässt einfach alle Männerrollen von Frauen, alle Frauenrollen von Männern spielen und nimmt dem Stück damit die Gefahr, sich in Klischees rund um die Geschlechter zu verrennen. Die ist nämlich durchaus vorhanden in der Geschichte um die verstoßene Rosalind, die sich als Mann verkleidet, gemeinsam mit ihrer Cousine Celia in den Wald Ardenne begibt, dort ihren geliebten Orlando auf die Probe stellt und nebenbei noch so manch anderes Liebespaar trifft. Ein jedes hat dabei so seine internen Probleme, Mann und Frau bekriegen sich verbal in einer Tour.

In diesem schnellen Schlagabtausch halten sich die Geschlechter gegenseitig den Spiegel vor, was vor allem durch den Rollentausch neue Sichtweisen eröffnet. Denn wenn beispielsweise Rosalind als Ganymed verkleidet (Saro Emirze) in Ohnmacht fällt und sie von Celia (Kai Frederic Schrickel) ermahnt wird, dass das eine weibliche Schwäche sei, kommt das keineswegs als Kritik am weiblichen Geschlecht rüber. Es scheint vielmehr, als würde Celia infrage stellen, warum denn nicht auch Männer mal Schwäche zeigen dürfen. Gerade wenn sie der weinenden Ganymed-Rosalind den Rücken tätschelt und dabei wissend ins Publikum lächelt, glaubt der Zuschauer sie sagen zu hören: „Es ist in Ordnung, liebe Männer, lasst eure Gefühle ruhig zu.“ Im Gegensatz dazu spielt Jillian Anthony die durch und durch männliche Figur Orlando als Liebeswaschlappen, der phrasenreiche Verse dichtet, beim Anblick seiner angebeteten Rosalind aber zur stummen Salzsäule erstarrt. Wo ein männlicher Darsteller aufpassen müsste, den Charakter nicht nach einer Seite kippen zu lassen – also zu männlich oder zu lächerlich erscheinen zu lassen – gelingt es hier spielerisch, eine Mitte zu finden, die beiden Seiten gerecht wird.

Überhaupt ist es der guten Laune des Ensembles zu verdanken, dass das Stück trotz aller eingeschobenen Fremdelemente, wie etwa diverse Liebeslieder von Elvis bis Johannes Brahms, niemals ins Lächerliche abkippt. Die Darsteller sind in einer Chemie verbunden, die jeden Witz in einen wohligen Lacher, jeden erhobenen Zeigefinger in ein nachdenkliches Lächeln verwandelt. Dabei lassen sie das Publikum nie vergessen, dass es im Theater sitzt. Etwa wenn Petra Wolf, die gleich mehrere Rollen gleichzeitig spielt, in einen Dialog mit sich selbst treten muss und den Zuschauern vorher noch einmal kurz erläutert, wer jetzt da eigentlich mit wem spricht. Man verstünde ja sonst die Welt nicht mehr, lässt sie dabei kopfschüttelnd vernehmen, schließlich sehe sie selbst schon kaum mehr durch in diesem ganzen Verwirrspiel. Der rote Faden des Stückes geht aber trotz der vielen Verwechslungsspiele niemals ganz verloren. Dazu ist alles viel zu liebevoll inszeniert. Man fühlt sich nur allzu gerne ein in die verdrehten Gefühlswelten der Figuren und vergisst dabei ganz schnell, dass auf der Bühne eigentlich verkehrte Welt herrscht.

Am Ende ist es sogar fast seltsam, wenn Celia und Rosalind ihre Perücken abnehmen und wieder als Männer ihre beiden – nun wieder als Frauen erkennbaren – Geliebten im Arm wiegen. Doch auch nur für einen kurzen Moment, zu schnell rührt einen dieser Anblick von harmonischem Zusammenspiel der Geschlechter, in dem jegliche Zuweisung plötzlich sinnfrei erscheint.

„Wie es euch gefällt“ auf dem Schirrhof, Schiffbauergasse, wieder gespielt am heutigen Samstag und am Sonntag, jeweils 19 Uhr

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