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  • 07.07.2015
  • von Ariane Lemme

"Localize"-Festival in Potsdam: Drewitz wird zur sozialen Plastik

von Ariane Lemme

Zum Potsdamer "Localize"-Festival in Drewitz werden Leben, Politik und Schönheit bald elegant verschmelzen. Foto: Veranstalter

Das "Localize"-Festival in Potsdam macht sich in diesem Jahr in Drewitz zur sozialen Plastik. Doch das Festival steht selbst an der Schwelle.

Potsdam - Sie ist so schön – man fragt sich, warum nicht schon früher jemand auf die Idee gekommen ist: Das „Localize“-Festival, das vor acht Jahren als studentisches Projekt begonnen hat, zieht in diesem Jahr raus aus dem puppenstubenhaften Stadtkern – und hinein ins echte Potsdam. Nach Drewitz, um genau zu sein, tief ins Herz der Platte. Die Wohnhäuser in der Konrad-Wolf-Allee 59 bis 63 werden vom 16. bis zum 19. Juli zum Ort für Kunst – nein, eigentlich werden sie selbst zur Kunst, zur sozialen Plastik im besten beuysschen Sinne. Für Joseph Beuys war jeder ein Künstler, der das Leben sozial und kreativ gestaltet, war all das Kunst, was die Gesellschaft formt.

Künstler thematisieren das Drinnen- und Draußen-Sein


Deshalb werden die Wohnungen in einem Haus von Künstlern bespielt, die leer gezogenen und auf ihre Sanierung wartenden Räume werden zu Ateliers und Ausstellungsräumen zugleich. Anja Pentrop etwa ist schon da, die Potsdamer Künstlerin strickt gerade an einem schwarzen Netz. Das ist Teil ihrer Arbeit, sie holt aber auch drei Gastkünstler in ihre Drei-Zimmer-Küche-Bad-Einheit. Deren Namen bleiben aber geheim – denn sie sind Todeskandidaten in US-Gefängnissen, nicht alle von ihnen dürfen sich außerhalb des Knasts äußern, schon gar nicht künstlerisch. Für Pentrop ist das kein billiger Akt der Solidarität, dass sie mit den Insassen zusammenarbeitet, ist auch für sie ein Risiko. Aber was soll sie tun? „Die sagen mir immer: das Leben im Todestrakt, das tötet uns – jeden Tag.“

Auch andere Künstler hier beschäftigen sich mit dem Drinnen- und Draußen-Sein, mit Privilegien hier – und Leid dort. 100 Liter Mittelmeerwasser stehen abgefüllt auf dem Treppenabsatz. Kein Problem für die Berliner Künstler, das hierher zu schaffen, kann man aus dem Urlaub mitbringen. Für die auf der anderen Seite, die etwa vor dem Krieg in Syrien fliehen, ist es eine oft tödliche Hürde.
In beiden Arbeiten lässt sich das diesjährige „Localize“-Thema – Anfang und Ende, Abbruch und Aufbruch – lesen. An einer Schwelle steht das Festival selbst. Aus den studentischen Maßen – und damit auch aus den entsprechenden Fördertöpfen – ist es herausgewachsen, obwohl alle 14 Macher auch diesmal ehrenamtlich arbeiten, ist das Budget mit 25.000 Euro – für Künstler, Technik und Infrastruktur – höher als in den Jahren zuvor. Unterstützt werden sie diesmal von der Pro Potsdam und dem Kulturministerium.

"Localize" will Brücke schlagen

Das Thema wohnt aber auch dem Ort selbst inne. Drewitz soll sich verändern, die Plattenbauten – erstmals bezogen 1986, damals modern, heute ziemlich runtergewohnt, sollen saniert werden. Bis es so weit ist, kann damit passieren, was mit Leerstand überall passieren soll, zwischen Leben und Leben passt ein bisschen Reflexion des Lebens und das ist meistens Kunst. So ungefähr mag sich das auch die Projektkommunikation Hagenau gedacht haben, die für den Eigentümer der Plattenbau-Siedlung – die städtische Wohnungsbaugesellschaft Pro Potsdam – arbeitet. Die nämlich sei auf die „Localize“-Macher zugekommen, sagt Anja Engel.

Sie ist seit acht Jahren Teil des „Localize“-Vereins, meist sei es schwer, die Eigentümer der Grundstücke und Brachen zu überzeugen, ihnen ein Gelände für das Festival zur Verfügung zu stellen. Geschafft haben sie es immer, sie haben den ehemaligen Bahnhof Pirschheide oder eine Baulücke in der Gutenbergstraße bespielt, mit Kunst, Musik, Performance – mit Leben. Aber: Nie haben sie es auf die andere Havelseite geschafft, immer spielte sich alles im Stadtzentrum ab. Diesmal, sagt Engel, wollen sie auch eine Brücke schlagen zwischen den verschiedenen Lebensweisen in Potsdam.

Besucher sollen Drewitz erleben

Deshalb richten sie in der Nummer 59 die „Pension Wolf“ ein – ein Hostel in den eigentlich leeren Wohnungen, mit eigener Rezeption – poliertes dunkles Holz, eine Messingklingel, Kitschbildchen an der Wand – und 21 Betten. Dort können die Künstler schlafen, die hier arbeiten, aber auch Besucher, die Lust haben, Drewitz zu erleben, nicht während der Veranstaltungen anwesend zu sein, sondern wie bei Rockfestivals auch in der Zeit davor und danach – zum lokalen Bäcker schlendern, das Büdchen mit dem billigsten Bier finden, so etwas. „Die klassischen „Localize“-Besucher können so einen Stadtteil kennenlernen, in den sie sonst nicht so oft kommen, die Drewitzer lernen unser Festival besser kennen“, so sieht es Anja Engel. Bei gegenseitigem Beäugen wird es aber nicht bleiben.
Schließlich ist jeder ein Künstler. Die Theatermacherin Gabi Reinhardt holt Drewitzer auf die Bühne der Balkone, die Architektur wird zum Bühnenbild. „Das sind keine Schauspieler, aber Experten in dem, was sie tun“, sagt Reinhardt, ihr Stück, das „Balkonballett“, erzählt von ihren Geschichten. Klar, Reinhardt geht es um das Dokumentarische, das Echte – aber auch darum, diese – gerade in Potsdam – so verpönte Architektur mal anders zu konnotieren. Schließlich hat auch sie die Potsdamer Gesellschaft geformt. Mit Kunst, die ja alles noch schöner macht, geht das ganz leicht.

Das „Localize“ findet vom 16. bis 19. Juli an der Konrad-Wolf-Allee 59–63 statt

Mehr Infos zum Festival >>

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