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  • 20.05.2015
  • von Oliver Dietrich

André Herrmann im Kuze: Die Hölle ist ein Kaff in Sachsen-Anhalt

von Oliver Dietrich

In der Autobiografiefalle: André Herrmann. Foto: Felix Förster

Vom Landei aus Sachsen-Anhalt zum gescheiterten Germanistik-Studenten in Potsdam: André Herrmann las im Kuze aus seinem Roman „Klassenkampf“. Das Buch ist in Potsdam entstanden.

Potsdam - Wie fängt man ein Buch an, das den Bogen von einer verkorksten Jugend als anhaltinisches Landei bis zum gescheiterten Potsdamer Germanistik-Studenten schlägt? Am besten so: „Dem Geruch nach zu urteilen, war ich bereits vor drei Wochen auf tragische Art und Weise verstorben. Reglos lag ich auf der Couch in meinem Zimmer. Ich war am Ziel. Sofort nach meiner mündlichen Abiprüfung war ich in eine andauernde Starre verfallen, seit Tagen hatte ich mich nicht mehr bewegt.“

Der Leipziger Autor André Herrmann hat mit seinem Debütroman „Klassenkampf“, aus dem er am Montag im studentischen Kulturzentrum Kuze las, nicht nur ein Generationenporträt geschaffen, sondern eines der erfrischend witzigsten Bücher überhaupt. Glücklicherweise hebt sich der Leipziger Duktus der Lesebühnen schon seit Langem wohltuend vom Einheitsbrei der übrigen Slammer ab, die unisono in derselben Stimmlage ihre Pointchen verpacken – das hat Herrmann nicht nötig: Seine Geschichten leben von Eloquenz und gut dosierter Rhetorik. Wie er seine Figuren im tiefstanhaltinischen Dialekt losquasseln lässt – „Aldr, die hamm üübelst ’n Rad ab!“ – noch dazu onomatopoetische Spitzen – „Krrz, Kch, Krr!“ – dazwischenwirft, wie sie sonst nur in Comicheften zu finden sind, erzeugte anhaltendes Gelächter. Überhaupt hat man den Theatersaal des Kuze noch nie so brechend voll erlebt – was bestimmt auch daran lag, dass Herrmann zwei Wochen zuvor Gast in der „PotShow“ im Spartacus bei Marc-Uwe Kling war, der sich ja über einen Gästemangel noch nie beklagen konnte. Vielleicht ist das ja ein bisschen Aufwind für die – was Besucherzahlen angeht – manchmal schwächelnde Montagskulturreihe im Kuze.

Achtung, Autobiografiefalle!

„Irgendwie ist das Buch ja auch in Potsdam entstanden“, sagt Herrmann. 2012 war er schon mal bei der „PotShow“ und las Kurzgeschichten, bis Sebastian Lehmann und Marc-Uwe Kling – der im Roman als Marc-Udo Kling verewigt ist – auf ihn zukamen: „Schreib bloß ein Buch!“ Genau das hat Herrmann nun gemacht: Bis auf zwei Zeitsprünge erzählt der knapp 400-seitige Roman, der auch als Hörbuch erschienen ist, chronologisch von 2005 bis 2014 die Geschichte des Protagonisten André Herrmann – Achtung, Autobiografiefalle! –, mehr Überlebenskünstler als Student, den es immer wieder in sein Geburtskaff in Sachsen-Anhalt zurückzieht.

Dort trifft er nicht nur auf alte Freunde wie den unberechenbaren Maik und dessen imaginären Zwillingsbruder Mirko, oder „Victory-Micha“, der sich im Silvesterkrieg kleinen Finger, Ringfinger und Daumen absprengte, sondern auch auf alle gestrandeten Gestalten seiner Jugend, denen er widerwillig zu einem Klassentreffen begegnet: „Der Frevel aus Las Vegas wurde in eine Mehrzweckhalle in Sachsen-Anhalt verlegt.“ Diese „Kleinstadt, in der jeder eine Thunderdome-CD besitzt“, ist zugleich Hölle und Identitätsort.

Herrmann transportiert den anhaltinischen Lokalkolorit auf eine überspitzte Ebene, die ihre Energie durch die anarchischen Dialoge und die feinen Beobachtungen zieht: Die einzige Perspektive, die man als junger Mensch in Sachsen-Anhalt noch haben könne, sei Gangster-Rap, schreibt Herrmann etwa. Vielleicht ist das aber gar nicht der schlechteste Ort, um seine Jugend zu verbringen – zumindest wenn dabei solche Geschichten herauskommen. 

André Herrmann: "Klassenkampf", Voland&Quist, 19,90 Euro. Der Roman ist auch als Hörbuch erschienen. 

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