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  • 15.05.2015
  • von Richard Rabensaat

Schweigen ist Sprengstoff

von Richard Rabensaat

Stück über armenische Identität in der Reithalle

Ein roter Faden zerschneidet das Gesicht von Sabiha. Unter dem straffen Faden quellen die einzelnen Partien des Gesichts hervor. Das Antlitz zerfällt in Einzelteile, das Ganze ist nicht erkennbar. Es ist ein starkes Bild für die Zerrissenheit der Protagonistin, das der Regisseur Ron Rosenberg zusammen mit der Schauspielerin Bea Ehlers-Kerbekian gefunden hat.

In einem Monolog erzählt Kerbekian am Mittwochabend in der Reithalle des Hans Otto Theaters die Geschichte der Deutsch-Türkin Sabiha. Eigentlich fühlt sie sich als Deutsche, dort ist sie aufgewachsen. Sie akzeptiert ihre türkischen Wurzeln erst als Erwachsene, als sie anfängt, sich mit ihrer Identität auseinanderzusetzen. Sie sympathisiert mit den türkischen Nationalisten, nimmt als Rednerin an einer Demonstration in Berlin gegen Armenier und für türkische Faschisten teil. Doch als ihre Mutter stirbt, entdeckt Sabiha zwischen ihren Brüsten ein tätowiertes Kreuz – und begreift, dass ihre Mutter eine Nachfahrin der wenigen Armenier sein muss, die den Völkermord 1915/1916 überlebt haben. Sabiha ist verwirrt: Nun ist sie mit noch einer Identität konfrontiert, sie sucht nach Balance.

Es ist ein furioser Monolog, mit dem Bea Ehlers-Kerbekian die türkische Frau auf der Bühne entstehen lässt. „Ohne meinen persönlichen Hintergrund hätte ich das nicht spielen können“, sagt Kerbekian im Gespräch im Anschluss an das Stück – auch ihre Großeltern waren von dem Massaker an den Armeniern vor nun 100 Jahren betroffen. „Meinem Urgroßvater hat man den Schädel mit der Axt gespalten.“ Von der Gräueltat habe ihr ihre Mutter erzählt – als sie noch ein Kind war. Das Bild habe sie nie wieder losgelassen. Aber sie sagt auch: „Was nicht ausgesprochen wird, ist Dynamit, das an die Kinder weitergegeben wird.“ Die Historie, die der Dramatiker Dogan Akhanh mit dem Stück anspricht, ist nicht abgeschlossen. Mit dem Terror des Islamischen Staats gerät sie aktuell zusätzlich in den Fokus. Denn die Terrororganisation operiert in jenem Gebiet, in dem vor hundert Jahren der Genozid am armenischen Volk stattfand.

Die Türkei bekennt sich offiziell immer noch nicht zu dem Verbrechen, sagt der Leiter des Potsdamer Lepsiushauses, Rolf Hosfeld. Aber: „Die Zivilgesellschaft in der Türkei ist segmentiert – dass es auch eine Ablehnung der offiziell verordneten Begeisterung fürs Nationale gibt, wurde bei der Beerdigung von Hrant Dink deutlich“, so Hosfeld. Der armenische Journalist Dink wurde 2007 von einem türkischen Nationalisten auf offener Straße erschossen. An seiner Beerdigung nahmen Tausende Türken teil. Sie machten deutlich, dass der Mord an den Armeniern auch in der türkischen Gesellschaft kritisch diskutiert wird.

„Das war ein Wendepunkt“, sagt auch die Journalistin Muriel Mirak-Weißbach. In der Türkei beginne langsam die Aufarbeitung, die Bundestagsdebatte in Deutschland, in der in diesem Jahr ebenfalls von einem Völkermord gesprochen wurde, sei hilfreich. Dass Völkermord und massenhafte Vertreibung, wie sie die Armenier erfahren haben, nicht der Vergangenheit angehören, zeigten aktuelle Flüchtlingsströme ebenso wie Massaker der jüngeren Vergangenheit – in Srebrenica oder in Ruanda. „Brandaktuelle Fragen“ würden in dem Stück verhandelt, man müsse nur den Blick auf die Flüchtlinge an den Toren Europas richten, so Weißbach. Richard Rabensaat

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