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  • 10.03.2015
  • von Oliver Dietrich

Tucholskys Claire

von Oliver Dietrich

„Else Weil, genannt Pimbusch“ im Kuze

Else Weil ist wohl eine der tragischsten Figuren der Geschichte: eine Frau mit Visionen, die zum Vorbild taugt – und dann im Strudel der Ereignisse jäh aus dem Leben gerissen. Viel weiß man heute nicht über Else Weil, nicht mal die Umstände ihres Todes sind geklärt. Aber mit einem Namen bleibt sie auf immer verbunden: Kurt Tucholsky, dessen Muse und kurzzeitige Ehefrau sie wurde und die ihm als Figur der Claire in Tucholskys Erzählung „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ diente, das 1912 im Axel Junker Verlag Berlin erschien und einer subtil-erotischen Sensation gleichkam.

Die Potsdamerin Mechthild Klann will am Mittwoch Else Weil aus der drohenden Vergessenheit holen: Mit ihrem Solotheaterstück „Else Weil, genannt Pimbusch“ erzählt sie die Geschichte einer der ersten deutschen Ärztinnen – ihre Bühnenpartner sind eine Reiseschreibmaschine, ein Akkordeon und eine Tabakspfeife.

Else Weil wurde 1889 als Tochter des jüdischen Kaufmanns Siegmund Weil und dessen Frau Franziska in Berlin geboren und begann nach dem Abitur, an der Königlichen Friedrich Wilhelms Universität Berlin – die heutige Humboldt-Universität – zunächst Philosophie zu studieren, schrieb sich aber nach nur einem Semester in das Fach Medizin ein. Eine Pionierin, sicherlich: Nach ihrer Doktorarbeit über Halluzinationen und Wahnvorstellungen bei Frauen erhielt sie 1918, im letzten Kriegsjahr des Ersten Weltkrieges, ihre Approbation – als eine von 90 Frauen in ganz Deutschland. 1920 heiratete sie Kurt Tucholsky, den sie knapp zehn Jahre zuvor bei einem gemeinsamen Ausflug nach Rheinsberg kennenlernte. In der Figur der Claire verewigte Tucholsky sie: Den Spitznamen sollte sie nie wieder ablegen. Lang hielt diese Ehe freilich nicht: 1924 wurden sie wieder geschieden.

1933, mit der Machtergreifung der Nazis, verlor Else Weil ihre Zulassung, so wie alle jüdischen Ärzte, sie legte sich ihren Geburtsnamen zu – vermutlich auch, um sich selbst mit dem Namen Tucholsky nicht zu schaden – und flüchtete 1938 schließlich nach Paris. Lange hielt die Freiheit nicht: 1940 marschierten die Deutschen in Frankreich ein, als Staatenlose wurde Else Weil im Sammellager Drancy interniert, von wo aus im September 1942 ein Zug ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau geschickt wurde – ob Else Weil während der Deportation oder erst in den Gaskammern starb, ist ungeklärt.

„Mich hat dieses Weiterkämpfen, dieses Komische im Tragischen ihrer Persönlichkeit fasziniert“, sagt Mechthild Klann, die ursprünglich auch mal in einer Männerdomäne arbeitete: Nach dem Mathematik-Studium kam sie an das Potsdamer Geoforschungszentrum, machte später jedoch in Bochum eine Ausbildung als Figurentheaterspielerin. Das Stück über Else Weil ist ihr erstes Solotheaterstück: „Es ist nicht textlastig, viel geschieht über Bilder und Bewegungen.“ Figurentheater sei eben die Form, die ihr am nächsten sei.

Von 1910 bis 1942 ist es natürlich ein weiter Bogen, den die Biografie von Else Weil spannt. Das Stück beginnt in einer alten Ziegelei, wo Else Weil mit 1700 anderen Frauen interniert war, schrittweise erinnert sie sich an ihre Zeit in Berlin zurück. Grundlegend tragisch sollen diese Erinnerungen jedoch nicht werden: „Als Else Weil als Kindermädchen arbeitete, wurde eines der Kinder später ein berühmter Clown“, sagt Mechthild Klann. Oliver Dietrich

„Else Weil, genannt Pimbusch“ am Mittwoch, 11. März, um 20 Uhr im Kuze, Hermann-Elflein-Str. 10, weitere Vorstellungen am 14. und 15. März. Eintritt: 8, erm. 6 Euro.

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