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  • 12.01.2015
  • von Babette Kaiserkern

Weniger ist mal wieder mehr

von Babette Kaiserkern

Geschichtenerzählerin. Die südafrikanische Sängerin Cherilyn MacNeil. Foto: pr

Dear Reader und das Filmorchester Babelsberg

Mit einem „Danke, dass ihr gekommen seid“ begrüßt Cherilyn MacNeil die Zuhörer am Samstagabend im Nikolaisaal. Sturmböen und Verkehrschaos hatten für eine kleine Verspätung gesorgt, aber nun ist der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Auch die Bühne ist restlos besetzt. Die junge Musikerin steht ganz vorn hinter ihrem Keyboard, dahinter finden sich nicht nur die sechs Musiker ihrer Band Dear Reader, sondern auch noch rund 60 Musiker vom Deutschen Filmorchester Babelsberg. Normalerweise spiele sie ja in kleineren Sälen, erklärt Cherilyn MacNeil, da könne sie die Leute besser sehen und mehr quatschen. Doch auch hier liegt ihr das Publikum von Anfang an zu Füßen und lauscht gebannt. Man nimmt ihr die freundliche, unprätentiöse Ansprache ebenso gern ab wie das, was sie mit Stimme und Instrumenten hervorbringt. Zumal Showeffekte jeder Art bei diesem einmaligen Konzert fernliegen.

Jeder der kleinen Songs ist eine Eigenkomposition von Cherilyn MacNeil, die dazu auch noch gehaltvolle Texte geschrieben hat. Man könnte sie eine moderne Bardin nennen, die wie in uralten Zeiten einfach von den Dingen erzählt, die sie bewegen. Das können Reminiszenzen aus Cherilyns Heimat Südafrika sein, wo sie zur weißen, englischsprachigen Minderheit gehört. Sie singt auch von Tieren, denen sie ihr Album „Idealistic Animals“ widmete oder einfach aus dem Leben an sich. So vieles entspringt der Inspiration einer aufmerksamen und nachdenklichen Beobachterin und womöglich auch Leserin. Schließlich ist der Name Dear Reader (Lieber Leser) ziemlich ungewöhnlich für eine Band, irgendeinen geheimen Grund wird es schon dafür geben.

Zu hören sind an diesem Abend insgesamt 21 Songs aus vier Alben, alle randvoll mit harmoniesatten, melodischen, gern leicht melancholischen Klangfarben, doch gleicht keiner dem anderem. Etwa die Hälfte davon ist überstrahlt vom süffigen Sound des Filmorchesters Babelsberg, das von Scott Lawton mit leichter Hand bewegt wird. Dennoch dräut und dröhnt es manchmal ziemlich und verschluckt die zarten Töne der Sängerin und Musikerin. Überzeugender wirken die Auftritte im kleinen Format mit der eigenen Band. Ein paar Basstöne (Michael Vinne), einige Geigenlinien (Anne de Wolff) oder kurze, kuriose Einwürfe vom Cornet (Emma Greenfield) machen mehr Eindruck als das ganze symphonische Tonmeer. Den Song „Left by Ground“ widmet Cherilyn dem verstorbenen Radioeins-Chef Peter Radszuhn, der den Kontakt zum Filmorchester Babelsberg erst ermöglicht hat. Dabei ist sie ganz bei sich, allein mit ihrer weichen Stimme und ihrer Gitarre singt sie eine anrührende Hommage. Nicht erst hier zeigt sich, dass diese Musikerin, Komponistin und Verfasserin poetischer Texte ihren Weg machen wird. Spätestens nach diesem Konzert ist Cherilyn MacNeil sicher kein Geheimtipp mehr. Babette Kaiserkern

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