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  • 01.12.2014
  • von Astrid Priebs-Tröger

Berührend

von Astrid Priebs-Tröger

Christel Leuners „Lale-Andersen-Programm“

Es hätte keinen besseren Ort für ihren Auftritt geben können. Denn das Potsdamer Theaterschiff verknüpft das Leben von Christel Leuner mit dem von Lale Andersen. Symbolisch versteht sich. Die frühere Potsdamer Schauspielerin trat am Samstagabend mit ihrem Programm „Wie einst, Lilli Marleen“ im ehemaligen Lastkahn auf und entführte das Publikum gleich zu Anfang per Seeweg von Potsdam nach Bremerhaven. Dorthin zog sie selbst Anfang der 1990er-Jahre ans Stadttheater und in dieser Stadt wurde auch Lale Andersen 1905 geboren.

Christel Leuner, inzwischen 70, beschäftigt sich schon lange mit dem Leben und Werk der ehemals weltberühmten Sängerin, deren Hit „Lilli Marleen“ seit 1941 die Herzen von Soldaten und Zivilisten im Sturm erobert hat. Und während genau dieses Lied fortlebt, hat man seine Interpretin so gut wie vergessen. Mit nichts als unterschiedlichen Kopfbedeckungen, ihrem großartigen Pianisten Christian Deichstätter und den Liedern von Lale Andersen selbst, sowie von Bertolt Brecht, Hans Albers und Zarah Leander entführte die Schauspielerin atmosphärisch dicht von den 1920er- bis in die 60er-Jahre.

Dabei bringt sie zwischen den Gesangsnummern biografische Schnipsel aus dem wechselvollen Leben der Andersen zu Gehör und entwirft pointiert das facettenreiche Bild einer ehrgeizigen und lebenslustigen, aber auch einsamen Künstlerin und alleinerziehenden Mutter, die ihrer Gesangs- und Theaterleidenschaft alles andere unterordnete. Und die als emanzipierte Frau in keine der gängigen Schubladen passte. Denn obwohl „Lilli Marleen“ europaweit an den Fronten gespielt wurde, ließen es die Nationalsozialisten später aufgrund seines „wehrkraftzersetzenden“ Textes verbieten. Und, das gehört zur Geschichte und zum Höhepunkt des Programms von Christel Leuner, in der Folge summten es die Leute einfach weiter. Auch das Potsdamer Publikum brauchte dazu keine Anleitung.

Immer wieder Seefahrer, Liebe und Herzschmerz sind Themen, die die frühen und auch späteren Lieder von Lale Andersen – die auch „Spatz vom Weserdeich“ genannt wird – durchziehen. Alles in allem sind sie heutzutage ein wenig oberflächlich, wenn, ja wenn sie nicht Christel Leuner singen würde! Denn diese reife, humorvolle und im Herzen jung gebliebene Schauspielerin verleiht ihnen kraft ihres eigenen gelebten Lebens und ihrer spürbaren Empathie für die Sängerin eine wunderbare Tiefe und Allgemeingültigkeit.

Und während man auf „Lili Marleen“ bis zum Ende ihres einstündigen Programms warten muss, nimmt sie einen mit ihrer kräftigen, wandlungsfähigen und herzberührenden Stimme mit in dieses fremde, eigene Leben. Wunderbar auch ihre Ausflüge in Brechts „Bilbao- und Kanonensong“ oder die ironische Darstellung von Zarah Leander. Ihr Lale-Andersen-Programm überzeugt jedoch nicht nur gesanglich, sondern vermag durch die dramaturgisch geschickte Auswahl der Lieder und der verbindenden Texte mit wenigen Strichen die Atmosphäre der Kriegs- und Nachkriegszeit in Deutschland nachfühlbar zu zeichnen. Dabei bezieht sie das Publikum direkt mit ein und man wünscht sich, dass man die Leuner, die inzwischen wieder in Potsdam lebt, noch öfter auf den Brettern, die auch ihr die Welt bedeuten, erleben darf. Astrid Priebs-Tröger

Nächste Vorstellung am Freitag, dem 12. Dezember, um 20 Uhr auf dem Theaterschiff in der Schiffbauergasse.

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